Rems-Murr-Kreis

Ist die Busfenster-Klebewerbung „unzumutbar“? Fahrgastverband findet: Ja!

beklebtes Busfenster
Diese Busfenster sind mit Lochfolie beklebt: Außen kann die Werbung betrachtet werden. Innen wirkt alles etwas verschattet und verschleiert. Man sieht den Unterschied zu den nicht beklebten Scheibenteilen. Wie schlimm ist für die Fahrgäste eine solche Beklebung? © Wolfgang Staiger/Pro Bahn

Aufgeklebte Folien auf den Busfenstern führten zu einer „massiven Behinderung der Sicht“. Sehbehinderte Fahrgäste hätten dadurch „große Schwierigkeiten mit der Orientierung und dem Erkennen der Ausstiegshaltestelle“. Diese Form der Werbung führe zu einer „gravierenden Verschlechterung der Beförderungsqualität“. Sie sei „unzumutbar“. Bei den mit Werbung beklebten Busfenstern erhitzen sich die Gemüter. Wer hat recht?

Dr. Wolfgang Staiger, Sprecher des Fahrgastbeirats beim VVS und Mitglied beim Fahrgastverband Pro Bahn, hat sich gegen die Initiative der beiden FDP-Landtagsabgeordneten aus dem Rems-Murr-Kreis Julia Goll und Jochen Haußmann und den Geschäftsführer von Omnibusverkehr Ruoff aus Waiblingen, Horst Windeisen, ausgesprochen. Diese drei hatten sich gegen ein Vorhaben des Verkehrsministeriums gewandt. Das nämlich will ab dem nächstmöglichen Zeitpunkt die monetäre Förderung des Kaufs von Bussen, die für den Linienverkehr bestimmt sind, daran binden, dass diese Busse keine Klebewerbung auf den Fenstern mehr haben.

Bislang gestattet: Eine Beklebung von 25 Prozent der Fensterfläche

Bislang ist eine Beklebung von 25 Prozent der Fensterfläche gestattet. Dabei dürfen nicht jene Fenster beklebt werden, die der Busfahrer für seine Sicht braucht. Doch selbst diese 25 Prozent sind Wolfgang Staiger zumindest in manchen Fällen zu viel: Erst jüngst sei er Bus gefahren, die Folie sei genau auf Augenhöhe geklebt gewesen.

Horst Windeisen von Ruoff hat auf seinen Linienbussen auch Fensterklebewerbung. Er erklärt: Die Fensterflächen brächten als Werbeträger im Stadtbereich „nicht unter 500 Euro netto pro Monat“ ein. Dieses Geld sei in die Kalkulation der Linienbusfahrten miteingerechnet und unverzichtbar. Dieses Argument lässt der Fahrgastverband Pro Bahn in einer Pressemitteilung nicht gelten. Es sei „nicht stichhaltig“. Die Einnahmen – Pro Bahn geht allerdings von deutlich weniger, nämlich nur von bis zu 250 Euro aus – machten weniger als ein Prozent der Betriebskosten des Busses aus. Sie stellten einen „vernachlässigbaren Beitrag zur Kostendeckung dar“, eine „marginale Kostenreduktion“, die das Produkt Busfahrt deutlich verschlechtere und damit „fehlende Wertschätzung“ gegenüber den Kunden ausdrücke. Wolfgang Staiger rechnet aus, dass die Summe den Kosten von täglich drei Fahrkarten im Stadtverkehr oder einer Fahrkarte im Überlandverkehr entspräche.

Horst Windeisen von Omnibusverkehr Ruoff erklärt, dass sein Unternehmen „auf jeden Cent und nicht nur auf jeden Euro“ angewiesen sei, um die Löhne der Mitarbeiter zahlen und die eingehenden Rechnungen begleichen zu können. Er verweist auf explodierende Treibstoffkosten und die Einnahme-Einbrüche aufgrund der Pandemie. Zahlreiche Busunternehmen im Umland seien in die Insolvenz gegangen. Kosten einzusparen sei quasi unmöglich: Der Fahrplan sei vorgegeben und müsse zuverlässig bedient werden, an Personal und Treibstoff könne somit nicht gedreht werden. Bliebe, um die Einnahmen zu erhöhen, nur eine Erhöhung der Ticketpreise. Das jedoch sei „unpopulär und wird uns keine zusätzlichen Fahrgäste in Bus und Bahn bringen“.

