Rems-Murr-Kreis

Jungstar, Grünen-Parteichefin, Hassobjekt: Ist Ricarda Lang dem Druck gewachsen?

Ricarda Lang
Ricarda Lang – das Foto entstand im September 2021 während des Bundestagswahlkampfs. © Gabriel Habermann

Eine 28-Jährige schreibt Politikgeschichte – sie ist nicht nur die jüngste Vorsitzende einer Regierungspartei in der Historie der Republik, sie dürfte auch die meistbeleidigte Frau Deutschlands sein: Ricarda Lang, Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Backnang/Gmünd und Chefin der Grünen.

Männer sind Schweine: Eine Online-Beobachtung

Wer eine Ahnung davon bekommen will, wie widerlich Männer sein können, muss nur die Kommentare unter Youtube-Videos mit Ricarda Lang durchlesen. All die zu kurz gekommenen Würste mit größenwahnsinnigen Alias-Namen wie Doctore Amore oder Calle X kotzen sich da aus: „Wenn sie furzt, gibt’s eine ökologische Katastrophe“, Ricarda Lang, die „tanzende Fleischwurst“, Ricarda Lang, der „Burger-Friedhof“.

Dass da derzeit eine junge Frau mal eben die steilste Politik-Karriere weit und breit macht, halten offenbar viele nicht gut aus.

Ricarda Lang, geboren 1994 als Kind einer alleinerziehenden Frauenhaus-Sozialarbeiterin, Tochter der Remstäler Bildhauer-Legende Eckhart Dietz, wurde mit 18 Mitglied bei den Grünen, mit 23 Vorsitzende der grünen Jugend, mit 25 Vize-Parteichefin, mit 28 die Nummer eins – nicht mal bei den Grünen selber ist das allen geheuer.

Das abgebrochene Studium und der Ärger mit der Remszeitung

Gewählt wurde neulich beim digitalen Parteitag eine Doppelspitze. Bei den Männern holte Omid Nouripour 83 Prozent, trotz zweier Mitbewerber, bei den Frauen kam Ricarda Lang auf 76, obwohl sie keine Gegenkandidatin hatte. Das dürfte nicht nur daran liegen, dass Lang explizit links steht innerhalb einer Partei, die insgesamt längst eher ökoliberal und gutbürgerlich geworden ist. Natürlich würde sich kein Parteifreund damit zitieren lassen, aber man bekommt derlei genüsslich gesteckt: Frau zu sein, reiche als einzige Qualifikation auch bei den Grünen noch nicht aus. Lang hat nie was anderes gemacht als Politik; wenn man vom abgebrochenen Jura-Studium absieht.

Mit der Remszeitung in Gmünd scheint sie es sich fürs Erste auch verdorben zu haben. Das Blatt wollte vor dem Grünen-Parteitag ein Interview mit der Lokalmatadorin – Lang fand nicht mal Zeit für ein zehnminütiges Telefonat. Ihr Büro verschickte stattdessen ein paar vorgefertigte Textbausteine, die wortgleich auch an andere Medien gingen. Worauf die Remszeitung nachvollziehbar angefressen titelte: „Wie viel Zeit bleibt für den Wahlkreis?“ Bereits während des Bundestagswahlkampfs habe man Lang in der Backnanger und Gmünder Gegend nur sehr selten gesichtet.

Wer nach Belegen für Ricarda Langs politisches Talent sucht, wird allerdings auch schnell fündig. Erstes Ausrufezeichen: 2018 verfasste sie auf Spiegel Online ein fulminantes Manifest. Es begann mit den Worten: „Ich bin dick.“ Es gebe Tage, „an denen mich das stört“, Tage, „an denen es mir egal ist“, Tage, „an denen ich mich schön fühle“ – aber niemals werde sie sich zum Schweigen bringen lassen, nur weil „irgendwelche Fremden“ sie „Fetti Mc Fett Fett“ nennen oder schreiben, „ich solle mich vollstopfen, bis ich platze, damit es wieder eine Grüne weniger auf der Welt gibt“.

