Rems-Murr-Kreis

Irrsinnig lauter Knall in Winnenden um Mitternacht: Was war da los?

Knall
Symbolfoto. © ZVW/Benjamin Büttner

Ein heftiger Knall riss Lynn Nagy und ihren Mann kurz vor Mitternacht aus dem Schlaf, und kurz darauf folgte ein „brutaler Knall“, wie die 25-Jährige aus Birkmannsweiler sagt: Es klang, als ob irgendjemand irgendwas in die Luft jagt. Als ob wer weiß was explodiert wäre.

Woher kamen diese Knalle in der Nacht auf Sonntag, 15. Januar? Sie waren in Winnenden zu hören und in Nellmersbach, in Weiler zum Stein und in Rettersburg, in Buoch und in Hertmannsweiler, berichten Bürgerinnen und Bürger auf Facebook. „Das hat sich eher nach einer Detonation größeren Ausmaßes angehört“, schreibt eine Frau. Ein anderer Nutzer des Netzwerks berichtet, er sei „fast vom Fahrrad gefallen“.

Im Laufe der Recherche kristallisiert sich ein dringender Verdacht heraus, wodurch der Lärm verursacht worden sein könnte. Es handelt sich um nicht mehr als einen Verdacht; Beweise fehlen.

Zunächst folgt der Versuch, sich der Sache mittels Ausschlussverfahren zu nähern. Ob’s ein Überschallknall gewesen sein könnte? Solche waren des Öfteren schon im Rems-Murr-Kreis zu hören, und diese Art Knall kann Fensterscheiben zum Bersten bringen.

„Nur militärische Luftfahrzeuge können derzeit einen Überschallknall verursachen“, informiert eine Sprecherin des Luftfahrt-Bundesamtes. Sie verweist deshalb aufs Luftfahrtamt der Bundeswehr. Von dort meldet sich binnen kürzester Zeit ein Sprecher und versichert, zu besagter Zeit in der Nacht auf Sonntag sei über Winnenden „kein militärischer Flugbetrieb festgestellt“ worden. „Vereinzelt“ war über der Region zivile Luftfahrt zu beobachten.

Dürfen Jäger auch nachts im Wald auf die Pirsch?

Von ziviler Luftfahrt rührt diese Art Lärm ganz sicher nicht. Vielleicht waren’s Jäger, die des Nachts der Jagdtrieb packte?

Zwar darf man selbst um Mitternacht Schwarzwild zur Strecke bringen, bestätigt Ernst Seitz, der Leiter des Hegerings Winnenden. Aber: „Jagdmunition hört man nicht so weit“, und diese Geräusche schlucke ohnehin der Wald zum großen Teil. Derart laute Knalle, die laut Ernst Seitz niemals von Jägern stammen können, habe er selbst bei abendlichen Rundgängen mit dem Hund auch schon gehört. Seine Vermutung über deren Ursprung ähnelt dem Verdacht dieser Zeitung.

Erinnerung an die Explosion vom Oktober 2022

Vielleicht war’s tatsächlich zu einer Explosion gekommen? Am späten Abend des 16. Oktober 2022 war in einem Anbau an die Lagerhalle einer metallverarbeitenden Firma am Oberen Wasen in Geradstetten ein Feuer ausgebrochen, woraufhin mehrere Gasflaschen explodierten. Etwas Ähnliches könnte erneut vorgefallen sein?

Wenn’s so wär’, hätten Polizei und Feuerwehr davon Kenntnis. In besagter Nacht registrierte die Polizei keinen Vorfall dieser Art, bestätigt Polizeisprecher Rudolf Biehlmaier. Lediglich eine Ruhestörung findet er im polizeiinternen Informationssystem unterm Stichwort „Winnenden“, ferner Streitigkeiten, Geschrei. Von einem Knall ist nirgendwo die Rede in allen Berichten, die Winnenden, Leutenbach oder Berglen in besagtem Zeitraum betreffen.

Bevor die Mutmaßungen nun ins Schräge abdriften, bevor noch irgendjemand Meteoriteneinschläge oder UFO-Flugübungen als potenzielle Knall-Ursachen ins Spiel bringt – sei der dringende Verdacht verraten: Da hat jemand mit Böllern hantiert. Aber nicht mit irgendwelchen.

