Rems-Murr-Kreis

Kachelmann, die Unwetter im Rems-Murr-Kreis, die Hagelflieger - ein Dauer-Donnergetöse

TITEL Hagelflieger
Zieht ein Gewitter auf, starten die Hagelflieger vom Flughafen Stuttgart aus. © Gabriel Habermann

Der Deutsche Wetterdienst hatte für den Unwetter-Montag, 28. Juni, gewarnt, dass Hagelkörner mit dem Durchmesser von fünf Zentimetern vom Himmel fallen könnten. Passiert ist – zumindest diesbezüglich – nichts. Hagelschaden gab’s keinen. Und das, obwohl die Hagelflieger nicht aufgestiegen waren. Es wäre lebensgefährlich gewesen. Glück gehabt? Oder hat Meteorologe Jörg Kachelmann doch recht, der alle Jahre wieder gegen die Hagelflieger wettert?

Erst kürzlich war’s erneut so weit. Mit vielen Zehntausend Euro werden die Hagelflieger vom Kreis, von Kommunen, von Obst- und Weinbau, von Firmen und Versicherungen finanziert. In diesem Jahr ist der Rems-Murr-Kreis mit 41 000 Euro dabei, die Kommunen und Städte, inklusive Stuttgart und Esslingen, zahlen zusammen 56 678 Euro. Kachelmann erklärte in der Stuttgarter Zeitung, dass das nur funktioniere, weil „viele Menschen gern an Hokuspokus glauben“. Er spricht von „Betrugsschema“ und dass „Kleinpiloten ihr Hobby finanziert“ bekämen.

Ende Juni 2018, also vor fast genau drei Jahren, in der besten Gewitterzeit wie jetzt auch, erlaubte er es sich sogar, jene, die das seiner Meinung nach „sinnlose Tun“ bezahlen, als „Dorfdeppen“ zu bezeichnen – was strafrechtlich unter Beleidigung läuft, zumal selbige Beleidigung sehr wohl und sehr wirksam wahrgenommen werden konnte – sie lief auf t-online.de.

Silberjodid zaubert den Hagel nicht weg, macht die Körner aber kleiner

Wie genau funktioniert die Hagelabwehr? Für die Region Stuttgart sind zwei Hagelflieger im Einsatz. Droht ein Gewitter mit Hagel, steigen die Kleinflugzeuge auf und verbrennen eine Silberjodid-Verbindung. Das geschieht in den Aufwinden, so dass die dabei freigesetzten Kondensationskerne in die Wolken ziehen und dort dafür sorgen sollen, dass zwar viel mehr, aber dafür viel kleinere Hagelkörner entstehen. Die nämlich richten weniger an. Dasselbe machen die beiden Hagelflieger der Württembergischen Gemeindeversicherung WGV, die über ganz Württemberg, auch über dem Rems-Murr-Kreis, in die Wolken aufsteigen.

Kachelmanns verbales Donnern gegen diese Bekämpfung der Gewitterauswirkungen gründen auf einem Großversuch, der von 1977 bis 1981 in der Schweiz stattfand. Damals wurden 216 Gewitterwolken nach dem Zufallsprinzip geimpft oder nicht geimpft. Hinterher wurde festgestellt, dass kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen geimpfter und nicht geimpfter Gewitterzelle festzustellen sei. Kachelmann sagt, dass die Flugzeuge nie dort seien, wo der Hagel sei. Und dass Großhagel ein und denselben Ort im Schnitt nur alle 20 Jahre treffe und man so in den hagelfreien Jahren immer behaupten könne, dass es an den Hagelfliegern läge.

Andere Wissenschaftler und Meteorologen sind da anderer Meinung

Andere Wissenschaftler allerdings sind da anderer Meinung, auch, weil das Vorgehen längst ein anderes sei. Prof. Thomas Oppenländer von der Hochschule Furtwangen erklärte, dass es heute, mit einem erfahrenen Piloten, ganz andere Möglichkeiten gäbe, das Silberjodid in die Wolken zu bringen.

