Rems-Murr-Kreis

Kärcher wehrt sich gegen Vereinnahmung durch französische Law-and-Order-Politiker

Kärcher
Kärcher-Geräte eignen sich, um Innenstädte zum Glänzen zu bringen (hier die Johanneskirche im Stuttgarter Westen) – aber wenn französische Law-and-Order-Politiker vom Durchkärchern der Städte reden, meinen sie etwas ganz anderes ... © Kärcher

Jetzt ist es wieder passiert: Die französische Politik missbraucht den Markennamen Kärcher als Synonym für Law-and-order-Politik. Das Winnender Unternehmen wehrt sich gegen derlei Vereinnahmung zwar regelmäßig und auch diesmal – allein, es wird wohl erneut nichts bringen. Chronik eines zermürbenden Streits um Reinigungskompetenz und Säuberungsfantasien.

Der jüngste Fall: Eine Kandidatin macht auf extrastark

Valérie Pécresse, rechtsbürgerliche Präsidentschaftskandidatin, hat dieser Tage erklärt, sie werde „den Kärcher aus dem Keller holen, wo ihn François Hollande und Emmanuel Macron in den vergangenen zehn Jahren haben verschwinden lassen“. Frei übersetzt: Ich greife hart durch, wenn ich gewählt werde – im Gegensatz zu meinen windelweichen Vorgängern. Wie schon oft dient damit in Frankreich der Winnender Hochdruckreiniger als Sinnbild für brutal klare Kante an sozialen Brennpunkten.

Und wie schon oft hat Kärcher prompt reagiert: Weil Valérie Pécresse „wiederholt die Marke Kärcher in Interviews in missbräuchlicher Weise verwendet“ habe, „haben wir Politiker und Medien öffentlich aufgefordert, jegliche Nutzung unserer Marke in diesen Zusammenhängen zu unterlassen“, erläutert Kärcher-Pressesprecher David Wickel-Bajak. „Ich glaube, es ist das sechste Mal“ seit 2005, dass Kärcher sich in öffentlicher Form gegen die Vereinnahmung durch putzwütige Politiker wehrt.

Kärcher als Synonym fürs Ausmisten unter Menschen? „Das läuft einfach all dem, wofür wir stehen, völlig zuwider“, sagt Wickel-Bajak. Deshalb „kämpfen wir seit Jahren dagegen, dass unser Markenname politisch ausgenutzt wird und mit irgendeiner Partei oder politischen Strömung in Verbindung gebracht wird. Unsere eingetragene Marke Kärcher darf nur verwendet werden, um unsere Produkte zu bezeichnen. Die Verwendung auf diese Art und Weise ist umso schädlicher, als sie uns mit Gewalt und Unsicherheit in Verbindung bringt – völlig konträr zu den Werten, für die unser Familienunternehmen steht. Rechtliche Schritte behalten wir uns vor.“

Und so hieß es dieser Tage in einer auf Französisch veröffentlichten Erklärung: Das Unternehmen verbitte es sich, den Namen Kärcher „auf unangemessene Weise“ einzusetzen und „auf der politischen Bühne Frankreichs“ als Kampfbegriff zu verwenden. Die Marke Kärcher sei „nicht das Aushängeschild einer Partei“. Der Konzern „bedauert die Verkennung dieser Rechte durch einige Politiker“.

Ob es was bringt? Man darf zweifeln.

Die Vorgeschichte: Es begann mit Sarkozy

Denn niemand in Frankreich kann sagen, er oder sie habe nichts gewusst – im Gegenteil: Es ist seit 15 Jahren sattsam bekannt, dass die Firma Kärcher es schwer daneben findet, wenn Politiker, die sich als harte Hunde stilisieren wollen, immer wieder ihre Entschlossenheit verbal untermauern, indem sie davon schwadronieren, sie wollten Brennpunktviertel kärchern.

2005 fing es an. Der damalige französische Innenminister Nicolas Sarkozy erklärte nach einer Schießerei unter verfeindeten Jugendbanden, er werde die Trabantensiedlung, in der dies stattfand, „mit dem Kärcher reinigen“ und „das Pack“, das „Gesindel“ beseitigen.

Dass Sarkozy bei seinen martialischen Aufräumfantasien ausgerechnet auf „Le Kärcher“ verfiel, ist kein Zufall. Kärcher hat bereits Anfang der 1960er-Jahre in Frankreich seine allererste Auslandsgesellschaft gegründet. Die Firma ist „ganz tief verwurzelt in diesem Land“, sagt David Wickel-Bajak, der Markenname ist in ganz Frankreich ein Begriff, mehr noch, ein geflügeltes Wort. Hochdruck-Komplettreinigung Marke Kärcher wird in den Straßen vieler französischer Städte täglich eingesetzt, unter anderem, um den vielen Hundekot in den Griff zu bekommen.

Aber diese Assoziation schwingt eben auch mit, wenn jemand in kriminalitätspolitischen Debatten den Kärcher auspackt: So kann man, ohne es explizit aussprechen zu müssen, durch die Blume nahelegen, dass auch manche Menschen Unrat seien, den es wegzuspülen und wegzufegen gelte. Ein abgründiges Bild.

Statements und Mahnbriefe: Es hilft alles nichts

Kärcher reagierte schon damals, als Sarkozy erstmals mit „Le Kärcher“ um die Ecke kam, in einem öffentlichen Statement – und erneuerte seinen Protest seither oft, wenn in Frankreich wieder mal ein Wahlkampf tobte. Mit wenig Erfolg. Stellvertretend für die ignorante Haltung in manchen politischen Kreisen war 2010 die Aussage einer Staatssekretärin Sarkozys: Kärcher, legte sie zynisch nahe, solle sich nicht so haben – das sei doch „Gratis-Werbung“; die Verwendung des Markennamens im Zusammenhang mit der Säuberung von Problemvierteln belege nämlich, „dass ihre Produkte effizient und von guter Qualität sind“.

„Das“, seufzt Firmensprecher David Wickel-Bajak, „vermag ich nicht als Werbung zu sehen.“

2016 schickte das Winnender Unternehmen gar einen Mahnbrief nicht nur an den französischen Präsidentschaftsanwärter Nicolas Sarkozy, sondern auch an seine Konkurrenten aus allen Lagern und protestierte schon mal prophylaktisch gegen eine erneute „Zweckentfremdung der Marke“ Kärcher: „Dieser Gebrauch verfälscht unsere Marke und fügt unserem Unternehmen und seinem Image Schaden zu.“ Es gehe dabei auch um Respekt vor den Kunden und den Mitarbeitern der Firma.

Das war, wie die jüngsten Äußerungen Valérie Pécresses nahelegen, wohl in den Wind gepfiffen. Und ob wirksame rechtliche Schritte gegen all das überhaupt möglich sind, darf man stark bezweifeln.

Jetzt ist es wieder passiert: Die französische Politik missbraucht den Markennamen Kärcher als Synonym für Law-and-order-Politik. Das Winnender Unternehmen wehrt sich gegen derlei Vereinnahmung zwar regelmäßig und auch diesmal – allein, es wird wohl erneut nichts bringen. Chronik eines zermürbenden Streits um Reinigungskompetenz und Säuberungsfantasien.

Der jüngste Fall: Eine Kandidatin macht auf extrastark

Valérie Pécresse, rechtsbürgerliche Präsidentschaftskandidatin, hat

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