Rems-Murr-Kreis

Karina und Kristina aus der Ukraine: Auf der Suche nach einer Wohnung und Arbeit

PiaUkraine
Karina und Kristina sind bislang so untergekommen: Das Kellerzimmer ist für die erste Zeit in Ordnung. Doch spätestens auf den Herbst hin, wenn die Tage dunkler werden und durch die kleinen Fenster kein Licht mehr kommt, sollten sie eine richtige Wohnung gefunden haben. © Gaby Schneider

Das Wort fällt immer wieder. Und es fiel sehr, sehr früh. Eigentlich schon wenige Tage nachdem Karina und Kristina in Schwaikheim angekommen waren. Das Wort wird auch immer so betont, als wohne ihm per se ein Ausrufezeichen inne: „Rabota!“ – „Arbeit!“ Inzwischen sind die beiden Ukrainerinnen schon sieben Wochen hier und ihnen fällt die Decke auf den Kopf. Sie wollen raus. Sie wollen Geld verdienen. Aber – ich sag’s ihnen immer verzweifelter – ich kann nicht zaubern. Weder in Sachen Arbeit noch bei der Wohnungssuche.

Als wir, Karina, Kristina und ich, die Gastgeberin, mitten im großen Stress der ersten Tage und Wochen steckten, einen Ämtergang nach dem anderen organisieren mussten und mit den Handy-Übersetzungsprogrammen kämpften, da – ich gebe es zu – habe ich manchmal gedacht: „Was hab’ ich mir hier eigentlich angetan?“

Das hat sich längst erledigt. Was sein muss, läuft; ein Bankkonto haben die zwei Frauen auch; sie besuchen einen Deutschkurs und büffeln die ihnen so fremden lateinischen Schriftzeichen. Was jetzt kommt, das kommt mit viel weniger Wucht. Aber womöglich wird’s viel, viel, viel schwieriger zu bewältigen sein als alles, was vorher war. Karina und Kristina brauchen demnächst eine richtige Wohnung. Und sie wollen einen Job.

Der Wohnungsmarkt im Kreis ist eine Katastrophe

Der Wohnungsmarkt im Rems-Murr-Kreis ist eine Katastrophe. Zur noch katastrophaleren Katastrophe wird er, wenn nicht alles überall genommen werden kann. Karina und Kristina sind nur so mobil, wie es die öffentlichen Verkehrsmittel sind. Und sie sind von etwas, was wirklich als erfolgversprechende Kommunikationsfähigkeit bezeichnet werden kann, noch weit entfernt. Da muss noch eine ganze Weile Deutschkurs über die Bühne gehen. Eine Wohnung in einem Weiler irgendwo im Schwäbischen Wald, der nur durch mehrfaches Wechseln der Buslinien zu erreichen wäre, wäre daher indiskutabel. Allerdings ist diese Überlegung sowieso akademisch: Es war noch kein solches Angebot in Aussicht.

Jammern gilt aber nicht. Wir haben’s ja noch leicht. Dolmetscherin Kateryna, die in der Schwaikheim-Ukraine-Gruppe so viel hilft, sucht für ihre Cousine und deren Mann. Der Mann sitzt im Rollstuhl. Die Wohnung muss barrierefrei sein. Du liebes Lieschen!

Karina, Kristina und alle anderen aus der Ukraine sind in Sachen Wohnung natürlich auf die Unterstützung des Landratsamts angewiesen. Und die Leistungsstelle zieht – völlig zu Recht – klare Grenzen: Eine Wohnung für zwei Personen darf bis 60 Quadratmeter groß sein und in Schwaikheim höchstens 550 Euro kosten. Sehr gerne weniger.

Ein Blick in die Samstagszeitung zeigt für Schwaikheim keine Treffer. Und auch in der für mich noch gut erreichbaren Umgebung sieht's mau aus. In Korb gäbe es eine Zweizimmerwohnung. 60 Quadratmeter und Balkon sind allerdings ein zu großer Luxus: Kaltmiete 780 Euro. Eine Zweizimmerwohnung mit 56 Quadratmetern in Birkmannsweiler kostet 800 Euro kalt. Ist allerdings auch nagelneu und mit Aufzug. Zu viel des Guten.

Leistungsstelle, Mieter, Vermieter: Es braucht die Zusammenarbeit

Wer tatsächlich eine Wohnung gefunden hat, muss die Regularien korrekt abarbeiten.