Würden steigende Kosten mehr Widerspruch erzeugen als Werbung am Busfenster, durch die die Sicht nach außen anmutet, als verschatte ein Sonnenschutzrollo den Ausblick? Horst Windeisen hat erklärt, dass er in seiner Laufbahn schon sehr viele Beschwerden auf dem Schreibtisch gehabt habe. Niemand jedoch habe sich über die Lochfolie echauffiert.

Wolfgang Staiger dagegen sagt, dass sich die Fahrgäste seit mindestens 15 Jahren über diese Art der Werbung beschwerten. Sie stelle eine „erhebliche Beeinträchtigung der Beförderungsqualität“ dar. Staiger findet, dass freie Sicht aus Busfenstern kein unnötiger Luxus sei. Klebewerbung erschwere die Orientierung; wer „die schönen Seiten des Rems-Murr-Kreises erleben“ wolle, werde „enttäuscht“. Man gewinne nicht mehr Fahrgäste, wenn man sie „wie ein Transportgut“ behandle. Pro Bahn zieht in der Pressemitteilung gar den Vergleich von „Paketen“, die transportiert würden. Vor allem könne man dann nicht jene Fahrgäste zum Umsteigen bewegen, die auf Alternativen, sprich, aufs eigene Auto, zurückgreifen könnten. Mehr Fahrgäste täten aber dringend not vor dem Hintergrund der Umwelt- und Klimakrise.

Der flächendeckende Busverkehr solle durch Zuschüsse unterstützt werden

Ein flächendeckender Busverkehr, so Pro Bahn, sei „Teil der Daseinsvorsorge“ und könne nicht allein von den Fahrgästen oder durch Fahrzeugwerbung finanziert werden. Und, und hier wird’s entscheidend: „Er muss vielmehr von den zuständigen Behörden durch Zuschüsse unterstützt werden.“ Was heißt das genau? Auch „die Landkreise als Aufgabenträger des regionalen Busverkehrs“ sollten „mehr als bisher für einen attraktiven und flächendeckenden Linienverkehr ausgeben“, erklärt Wolfgang Staiger. Das Land wolle die Möglichkeit schaffen, „dass die Landkreise diese zusätzlichen Ausgaben über einen Mobilitätspass refinanzieren können, der je nach Modell von allen erwachsenen Einwohnern oder auch von den Kfz-Haltern erhoben wird“. Das heißt: Jeder erwachsene Einwohner oder jeder Autofahrer würde dafür aufkommen müssen, dass die Busunternehmen mehr Unterstützung brauchen – auch, weil ihnen die Werbeeinnahmen wegfallen. Die Kreise oder die Gemeinden, so Staiger, könnten die Kosten für den Busverkehr aber „natürlich auch aus dem allgemeinen Steuertopf finanzieren“. Das allerdings wäre letztlich wieder ein Griff in den Geldbeutel der Bürgerinnen und Bürger.

Aufgeklebte Folien auf den Busfenstern führten zu einer „massiven Behinderung der Sicht“. Sehbehinderte Fahrgäste hätten dadurch „große Schwierigkeiten mit der Orientierung und dem Erkennen der Ausstiegshaltestelle“. Diese Form der Werbung führe zu einer „gravierenden Verschlechterung der Beförderungsqualität“. Sie sei „unzumutbar“. Bei den mit Werbung beklebten Busfenstern erhitzen sich die Gemüter. Wer hat recht?

Dr. Wolfgang Staiger, Sprecher des Fahrgastbeirats beim VVS und

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