Rems-Murr-Kreis

Indische Corona-Mutante erreicht Rems-Murr-Kreis: Geht nun die Pandemie von vorne los?

Indische Mutation
Das Coronavirus hat bei der Verbreitung innerhalb der Milliarden-Bevölkerung Indiens besorgniserregende Mutationen entwickelt. © Pixabay Montage Mogck

Je mehr Leute sich anstecken und je mehr sich das Coronavirus verbreitet, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Mutationen kommt. Und je mehr Mutationen entstehen, desto wahrscheinlicher wirken irgendwann vorhandene Impfstoffe nicht mehr so gut dagegen. Nun ist die indische Mutante im Rems-Murr-Kreis angekommen. Manche Wissenschaftler sehen bei ihr das Potenzial zum Auslösen einer vierten Corona-Welle. Und das jetzt, da die dritte Welle doch gerade erst zu brechen scheint, die bundesweite Inzidenz auf unter 50 gesunken ist und ganz Deutschland Lockerungen und Öffnungen, nein, alte Normalität, herbeisehnt, kurzum die Nase voll hat von der Pandemie.

Der erste Fall der indischen Variante im Rems-Murr-Kreis ist am Mittwoch (26.5.) bekanntgeworden. Die Variante des Coronavirus wurde bei einer Person festgestellt, die aus Indien nach Weinstadt eingereist war. Die Person hatte sich – wie gesetzlich vorgesehen – nach der Ankunft in Weinstadt unverzüglich in Quarantäne begeben, teilt das Landratsamt mit. „Erst nach Ende der zweiwöchigen Quarantäne kam das Ergebnis der Sequenzierung: Beim Erreger handelt es sich um die indische Variante des Coronavirus.“

Das Kreis-Gesundheitsamt geht derzeit davon aus, dass die Infektionskette durchbrochen ist. „Die betroffene Person hat die vorgeschriebene Quarantäne vorbildlich eingehalten und stand in engem Kontakt mit der Ortspolizeibehörde.“ Das Gesundheitsamt bittet eindringlich alle Reisenden und Reiserückkehrer: „Halten Sie sich an die geltenden Quarantänevorschriften und helfen Sie mit, die weitere Ausbreitung des Virus und seiner Varianten zu verhindern.“

Wie viele Infektionen mit der indischen Mutante gibt es schon?

„Die uns vorliegenden Daten zeigen bislang, dass zwar eine Zunahme in den Fällen mit der indischen Variante zu beobachten ist, dies jedoch weiterhin auf einem niedrigen Niveau geschieht“, sagt Lisa Schlager, Pressesprecherin des Regierungspräsidiums Stuttgart und des Landesgesundheitsamts. „Nach unserer derzeitigen Bewertung der Lage ist die indische Variante bis jetzt in Baden-Württemberg nicht weit verbreitet. Konkreten Aussagen zur Dunkelziffer können aktuell noch nicht getroffen werden.“

Das liegt auch daran, dass aus Kapazitäts- und Kostengründen immer noch nicht alle PCR-Test-Proben in Deutschland auf Virusvarianten untersucht werden.

Die meisten der in Baden-Württemberg entdeckten Fälle stünden in Zusammenhang mit Indien-Reisen oder Indien-Aufenthalten beziehungsweise seien in Privathaushalten aufgetaucht, die Kontakt zu Indien-Reisenden hatten. Laut Landesgesundheitsamt (LGA) gibt es derzeit 49 bekannte Infektionsfälle mit dem Coronavariantentyp B1.1.617, wie die indische Mutante im Fachjargon bezeichnet wird. Bei B1.1.617 wird obendrein noch zwischen Untervarianten 1, 2 und 3 unterschieden.

49 Fälle, das ist verhältnismäßig wenig. Jedoch hat die britische Variante (B.1.1.7) auch „klein angefangen“ und macht mittlerweile die absolute Mehrheit aller Coronafälle aus. Insgesamt 123.570-mal wurde sie seit Dezember in Baden-Württemberg nachgewiesen. Dass sich allerdings die südafrikanische Variante (B.1.351) und die brasilianische Variante (B.1.1.28 P1) nicht weiter verbreitet haben, lässt hoffen. Die beiden Varianten wurden landesweit bislang nur 1248-mal beziehungsweise 146-mal bei Sequenzierungen von PCR-Test-Proben identifiziert, so das LGA.