  • Der Vermieter schließt einen ganz normalen Mietvertrag mit den zukünftigen Mietern ab. Die Leistungsstelle im Landratsamt empfiehlt beispielsweise die Vorlage des Deutschen Mieterbunds.
  • Der Mietvertrag muss – noch ohne Unterschrift der Mieter – der Leistungsstelle vorgelegt werden. Diese kontrolliert dann, ob die vereinbarte Miete und die Nebenkosten angemessen sind und im Rahmen des Asylbewerberleistungsgesetzes übernommen werden können.
  • Der Vermieter muss außerdem die Mietbescheinigung Teil 1 ausfüllen. Hier werden Namen, Adresse und Angaben zu Miete und Wohnung abgefragt. Auch zu den Nebenkosten muss Auskunft gegeben werden. Die Nebenkosten, die nicht von vornherein feststehen, etwa Heizung und Warmwasser, soll der Vermieter schätzen oder im sogenannten „Betriebskostenspiegel“ des Deutschen Mieterbunds nachschlagen.
  • Die Leistungsstelle will auch wissen, mit welcher Energieart geheizt und das Warmwasser aufbereitet wird und ob am Gebäude wärmeisolierende Maßnahmen durchgeführt wurden. Diese Informationen fließen bei der Beurteilung der Nebenkosten mit ein.
  • Mietbescheinigung Teil 2 füllt der Mieter aus: Hier geht's nochmals um die Wohnung und um Kosten.
  • Nach dem Okay der Leistungsstelle kann der Mietvertrag unterschrieben werden und das Mietverhältnis beginnen.
  • Die Leistungsstelle übernimmt auch die Kosten für Strom, solange die monatliche Abschlagszahlung als angemessen betrachtet wird. Außerdem zahlt die Leistungsstelle die Müllabfuhrgebühren.

Wie geht's weiter, wenn eine Arbeit gefunden ist?

Und was passiert, wenn Karina und Kristina trotz aller Widrigkeiten, mit denen sie noch kämpfen müssen, eine Arbeit finden? Ein Minijob ist ja denkbar, vielleicht als Putzkraft? Oder Hilfsarbeiten in einer Gärtnerei? Ich zerbreche mir den Kopf, was die beiden machen könnten, ohne dass die Sprachbarriere das Engagement unmöglich macht. Zumal die zwei Frauen keine Qualifikation mitbringen, die gesucht ist. Eine Freundin von Karina und Kristina ist Krankenschwester – sie freut sich über einen Arbeitsvertrag in einem Pflegeheim. Das ist für alle Seiten toll. Doch was wird mit Karina und Kristina?

Egal, irgendwann wird sich was finden. Dann allerdings muss der Lohn mit den Zahlungen der Leistungsstelle verrechnet werden.

  • Geflüchtete Menschen aus der Ukraine dürfen mit Ausstellung der Fiktionsbescheinigung arbeiten gehen. Bis eine Arbeitsstelle gefunden ist, werden sie aktuell nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezahlt und bekommen monatlich 367 Euro für den Lebensunterhalt.
  • Wird eine Arbeit aufgenommen, muss das innerhalb von drei Tagen der Leistungsstelle gemeldet werden.
  • Der Arbeitsvertrag muss der Leistungsstelle vorgelegt werden. Der Arbeitgeber muss keine Formulare ausfüllen oder Unterlagen einreichen.
  • Das monatliche Einkommen wird auf die Leistungen angerechnet. Wie, erklärt das Landratsamt so: „Abhängig von der Einkommenshöhe sind vom Einkommen mindestens 25 Prozent, höchstens jedoch 50 Prozent des Regelbedarfs abzusetzen.“ Der Absetzungsbetrag wird nicht auf die Leistungen angerechnet.
  • Das ist für Laien schwer verständlich. Eine Beispielrechnung des Landratsamts hilft:
  • Der geflüchtete Mensch bekommt 367 Euro fürs Leben und beispielsweise 500 Euro für die Miete. Macht einen monatlichen Anspruch von 867 Euro. Das Minijob-Einkommen liegt bei 450 Euro. 25 Prozent davon gelten als Freibetrag – das sind 112,50 Euro. Mit den Leistungen des Landratsamts verrechnet werden also 337,50 Euro. Der Anspruch liegt bei 867 Euro, 337,50 Euro Verdienst werden davon abgezogen: Das Amt zahlt weiterhin monatlich 529,50 Euro.

Eine Arbeit lohnt sich also auf jeden Fall, die Leistungsstelle unterstützt dennoch. Die verschiedensten Lebensumstände – Partner, Kinder – werden mitberechnet.

Letztlich heißt's für uns drei: Ohren aufsperren, Beziehungen nutzen, letztlich bei der Agentur für Arbeit anfragen. Und ganz feste Daumen drücken.

Das Wort fällt immer wieder. Und es fiel sehr, sehr früh. Eigentlich schon wenige Tage nachdem Karina und Kristina in Schwaikheim angekommen waren. Das Wort wird auch immer so betont, als wohne ihm per se ein Ausrufezeichen inne: „Rabota!“ – „Arbeit!“ Inzwischen sind die beiden Ukrainerinnen schon sieben Wochen hier und ihnen fällt die Decke auf den Kopf. Sie wollen raus. Sie wollen Geld verdienen. Aber – ich sag’s ihnen immer verzweifelter – ich kann nicht zaubern. Weder in Sachen Arbeit

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