Rems-Murr-Kreis

Ist die Remstalkellerei am Ende?

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Die Wengerter leiden unter der Krise der Remstalkellerei. Bei der Generalversammlung am Dienstagabend hing dieses Plakat am Eingang der Prinz-Eugen-Halle: „Weinberg zu verpachten“. © ZVW/Martin Winterling
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Pressegespräch der Remstalkellerei-Spitze nach der nichtöffentlichen Generalversammlung der Genossenschaft (von links): Vorstandsmitglied Christoph Schwegler, Geschäftsführer Peter Jung, Vorständin und kaufmännische Leiterin Heike Schacherl sowie der stellvertretende Vorsitzende Werner Schaal.
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Redakteur Martin Winterling kann Muttertag nicht ausstehen.

Weinstadt.
Die wirtschaftliche Lage der Remstalkellerei ist prekär. Die Zukunft der Genossenschaft ist ungewisser denn je. Das Sanierungskonzept, das der Vorstand im Frühjahr den Mitgliedern präsentierte, ist bereits wieder Makulatur. Es reicht nicht, dass die Remstäler Weine bloß besser vermarktet werden müssten, um die Genossenschaft aus der schweren Krise zu holen. Es geht ums Eingemachte. Nicht mehr ausgeschlossen ist, dass die Remstalkellerei ihr teueres, 1,3 Hektar großes Kellerei-Gelände in Beutelsbach aufgibt und die Weine bei der Weingärtner-Zentralgenossenschaft (WZG) ausbauen lässt. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.

Dienstagnachmittag in Großheppach. Kurz vor 17 Uhr hat sich vor der Prinz-Eugen-Halle in Großheppach eine kleine Schlange gebildet. Die Mitglieder lassen sich registrieren und tragen sich in die Listen ein. An der Tür hängt ein Schild „Weinberg 26 Ar in Großheppach zu verpachten“. Besser lässt sich die Stimmung vieler Wengerter nicht ausdrücken. Viele haben der Genossenschaft bereits den Rücken gekehrt – oder würden dies liebend gern tun. Wenn sie denn eine Alternative hätten. Denn auch bei den selbstvermarktenden Weingütern wachsen die Reben nicht in den Himmel.

Generalversammlung wurde zur Infoveranstaltung umdeklariert

Dass Vorstand und Aufsichtsrat die jährliche Generalversammlung nicht traditionell im Juni, sondern erst auf Ende November einberufen haben, hat einen einfachen Grund: Im Sommer fehlten verlässliche Zahlen, nachdem der neue Geschäftsführer Peter Jung jetzt vor einem Jahr die Notbremse gezogen hatte, mit einem Brandbrief die Mitglieder über die dramatische wirtschaftliche Lage der Genossenschaft informierte und das Traubengeld einfror. Am Dienstag sollten nun Geschäftsführer und Vorstand bei einer Generalversammlung Rechenschaft über das Geschäftsjahr 2018 ablegen.

Doch Peter Jung musste gleich zu Anfang einen Formfehler bei der Einladung einräumen. Die Remstalkellerei hatte nur noch alle aktiven Wengerter eingeladen – und damit die Hälfte der rund 1150 Mitglieder im Vorfeld ausgeschlossen. Dieser Ausschluss trug die Gefahr in sich, dass die Generalversammlung wiederholt hätte werden müssen. Die Generalversammlung wurde zu einer Informationsveranstaltung umdeklariert. „Mein Fehler“, räumte Peter Jung bei einem Pressegespräch am Mittwochvormittag ein, bei dem er und die Vorstandsmitglieder Heike Schacherl, Werner Schaal und Christoph Schwegler über die Versammlung berichteten.

Die Liquidität ist gerade noch gewährleistet

Dienstag, 17.15 Uhr. Die Veranstaltung beginnt hinter verschlossenen Türen. Dem Vernehmen nach warf aber schon die Pleite bei den Einladungen einen dunklen Schatten auf Geschäftsführung, Vorstand und Aufsichtsrat. Der Prüfungsbericht des Genossenschaftsverbandes tat ein Übriges, dass die Stimmung der meisten Mitglieder im Keller blieb. Wie ein Teilnehmer berichtete, ließ die Prüferin kein gutes Haar an der wirtschaftlichen Lage wie auch an Vorstand und Aufsichtsrat. Die Liquidität sei noch gewährleistet, die Rücklagen bald aufgebraucht. Das vorgelegte, auf bessere Vermarktung abzielende Sanierungskonzept wurde als unzureichend erachtet. Auf Anfrage erklärte der Verband, dass Prüfungsberichte lediglich in den Generalversammlungen in Auszügen vorgestellt werden, aber ansonsten nichtöffentlich sind.

Die Rebfläche der Remstalkellerei schrumpft

Beim Pressegespräch bestätigte die für Finanzen zuständige Heike Schacherl, dass sie den Mitgliedern weitreichende Szenarien vorgestellt hat, wie die Zukunft ausschauen könnte. Geschäftsführer Peter Jung hatte die Devise ausgegeben: „keine Denkverbote“. Ursache der Misere seien die hohen Fixkosten, die der Genossenschaft über den Kopf wachsen. Umsatz und Absatz gehen zurück. Die Rebfläche der Remstalkellerei schrumpfte von einst 800 Hektar auf heute 500. Statt Masse ist auf dem Weinmarkt längst Klasse gefragt, so dass auch viele der riesigen Tanks unter der Erde leer bleiben. Die Perspektive ist schlecht: Mit dem Abschied der Ortsgenossenschaften Stetten und womöglich Korb werden es in wenigen Jahren nur noch 300 Hektar sein.

In Korb und Steinreinach stehen die Zeichen auf Abschied

Am Mittwochabend steht bei der Weingärtnergenossenschaft Korb und Steinreinach das Thema Remstalkellerei auf der Tagesordnung. Die WG will, wie vor einem Jahr die Ortsgenossenschaft Stetten, ihren Vertrag mit der Remstalkellerei aufkündigen und mit der WZG zusammenarbeiten. Wie der Vorsitzende Ruppert Häußermann auf Anfrage erklärte, stünden die Zeichen nach der gescheiterten Generalversammlung am Dienstag mehr denn je auf Abschied. Dass die Remstalkellerei den Standort in der Kaiserstraße aufgibt, das Gelände verkauft und künftig ebenfalls mit der WZG zusammenarbeitet, ist aus seiner Sicht eine „gute Lösung“. Denn die Zeit drängt – vor allem für die Wengerter. Ihnen breche bei dem geringen Traubengeld, das sie von der Remstalkellerei erhalten, die wirtschaftliche Basis weg.

Dass vereinzelt Weinberge nicht oder schlampig bewirtschaftet werden, sei eine Gefahr für alle Weinbaubetriebe. Krankheiten könnten sich ausbreiten und auf Nachbarn übergreifen. Egal wie es mit der Remstalkellerei weitergeht. Die Pläne für eine zentrale Kelter sind nicht vom Tisch, betont Werner Schaal. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Remstalkellerei und Vorsitzender der Weingärtner Remstal eG, in der sich die Ortsgenossenschaften Beutelsbach, Endersbach, Strümpfelbach, Kleinheppach und Großheppach mit ihren 280 Hektar Rebfläche zusammenschlossen, um ihre Trauben gemeinsam zu erfassen. „Es gibt keine Alternative dazu!“, betont Schaal. Diese neue Kelter sei notwendig, um den nächsten Schritt hin zu besseren Qualitäten zu machen.

Neue Generalversammlung voraussichtlich im Januar 2020

Voraussichtlich wird die gescheiterte Generalversammlung in der letzten Januarwoche 2020 nachgeholt. Eine Entscheidung über die Zukunft werde nicht fallen, sagt Heike Schacherl. Sie hat trotz der teilweise schlechten Stimmung am Dienstag den Eindruck, dass die Genossenschaft eine Zukunft hat. „Die Mitglieder glauben an die Remstalkellerei.“


Ende mit Schrecken

Ein Kommentar von Martin Winterling

Das hat es in der fast 80-jährigen Geschichte der Genossenschaft noch nicht gegeben. Die Remstalkellerei hat die Öffentlichkeit von ihrer Generalversammlung ausgeschlossen. Presse war nicht erwünscht. Die Mitglieder wollten unter sich bleiben, um die Zukunft der Genossenschaft zu erörtern. Und die sieht düster aus.

Fakt ist: Der Genossenschaft sind die Fixkosten über den Kopf gewachsen, weil immer mehr Mitglieder der Genossenschaft den Rücken kehrten und ganze Ortsgenossenschaften die Remstalkellerei verlassen. Das Schild eines Wengerters am Eingang der Prinz-Eugen-Halle in Großheppach sprach Bände: „Weinberg 26 Ar Großheppach zu verpachten“.

Unter der Misere leiden vor allem die 600 aktiven Mitglieder. Das Traubengeld bei der Remstalkellerei, also der Lohn für die Arbeit und Mühe im Wengert, ist im Remstal schon lange unter dem Durchschnitt in Württemberg und somit schlicht schlecht. Doch was die Weingärtner für die letzten Jahre erhalten, ist zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig. Es deckt oft noch nicht einmal die Kosten. Die Vollerwerbs-Betriebe sind in ihrer Existenz gefährdet. Hobby-Wengerter verlieren die Lust am G’schäft. Ein Blick in die Weinberge genügt, welche Folgen dies für unsere Landschaft hat. Schon heute werden manche Weinberge nicht oder nur noch nachlässig gepflegt.

Wenn Remstalkellerei-Geschäftsführer Peter Jung die Devise ausgibt „Keine Denkverbote“, dann ist auch ein Ende mit Schrecken denkbar. Nämlich das Ende der Remstalkellerei, wie wir sie kennen. Das altehrwürdige Gelände der Kellerei in Beutelsbach mit dem größten Holzfasskeller Württembergs würde zum Wohngebiet. Die Remstäler Genossenschaftsweine würden in Möglingen oder sonstwo hergestellt und unter der Marke „Remstalkellerei“ vermarktet. Wichtiger aber als alle Traditionen ist, dass der Weinbau und seine Wengerter im Remstal eine Zukunft bekommen.

Weinstadt.
Die wirtschaftliche Lage der Remstalkellerei ist prekär. Die Zukunft der Genossenschaft ist ungewisser denn je. Das Sanierungskonzept, das der Vorstand im Frühjahr den Mitgliedern präsentierte, ist bereits wieder Makulatur. Es reicht nicht, dass die Remstäler Weine bloß besser vermarktet werden müssten, um die Genossenschaft aus der schweren Krise zu holen. Es geht ums Eingemachte. Nicht mehr ausgeschlossen ist, dass die Remstalkellerei

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