Ähnlich ist die Lage laut Robert-Koch-Institut (RKI) in Gesamt-Deutschland: Derzeit werde in 87 Prozent der untersuchten positiven PCR-Test-Proben die britische Variante gefunden. Die indische Variante werde im Schnitt nur in circa zwei Prozent der Proben nachgewiesen, aber: „Ihr Anteil stieg in den letzten Wochen stetig an“, schreibt das RKI.

Ein Blick nach Großbritannien, wenn auch dort größere Bevölkerungsteile Bezug zu dem vorderasiatischen Subkontinent haben als in Deutschland und Baden-Württemberg, zeigt, wie bedrohlich die Lage in Europa und letztlich auch bei uns im Rems-Murr-Kreis werden könnte.

Was macht Großbritannien angesichts der indischen Mutante?

In Großbritannien wurden bislang rund 3400 Infektionen mit der indischen Corona-Variante registriert. Da die Zahl der Neuinfektionen aber derzeit landesweit sehr niedrig ist, wurden Lockdown-Maßnahmen und Einschränkungen stark gelockert. Für von der indischen Variante stark betroffene Gebiete wurden die Maßnahmen mittlerweile aber wieder verschärft. Auf der Liste stehen Gebiete im Nordwesten des Landes, in Mittelengland und auch ein Londoner Bezirk. Am stärksten betroffen ist der Bezirk Bolton im Großraum Manchester.

Die unabhängige Expertengruppe „Independent Sage“ warnt davor, es bestehe die akute Gefahr, dass sich die indische Variante bald als dominante Coronaform in Großbritannien durchsetze. Landesweit sollten Lockerungen zurückgenommen und Menschen in Quarantäne, die über ein geringes Einkommen verfügen, staatlich unterstützt werden, so Forderungen von Independent Sage. Zudem appellierte die Expertengruppe dazu, die Maskenpflicht an Schulen wieder einzuführen.

Ist die indische Mutante ansteckender und gefährlicher?

Ein wissenschaftliches Beratergremium der britischen Regierung schrieb jüngst in einem Bericht, es sei „realistisch“, dass die Variante bis zu 50 Prozent ansteckender sein könnte als die bereits als sehr ansteckend geltende britische Variante. Ihr schlimmstes an die Wand gemaltes Szenario: eine vierte Infektionswelle mit Zehntausenden Toten.

Die indische Mutante steht auch beim RKI in Deutschland unter besonderer Beobachtung: Es gebe Hinweise, dass einige der Mutationen dieser Variante „ihre Übertragbarkeit erhöhen könnten, beispielsweise über eine Verstärkung der Bindung an die menschlichen Zellen“.

Wie wirken die vorhandenen Impfstoffe gegen die indische Mutante?

Eine aktuelle Studie der Regierungsbehörde Public Health England (PHE) macht Hoffnung, was die Wirksamkeit bereits im Einsatz befindlicher Corona-Impfstoffe gegen die indische Mutante angeht. Danach schützen die Impfstoffe von Biontech und Astrazeneca beinahe genauso effektiv gegen schlimme Verläufe wie bei einer durch die britische Variante hervorgerufenen Corona-Erkrankung.

Biontech schützt laut PHE zwei Wochen nach der zweiten Impfung mit 88-prozentiger Wirksamkeit verglichen mit 93 Prozent bei der britischen Variante. Bei Astrazeneca liege die Impf-Wirksamkeit bei 60 Prozent, verglichen mit 66 Prozent bei der britischen Variante. Nach der Erstimpfung liegt die Wirksamkeit beider Impfstoffe gegen die indische Variante jeweils bei rund 33 Prozent im Vergleich zu rund 50 Prozent bei der britischen Variante.

Wirksamkeit bedeutet nicht, dass die Impfstoffe nur bei soundsoviel Prozent der Geimpften wirken, sondern, dass soundsoviel Prozent der Krankheitssymptome abgeschwächt werden können. Schlimme Verläufe können somit verhindert werden.

Je mehr Leute sich anstecken und je mehr sich das Coronavirus verbreitet, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Mutationen kommt. Und je mehr Mutationen entstehen, desto wahrscheinlicher wirken irgendwann vorhandene Impfstoffe nicht mehr so gut dagegen. Nun ist die indische Mutante im Rems-Murr-Kreis angekommen. Manche Wissenschaftler sehen bei ihr das Potenzial zum Auslösen einer vierten Corona-Welle. Und das jetzt, da die dritte Welle doch gerade erst zu brechen scheint, die

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper