Rems-Murr-Kreis

Kann es eine bürgerliche AfD geben? Lars Patrick Berg glaubt daran

Lars Patrick Berg
„Wenn jemand die letzte Schlacht des Zweiten Weltkriegs noch mal austragen will“, sei das „nicht mehr hinnehmbar“, findet Lars Patrick Berg. © Benjamin Büttner

Wofür steht dieser Mann? Ist er eines jener bürgerlichen Feigenblätter, mit denen die AfD ihren Extremismus notdürftig verhüllt? Oder ein glaubhaft Moderater, der mithelfen könnte, eine nach rechts entgleiste Partei zur Vernunft zurückzuführen? Eine Begegnung mit Lars Patrick Berg, AfD-Europaabgeordneter; sein Deutschlandbüro hat er in Korb.

Berg, 54 – top-seriös in der äußeren Anmutung, die einzige Andeutung von Extravaganz, die er sich gönnt, sind lila Socken – war früher für IBM und BASF tätig, danach in Sigmaringen persönlicher Referent des CDU-Landrats. 2013 trat er in die frisch gegründete Partei ein. Die blutjunge AfD war ein Club der Professoren und prominenten Wirtschaftsexperten: Bernd Lucke, Joachim Starbatty, Hans-Olaf Henkel. „Vernünftige Leute“ von „tadellosem Ruf“, fand Berg. Mit ihnen eine konservative Kraft aufzubauen, rechts von der Merkel-CDU, aber tief wurzelnd im bürgerlichen Wertekanon: ein lohnendes Ziel.

Es folgte die „erste Häutung“, der erste Rechtsruck: 2015 wurde Lucke vom Hof gejagt, Starbatty warf den Bettel hin, auch Henkel ging und klagte zum Abschied: „Wir haben ein richtiges Monster erschaffen.“

Berg blieb. Er habe damals, sagt er, für sich entschieden: „Ich glaube immer noch an das Projekt.“ 2016 zog er in den baden-württembergischen Landtag ein, 2019 wechselte er ins EU-Parlament.

Ein AfD-Mann, der die EU „noch besser“ machen will

Viele in der AfD würden die EU am liebsten abschaffen, Berg will die „Organisation von innen heraus reformieren und noch besser machen, als sie jetzt ist“. Noch besser: interessante Formulierung. „Macht es Sinn“ in einer globalisierten Welt, „sich als Nation völlig auf sich selbst zurückzuziehen, quasi abzuschotten? Ich glaube nicht.“

Berg klingt anschlussfähig bis mindestens tief in die CDU hinein – selbst wenn er erwähnt, dass es zu den gemeinsamen europäischen Aufgaben gehöre, „irreguläre Migration besser einzudämmen“; denn Hetztiraden über Messermigration gehören nicht zu seinem Vokabular in diesem Redaktionsgespräch: Wenn Menschen in Syrien kein „Dach über dem Kopf“ haben, wenn „westliche Fangflotten“ den Fischern am Horn von Afrika die Jagdgründe leerplündern, dann „muss man sich nicht wundern, wenn sie aufbrechen. Es ist in unserem Interesse, dass wir das anders regeln. Da muss man viel Geld in die Hand nehmen.“

Fragen drängen sich auf: Wie hält jemand, der so hochdifferenziert argumentiert, es aus, wenn breite Teile der Partei die Hetze zur Geschäftsgrundlage machen, Gauland die Hitlerjahre als Vogelschiss bezeichnet und Höcke eine Geschichtswende um 180 Grad fordert? Wie erträgt einer wie Berg einen wie Andreas Kalbitz, der sich früher bei der neonazistischen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ herumtrieb?

"Nicht hinnehmbar: Völlig falsche Äußerungen zum Holocaust"

Es sei „an der Zeit, dass unsere Partei sich weiter professionalisiert und diszipliniert“, sagt Berg. Man müsse künftig „intensiver nachfragen“, bevor man Mitglieder aufnehme. Es gebe „rote Linien. Wenn jemand die letzte Schlacht des Zweiten Weltkriegs noch mal austragen will“ und „missdeutige oder völlig falsche Äußerungen zum Thema Holocaust“ von sich gebe, sei das „nicht mehr hinnehmbar“.

