Rems-Murr-Kreis

Kein Mensch hat das je gesehen: Reaktionen aus Backnang auf Bilder aus dem All

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What looks much like craggy mountains on a moonlit evening is actually the edge of a nearby, young, star-forming region NGC 3324 in the Carina Nebula. Captured in infrared light by the Near-Infrared Camera (NIRCam) on NASAâÄ s James Webb Space Telescope,
Sieht aus wie geschüttelte Schoko-Milch, zeigt aber den Rand einer aus kosmischer Sicht nahe gelegenen, jungen Sternentstehungsregion namens NGC 3324 im Carinanebel. Die Nahinfrarotkamera (NIRCam) des James-Webb-Weltraumteleskops der NASA hat dieses Bild im Infrarotlicht aufgenommen. Es gibt Wissenschaftler/-innen Aufschluss über zuvor verdeckte Bereiche der Sternentstehung. © Space Telescope Science Institute Office of Public Outreach
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James Webb Weltraumteleskop Stephans Quintett
Details von „Stephans Quintett“, einer Gruppierung von fünf Galaxien, hat nie ein Mensch gesehen – bis jetzt, dem James Webb Weltraumteleskop sei Dank. © Space Telescope Science Institute Office of Public Outreach

Unermüdlich forschen Forscher/-innen kreuz und quer im Weltall herum, während Mutter Erde der Kittel brennt. Ob das Geld nicht besser in Projekten investiert wäre, die irdische Probleme lösen?

Wer sich mal mehr als die üblichen paar Nachrichtenminuten mit JWST beschäftigt, der oder die weiß: Jeder einzelne Cent, der in diesem Weltraumprojekt steckt, ist es wert. Es geht um nichts weniger als um ein tieferes Verständnis des Universums und um die Frage, wie alles wurde, wie es ist. Es geht um Exoplaneten und ja, auch um die Frage, wo dort draußen Leben ist.

JWST steht für James Webb Space Telescope. Das Teleskop, das eigentlich ein Observatorium ist, befindet sich seit ein paar Monaten im Orbit, und es sendet mit Backnanger Hilfe Infos, die man dann zu tränentreibend schönen Fotos zusammenfügt. Staub- und Gasschwaden, vom Licht ungezählter Sonnen durchdrungen, wirken auf einem der ersten kürzlich veröffentlichten Fotos wie geschüttelte Schoko-Milch. Farbenprächtige Nebel sind zu sehen, ferner freilich nur für Expert/-innen zu identifizierende mutmaßliche Sternenhaufen inmitten ferner Galaxien.

Sämtliche Superlative gelten hier wirklich

Bei Tesat Spacecom in Backnang hat man vermutlich extra angespannt auf die ersten Bilder gewartet: Das leistungsstärkste, teuerste, technologisch krasseste, das überhaupt größte und wunderbarste Weltraumteleskop aller Zeiten ist mit Komponenten von Tesat Spacecom ausgestattet. Hochtechnologie aus Backnang sorgt dafür, dass es James-Webb-Signale überhaupt bis zur Erde schaffen: 1,5 Millionen Kilometer liegen zwischen ihm und uns, womit sich das Teleskop etwa fünfmal weiter weg von der Erde befindet als der Mond. Da kann unterwegs schon mal ein Signal auf Abwege geraten.

Via Leistungsverstärker gelangen Signale zur Erde

Man hätte in Backnang allen Grund, offensiv in Szene zu setzen, auf welch bahnbrechende Art und Weise man an diesem zweifellos bahnbrechenden Gesamtkunstwerk James Webb beteiligt ist – doch man bleibt bescheiden. Volker Lahr, der Entwickler des Modulators fürs Weltraumteleskop, erklärt auf Anfrage dieser Zeitung ganz sachlich, worum es geht: „Der Modulator von Tesat setzt sämtliche Bilddaten der wissenschaftlichen Instrumente in ein Hochfrequenzsignal um, das über unsere Leistungsverstärker zur Erde gelangt. Das ist der sogenannte „Science Link“, über den jedes einzelne Bild, das wir sehen, läuft – eine enorme Verantwortung“, so Volker Lahr.

Das kann man wohl sagen, denn was nützte es der Menschheit, würde das Teleskop die aus Menschensicht allerunvorstellbarsten Infos im kalten Nirgendwo einsammeln – und nichts davon könnte bis zur Erde vordringen, weil dieses Modulator-Dings nicht funktioniert oder die Leistungsverstärker versagen.