Ricarda Lang, der Judo-Trick und die Applaus-Orgie von Bielefeld

In einer vernunftbegabten Welt hätten sich nach einem derart menschlichen, klugen, witzigen Text schlagartig alle Hater beschämt trollen müssen; aber natürlich hörte es danach nicht auf mit dem Hass.

Eins indes ist seither klar: Ricarda Lang hat die ungewöhnliche Gabe, wie eine Judo-Kämpferin die Wucht gegnerischer Angriffe in eigene Kraft umzuwandeln.

2019, Parteitag in Bielefeld; Lang kandidiert um einen Platz im Bundesvorstand. Als sie ihre Bewerbungsrede beginnt, sitzen im Saal nicht wenige Delegierte, vor allem ältere, desinteressiert herum, reden miteinander, hören der Frau da vorne kaum zu.

Lang aber nimmt erst mal allen, die vorab getuschelt haben, sie sei zu jung, den Wind aus den Segeln – indem sie den Nachteil einfach zum Pluspunkt umdefiniert: „Unsere Generation schaut nicht zu, wie unsere Zukunft in Kohlekraftwerken verheizt wird!“ Sprich: Wir Jungen werden unter dem Mist leiden, den die Alten angerichtet haben – und da sollten wir brav warten, bis wir eines fernen Tages mal drankommen? Szenenapplaus von den Jüngeren im Saal.

Danach aber dreht Lang richtig auf: „Ich war in den letzten Jahren immer wieder Mord- und Vergewaltigungsdrohungen ausgesetzt.“ Man habe ihr erklärt, daran müsse sie sich gewöhnen im Politbetrieb, aber „ich möchte mich daran nicht gewöhnen“ – bereits an dieser Stelle setzt erneut Beifall ein, aber Lang ignoriert das, sie hört einfach nicht auf zu reden, es ist, als trage das nicht enden wollende Klatschen wie ein fliegender Teppich ihre immer beschwingter werdenden Worte, „ich möchte mir kein dickes Fell zulegen“, der Applaus schwillt weiter auf, „ich möchte Mensch bleiben“, jetzt mischen sich Juchzer in den Beifall, „Menschenverachtung darf niemals Normalität werden“! Ovationen.

Wolfgang Kubicki, der Focus und die Impfpflicht

Der Focus, kein linkes Medium, schrieb neulich: Die beiden besten Reden in der Bundestagsdebatte zur Impfpflicht hätten zwei Leute gehalten, die unterschiedlicher nicht sein könnten – er, „so heterosexuell, wie man heterosexuell sein kann“, und auch noch „Volljurist, also im Besitz zweier Staatsexamina“, habe leidenschaftlich dagegen gekämpft; sie, „bisexuell, richtig links“ und „body positive“, also „einverstanden damit, nicht schlank zu sein“, habe differenziert dafür argumentiert. Wolfgang Kubicki, FDP. Und Ricarda Lang, Grüne.

Wird sie der Aufgabe, die Partei zu führen, gewachsen sein? Man wird sehen. Die Begabung, an einer Überfülle grundlosen, bösartigen Hasses nicht zu zerbrechen, sondern zu wachsen, ist jedenfalls nicht die unwichtigste Eigenschaft, um in der Politik zu überleben.

Eine 28-Jährige schreibt Politikgeschichte – sie ist nicht nur die jüngste Vorsitzende einer Regierungspartei in der Historie der Republik, sie dürfte auch die meistbeleidigte Frau Deutschlands sein: Ricarda Lang, Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Backnang/Gmünd und Chefin der Grünen.

Männer sind Schweine: Eine Online-Beobachtung

Wer eine Ahnung davon bekommen will, wie widerlich Männer sein können, muss nur die Kommentare unter Youtube-Videos mit Ricarda Lang

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