So weit, so klar. Die Frage aber, weshalb er sich nicht irgendwann auch ernüchtert verabschiedet hat wie Lucke, wie Henkel, wie Starbatty, weshalb er den ganzen Weg dieser Partei mitgegangen ist, auch durch Zeiten, als selbst eher moderate Parteiköpfe plötzlich zu Björn Höckes Kyffhäusertreffen pilgerten wie zur Huldigung am Königshof – diese Frage ist damit nicht beantwortet. Sie stellt sich nur noch schärfer.

Berg wischt sie nicht vom Tisch, er nennt sie „berechtigt“. Und gibt darauf zwei Antworten im Lauf des Gesprächs. Die erste: „Ich bin immer noch überzeugt, dass wir das in den Griff kriegen“, die AfD als Partei für „vernünftig bürgerlich-konservative Menschen“ zu etablieren. Die zweite, irritierend ehrliche: „Mit meiner Vita und meinem Alter wird es schwieriger, auf dem Arbeitsmarkt wieder einzusteigen.“

Neben Räpple und Gedeon wirkte Berg eher deplatziert

Insider erzählen, nach der Landtagswahl 2016 habe Berg sich recht bald weggewünscht aus der chaotisierten baden-württembergischen AfD-Fraktion. Neben Pöblern wie Stefan Räpple und Verschwörungs-Esoterikern wie Wolfgang Gedeon habe Berg sich tief unwohl gefühlt, manchmal geschämt – und sich um einen Listenplatz für die Europawahl beworben. Aber wer in der parteiinternen Ausscheidung bestehen will, braucht Stimmen; aus allen Lagern. Also sagte Berg in seiner Bewerbungsrede: Europa müsse „eine Festung“ sein – gegen „Messerstecher und Vergewaltiger“.

Ein Opportunist also, der dem fremdenfeindlichen Affen Zucker gibt, wenn es sonst keine Karriere-Optionen mehr gibt? Oder doch einer, dem es ernst ist mit der Sehnsucht nach einer seriösen AfD?

"Trübe Gewässer, extreme Charaktere": In der Affäre Kalbitz legt Berg sich fest

Die Partei hat Andreas Kalbitz rausgeworfen. Ob die Entscheidung vor Gericht bestehen kann, ist indes offen, der Machtkampf zwischen Radikalen und Moderaten längst nicht entschieden. Womöglich wäre es taktisch klug für jemanden wie Berg, sich vorerst nicht gar zu deutlich festzulegen.

Aber er sagt: Die AfD sollte sich nicht „speisen aus trüben Gewässern und extremen Charakteren“. Die Heimattreue Deutsche Jugend? „Ein Umfeld, in dem ich die AfD nicht sehen möchte. Das geht nicht. Da ist die Zeit des Taktierens vorbei.“

Sollten die Rechtsaußen, derzeit in der Defensive, doch wieder die Oberhand gewinnen, wird es für Berg wohl keinen Parlamentarierposten mehr geben. Denn für das Höcke-Lager sind Leute wie er die „Halben“, die „Lauwarmen“, die „Systemlinge“: der Feind im eigenen Haus.

Wofür steht dieser Mann? Ist er eines jener bürgerlichen Feigenblätter, mit denen die AfD ihren Extremismus notdürftig verhüllt? Oder ein glaubhaft Moderater, der mithelfen könnte, eine nach rechts entgleiste Partei zur Vernunft zurückzuführen? Eine Begegnung mit Lars Patrick Berg, AfD-Europaabgeordneter; sein Deutschlandbüro hat er in Korb.

Berg, 54 – top-seriös in der äußeren Anmutung, die einzige Andeutung von Extravaganz, die er sich gönnt, sind lila Socken – war früher für IBM

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