Rems-Murr-Kreis

Kassenbon-Wahnsinn beim Brezelkauf

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Symbolbild. © Joachim Mogck
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Noch ist Bernd und Richard Mildenberger in ihrer Waiblinger Filiale das Lachen nicht vergangen. Wenn die beiden Bäckermeister aber an die Belegausgabe-Pflicht denken, vergeht ihnen fast die gute Laune.

Rems-Murr.
Wenn Sie sich am Neujahrsmorgen nach der Silvesterparty mit knurrendem Magen an der Tankstelle eine Wurstsemmel kaufen, wundern Sie sich nicht, dass Ihnen der Verkäufer am frühen Morgen einen Kassenbon über 1,80 Cent unterjubeln will. Auch die Bäckereiverkäuferin meint es nicht böse, wenn sie Ihnen mit der Tüte Frühstücksbrötchen einen Bon über die Theke reicht. Sie tut nur ihre Pflicht. Vom 1. Januar an müssen Belege ausgedruckt werden. Alle. Ob es sich um eine Brezel für den kleinen Appetit für 75 Cent beim Bäcker handelt, ein Päckchen Kaugummi am Kiosk oder das Pausenbier im Stadion und das Glas Sekt nach dem zweiten Akt im Theater.

Muss der Kunde den Kassenbon mitnehmen und aufbewahren?

Bernd Mildenberger schüttelt fassungslos den Kopf. Der Bäckermeister spricht vom Müll-Wahnsinn beim Brezelkauf. Die Bäcker trifft die Belegausgabe-Pflicht besonders hart. Statt 150 000 Kassenbons wie bisher muss Mildenberger in seinen 35 Filialen künftig vermutlich sechs Millionen Bons auf dem wenig umweltfreundlichen Thermopapier ausdrucken – und wohl zu 97 Prozent in den Papierkorb werfen. Wer, fragt sich nicht nur Bernd Mildenberger, will fürs Frühstücksbrötchen, den Coffee-to-go oder die zwei Stück Kuchen einen Kassenbon haben? Wohlgemerkt: Der Bon muss ausgedruckt werden, der Kunde muss ihn aber nicht mitnehmen. Im Gegensatz zu Italien, wo der Barmann einst aus Angst vor der Steuerpolizei hinter dem Touristen herrannte, der den Bon für seinen Espresso achtlos auf der Theke liegen gelassen hatte.

Warum wird die Belegausgabe-Pflicht überhaupt eingeführt?

Die Belegausgabe-Pflicht hat hierzulande genau denselben Grund wie in Italien, teilt das baden-württembergische Finanzministerium auf Anfrage mit. Sie soll die Steuerausfälle in bargeldintensiven Betrieben bekämpfen. Auf zehn Milliarden Euro wird der Schaden geschätzt, der dem Fiskus durch Bäcker, Metzger oder Wirte entsteht, die Verkäufe falsch oder gar nicht in die Kassen eintippen. Eigentlich sollten zum 1. Januar 2020 sogar manipulationssichere Registrierkassen eingeführt werden. Weil es diese Kassen auf dem Markt aber gar nicht gibt, wurde die Einführung auf Oktober 2020 verschoben. Gleichwohl kommt die Belegausgabe-Pflicht. „Diese soll sicherstellen, dass ein Kaufvorgang auch wirklich in die Kasse eingegeben wird“, so das Finanzministerium.

Für Bernd Mildenberger, der mit seinen Söhnen Richard und Friedrich die Großbäckerei mit Filialen im ganzen Rems-Murr-Kreis führt, kommt die Belegpflicht jetzt noch auf den Berg an Bürokratie dazu, mit dem er sich bisher schon herumschlägt. Er legt eine vierseitige, eng bedruckten Liste über „Kosten, die keiner sieht“ auf den Tisch, die ein Kollege erstellt hat. Sie reicht von „Untersuchung der Leitern – jährlich“ über „Anbieten Beratung Nachtarbeit“ und „Schulung: Wie reagiere ich auf einen Überfall oder Gewalt am Arbeitsplatz“ bis zu einer ganzen Latte an Datenschutzbestimmungen. Und jetzt eben noch die Sache mit den Bons. Bernd Mildenberger weiß schon, weshalb es zu einer Belegausgabe-Pflicht gekommen ist. Für einen Betrieb mit 300 Mitarbeitern sei aber Schummeln beim Brezelverkauf nicht möglich, weist er auf die regelmäßigen Betriebsprüfungen hin.