Für Letztere zeichnet bei Tesat Spacecom Dr. Karl Will technisch verantwortlich. Die Tesat-Hochfrequenz-Leistungsverstärker für die Datenübertragung „funktionieren einwandfrei“, teilt Karl Will auf Anfrage mit, und weiter: „Es ist unglaublich spannend, an einem Megaprojekt wie JWST mitzuarbeiten. Jetzt, da die ersten wissenschaftlichen Bilder erfolgreich übertragen wurden, bin ich stolz darauf, dass ich persönlich meinen Teil dazu beigetragen habe.“

„Mit nichts“ sei eine Mission wie diese zu vergleichen, ergänzt Volker Lahr, und „nach all der Arbeit und Zeit die erste Übertragung zu sehen, war für mich sehr befriedigend und freut mich ungeheuer.“

Kein Mensch kann sich diese Dimensionen wirklich vorstellen

Die Fachwelt hofft nun auf umwerfende Erkenntnisse und auf Rückblicke in eine Epoche, die so lange zurückliegt, dass man sich das selbst unter größten Mühen nicht mal das allerkleinste bisschen vorstellen kann.

Stephan Seiter ist zwar Professor, doch das schafft er vermutlich auch nicht. Der FDP-Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis Waiblingen amtiert seit kurzem als Sprecher seiner Fraktion für Forschung, Technologie und Innovation im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Bundestages. „Was mich bei den ersten Bildern fasziniert, ist, dass wir auf unsere Vergangenheit zurückblicken, wenn wir jetzt 13,1 Milliarden Jahre alte Bilder aus der Zeit relativ kurz nach dem Urknall erhalten. Wir sind damit Zeugen einer lang vergangenen Zeit, deren Auswirkungen wir heute noch erfahren“, schreibt Seiter: „Erwartet man nicht insgeheim, dass plötzlich das Raumschiff Enterprise auf einem der Bilder auftaucht?“

Das Teleskop kann Sachen, die Captain Kirk samt Crew hoffnungslos überfordert hätten.

Selbst ein Experte findet das „absolut komplett verrückt“

„Das ist unglaublich, was wir hier an Informationen haben, die wir natürlich in Zukunft analysieren werden“, jubelte Fabian Walter bereits ganz kurze Zeit nach der penibel inszenierten Veröffentlichung der ersten Webb-Bilder aus dem All. Walter zählt zum Wissenschaftler/-innen-Team am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg. Was er und seine Kolleg/-innen im Haus der Astronomie berichteten, gleich als die Welt die ersten Bilder sah, kann man auf Youtube nachschauen.

Auf einem der Bilder ist eine Galaxie zu sehen, wie sie vor 13,1 Milliarden aussah – und das findet selbst Fabian Walter „absolut komplett verrückt“. Obwohl er sich von Berufs wegen und auch nicht erst seit gestern mit dem frühen, jungen Universum beschäftigt.

Das Hubble-Weltraumteleskop, gern als Vorgänger von James Webb bezeichnet, doch nicht annähernd so leistungsfähig wie das JWST, konnte die ganz frühen Galaxien nicht sehen, weil sie zu weit rotverschoben sind. Das Universum dehnt sich aus, weshalb das Licht, das Galaxien vor Milliarden Jahren aussendeten, immer langwelliger wird – das ist mit rotverschoben gemeint.

„Wenn ich ins Infrarote gehe, sehe ich eine ganz andere Struktur“

Die Technik im JWST macht’s möglich, diese Strahlung sichtbar zu machen. James Webb ist speziell auf Infrarotstrahlung ausgerichtet. Das ist elektromagnetische Strahlung, die ein bisschen langwelliger ist als das Licht. „Wenn ich ins Infrarote gehe, sehe ich eine ganz andere Struktur. Dann sieht man Gas und Staub, aus dem neue Sterne geboren werden. Man kann Analysen durchführen, woraus die Objekte bestehen. Man kann jetzt wie nie zuvor physikalische Prozesse anschauen“, jubelt Oliver Krause, ebenfalls vom Heidelberger Max-Planck-Institut für Astronomie: Bereits die ersten Aufnahmen liefern komplett neue Informationen darüber, was in der letzten Lebensphase eines Sterns geschieht.

Sofern nicht ein Meteorit oder sonst was das Teleskop zerfetzt, sofern alles weiterhin wie am Schnürchen funktioniert – kann das Observatorium 20 Jahre lang in den Weltraum starren und die Menschheit mit Bildern verzücken. Der Treibstoff reicht für 20 Jahre – eine lächerlich kurze Zeit im Vergleich dazu, wie lange das Licht der ersten Galaxien schon unterwegs war, bis es jetzt ins Visier des Webb zu geraten droht.

Unermüdlich forschen Forscher/-innen kreuz und quer im Weltall herum, während Mutter Erde der Kittel brennt. Ob das Geld nicht besser in Projekten investiert wäre, die irdische Probleme lösen?

Wer sich mal mehr als die üblichen paar Nachrichtenminuten mit JWST beschäftigt, der oder die weiß: Jeder einzelne Cent, der in diesem Weltraumprojekt steckt, ist es wert. Es geht um nichts weniger als um ein tieferes Verständnis des Universums und um die Frage, wie alles wurde, wie es ist. Es

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