Auch Gerd Holzwarth, Dezernent für Landwirtschaft, dem Amt, zu dem auch die Hagelabwehr im Rems-Murr-Kreis gehört, sagt: „Die Hagelabwehr funktioniert.“ Am Mittwoch, 23. Juni, beispielsweise warnte der Deutsche Wetterdienst: "Am Nachmittag und Abend entwickeln sich örtlich schwere Gewitter mit heftigem Starkregen bis 40 Liter pro Quadratmeter in kurzer Zeit.“ Die Gewitterwarnung für den Rems-Murr-Kreis kündigte Hagelkörner bis fünf Zentimeter Größe an. Drei Hagelflieger stiegen auf und impften die Wolken. Erfolgreich? Dem Landratsamt Rems-Murr liegen für diesen Tag keine Hagelmeldungen vor. In Tübingen, Reutlingen und Kirchheim/Teck dagegen, wo an diesem Gewitter-Mittwoch kein Hagelflieger unterwegs war, entstanden große Schäden. Die Rede ist von Hagelkörnern so groß wie Golfbälle. Dr. Hermann Gysi von der Radar-Info Karlsruhe, ein Meteorologe, der die Einsätze der Hagelflieger für den Rems-Murr-Kreis auswertet, kommt zu dem Schluss, dass dieser Einsatz ein Beispiel für einen erfolgreichen Hagelabwehr-Einsatz sei.

Am Unwettermontag gab's keinen Hagel - und keine Hagelflieger

Am Unwetter-Montag, 28. Juni, hatte der Deutsche Wetterdienst ebenfalls schwere Gewitter und schlimmen Hagel angekündigt. Mit dem Starkregen und den schweren Sturmböen um 100 Kilometer pro Stunde hatte der Deutsche Wetterdienst dabei voll ins Schwarze getroffen. Der Hagel allerdings blieb aus – und das, obwohl über dem Rems-Murr-Kreis an diesem Tag kein Hagelflieger seine Kreise zog. Zufall? Oder hat Kachelmann mit seinem moralinsauren Totschlagargument, dass die Hagelfliegerei ein „ekelhaftes und auch menschenverachtendes System des Betrugs“ sei, weil „diese Gelder in Kindergärten und anderswo fehlen“, doch recht?

Nun, die Flieger der WGV flogen an diesem Tag durchaus in die Wolken – bis auch diese Piloten den Einsatz aus Sicherheitsgründen abbrechen mussten. Sie arbeiteten bei Metzingen, Wendlingen, Göppingen und Sulz am Neckar. Aus dieser Richtung zog das Gewitter gen Rems-Murr-Kreis. Dass die Gewitterwolken-Impfung dort die Gemeinden hier vor Hagel geschützt hat, das, sagt Meteorologe Gysi, sei allerdings „eher unwahrscheinlich“. Die Gewitterfront sei einfach zu groß gewesen.

Der Hagelflieger fliegt seit 41 Jahren und wird es weiterhin tun

Tja, was ist nun? Sitzen im Rems-Murr-Kreis lauter Abergläubische, die das Geld genauso gut direkt aus dem Flugzeugfenster werfen könnten, wie Kachelmann auch vorschlug? Oder werden dank der Hagelflieger nicht nur die Landwirte, sondern auch alle Autofahrer und Gartenbesitzer geschützt, wie Landwirtschaftsdezernent Gerd Holzwarth sagt? Wer will’s beweisen? Die Gewitterwolke vom Mittwoch, 23. Juni, hat sich längst aufgelöst. Die vom Montag, 28. Juni, auch. Vielleicht war der Wettergott dem Kreis an diesem Tag nur gnädig. Der Hagelflieger jedenfalls fliegt im Rems-Murr-Kreis seit 41 Jahren und wird es, zumindest bis 2026, auch weiterhin tun.

Der Deutsche Wetterdienst hatte für den Unwetter-Montag, 28. Juni, gewarnt, dass Hagelkörner mit dem Durchmesser von fünf Zentimetern vom Himmel fallen könnten. Passiert ist – zumindest diesbezüglich – nichts. Hagelschaden gab’s keinen. Und das, obwohl die Hagelflieger nicht aufgestiegen waren. Es wäre lebensgefährlich gewesen. Glück gehabt? Oder hat Meteorologe Jörg Kachelmann doch recht, der alle Jahre wieder gegen die Hagelflieger wettert?

Erst kürzlich war’s erneut so weit. Mit

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