Böller mit enormer Sprengkraft verursachen einen Höllenlärm

Politisch korrekt ist die Bezeichnung „Polenböller“ ganz sicher nicht, doch der Begriff scheint nicht nur unter feuerwerksbegeisterten Leuten recht gängig zu sein. Der Begriff „Polenböller“ gilt praktisch als Synonym für in Deutschland illegales Feuerwerk, erläutert Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Verbandes der pyrotechnischen Industrie mit Sitz in Ratingen. Diese Art Böller besitzen eine enorme Sprengkraft – und verursachen einen Höllenlärm. Während in Deutschland zugelassene Feuerwerkskörper auf Schwarzpulverbasis knallen und stinken, erlauben Aufsichtsbehörden in anderen europäischen Ländern, etwa in Polen, Böller mit „Blitzknallsatz“: Damit sind Substanzgemische gemeint, die mit einer ganz anderen Vehemenz losgehen als gewöhnliche Böller.

Youtube sei Dank kann der unbedarfte Laie sich sogleich einen Eindruck verschaffen und einem Polenböller per Video beim Durchknallen zuschauen: Ja. Doch. Klingt tatsächlich nach Explosion.

Ohrenzeugin Lynn Nagy unterzieht die auf Youtube inszenierte Polenböllerei einem Hörcheck und folgert: Womöglich war’s genau das. Es klingt sehr ähnlich. Doch wenn’s so war, dann muss ein extra kräftiges Kaliber an der Zündschnur befestigt gewesen sein.

Ein "Polenböller-Vergleich" auf Youtube

Neugierig geworden, recherchiert die Ohrenzeugin weiter und entdeckt „Bing Bang 8G“: Diese Art illegaler Böller hört sich den Inszenierungen auf Youtube zufolge tatsächlich in etwa so an wie der Knall in der Nacht auf Sonntag, der rund um Winnenden Menschen erschreckte.

An dieser Stelle wird’s jetzt doch noch schräg. Sichtlich sorgenfrei lässt ein junger Mann, der sich auf Youtube als Mr. Pyromanager präsentiert, einen illegalen Böller nach dem anderen auf irgendeinem abgelegenen Weg im Nirgendwo losgehen. Seine Mission: ein „Polenböller-Vergleich“. „Dum Bum 5G“ stellt er vor als „altbewährt“ mit fünf Gramm Blitzknall; „richtig gute Dinger“. Einen Böller nach dem anderen lässt der junge Mann krachen, und als sich im Hintergrund eine junge Dame beklagt, sie habe was abgekommen und das tue jetzt weh – folgt kurz darauf ein Schriftzug überm Video: nur ein blauer Fleck. Weiter geht’s.

Von „nur“ einem blauen Fleck sind eine Reihe von Vorfällen weit entfernt, die sich offenbar schon im Zusammenhang mit Polenböllern ereignet haben. Einem Bericht des Spiegel aus dem Jahr 2016 zufolge starb in Nordrhein-Westfalen ein 29-jähriger Mann, nachdem er mit einem illegalen Böller einen Kondomautomaten in die Luft gejagt hatte. Ein Stahlteil traf den Mann. Ein Blindgänger, der unerwartet explodierte, riss seinerzeit einem Elfjährigen in Berlin zwei Finger ab.

Verband fordert seit langem schon schärfere Kontrollen

Man ahnt und fürchtet, was besagter Mr. Pyromanager in einem seiner Videos bestätigt, als berichte er vom Kauf eines Paars Schurwollsocken: An diese Böller heranzukommen, ist ganz leicht. Was Leute damit anstellen, ist in zahllosen Videos dokumentiert.

Offenbar erfreuen sich illegale, extra laute Böller besonderer Beliebtheit. Seit Jahren fordert der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) schärfere Kontrollen, „um illegalem Wildwuchs vorzubeugen“, wie es in einer Mitteilung des Verbands anlässlich der Silvesterfeiern 2022 heißt: „Illegales Feuerwerk ist kein Spaß, sondern eine Bedrohung für Leib und Leben.“

Ein Facebook-Nutzer, der sich wie viele andere zum Knall in der Winnender Gegend äußerte, sieht’s gelassener: „Wenn irgendwelche Pyromanen irgendwo einen selbst gebastelten Feuerwerkskörper zur Explosion bringen und dieser einen lauten Knall verursacht, glaube ich nicht, dass dies jedes Mal einen Aufschrei in der Republik verursachen sollte.“

Ein heftiger Knall riss Lynn Nagy und ihren Mann kurz vor Mitternacht aus dem Schlaf, und kurz darauf folgte ein „brutaler Knall“, wie die 25-Jährige aus Birkmannsweiler sagt: Es klang, als ob irgendjemand irgendwas in die Luft jagt. Als ob wer weiß was explodiert wäre.

Woher kamen diese Knalle in der Nacht auf Sonntag, 15. Januar? Sie waren in Winnenden zu hören und in Nellmersbach, in Weiler zum Stein und in Rettersburg, in Buoch und in Hertmannsweiler, berichten Bürgerinnen und

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