Wie wird trotz Registrierkassen geschummelt?

Dass dem aber nicht überall so ist, ist ein kein Geheimnis. Bargeld am Fiskus vorbeizumogeln, ist dort am einfachsten, wo viel Bares über die Verkaufstheke geht. Zudem laden die heutigen Registrierkassen zum Schummeln ein. Wer die Tricks kennt, kann die Eingaben im Nachhinein verändern. Das haben auch die Steuerbehörden erkannt. „Um dem entgegenzuwirken, wurde beschlossen, dass die Betriebe in Zukunft auf manipulationssichere Registrierkassen umstellen müssen“, erklärt Pressesprecherin Antje Mohrmann. Diese Kassen müssen eine technische Sicherheitsvorrichtung enthalten, die eine nachträgliche Änderung oder Löschung der erfassten Vorgänge verhindert oder nachprüfbar dokumentiert. Momentan sind solche Kassensysteme aber auf dem Markt noch nicht verfügbar. Bundesweit sind rund 2, 1 Millionen Geräte im Einsatz, von denen 1,7 Millionen Kassen umrüstbar sind.

Warum sind die Bäcker über die Bonpflicht so erbost?

Dass vor allem bei den Bäckern die Wogen hochgehen, hat einen einfachen Grund. Sie sind es, die die Schummeleien in den anderen Branchen ausbaden müssen. Die Wirte halten hingegen die Füße still, was sich Rainer Ohl damit erklärt, dass die meisten Gaststätten schon heute Kassenbons und Belege ausdrucken. „Für das Gros unserer Mitglieder ändert sich nichts“, sagt der Pressesprecher des Deutschen Hotel- und Gaststätten-Verbandes (Dehoga) in Stuttgart.

Die Belegausgabepflicht soll sicherstellen, dass ein Kaufvorgang auch wirklich in die Kasse eingegeben wird. „Werden Kaufvorgänge gar nicht erst eingetippt, hilft auch das beste Sicherheitssystem nicht weiter“, so das Finanzministerium. Dies bedeutet, dass der Händler in jedem Fall einen Bon ausdrucken und der Kundschaft anbieten muss. Die Belege seien wichtig für die Kassenprüfer und bei unangekündigten Kassennachschauen wichtige Erkenntnisquellen, denn mit diesen lassen sich dann im Abgleich mit den registrierten Vorgängen in der Kasse eventuelle Manipulationen leichter feststellen.

Wie schaut es eigentlich auf dem Wochenmarkt aus?

Doch wie soll die Bonpflicht am Freibad-Kiosk funktionieren, wo große Mengen an Getränken und Imbissen in kürzester Zeit über die Theke gehen? Wie beim Bäcker, der in den Schulpausen Brötchen und süße Stückle verkauft?

„Ausnahmen zur Belegpflicht können vorgesehen werden, wenn die Belegpflicht unzumutbar ist“, schreibt das Finanzministerium. Allerdings sei die Schwelle hoch. „Denkbar wären zum Beispiel Ausnahmen bei Verkaufsständen auf Wochenmärkten oder für Vereine, die auf dem Sommerfest Kuchen verkaufen“, werden konkrete Beispiele genannt. Denn diese Verkäufer haben in aller Regel keine Registrierkassen, sondern Geldkassetten. Hierzu könne beim örtlichen Finanzamt ein Befreiungsantrag gestellt werden.

"Das wird völlig überflüssige Müllberge produzieren"

„Bei den Gewerbetreibenden, die ohnehin Registrierkassen betreiben müssen, ist es jedoch grundsätzlich kein unzumutbarer Aufwand, dass ein Beleg für den Kaufvorgang gedruckt wird.“

Daniel Schneider, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, wird grundsätzlich: „Das wird völlig überflüssige Müllberge produzieren.“ Es werde auf der einen Seite über Umweltschutz und weniger Coffee-to-go-Becher geredet, aber auf der anderen Seite würden Müllberge aus beschichtetem Papier produziert.

Aneinandergeheftet reichen die Bons der 11 000 Bäcker in Deutschland übrigens ganze 25-mal um die Erde oder zweieinhalbmal von der Erde bis zum Mond. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz bewertet Thermopapiere sogar als gesundheitsschädlich, da es häufig hormonähnlich wirkende Bisphenole enthält, und fordert gesundheitlich unbedenkliche Alternativen zu den Bisphenolen.

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