Rems-Murr-Kreis

Kinderpornografie-Ermittler: Am gefährlichsten sind Menschen, die beim Sex Macht ausüben wollen

Kinderpornografie
Michael Hunger leitet beim Polizeipräsidium Aalen die Ermittlungsgruppe Kinderpornografie. © Benjamin Büttner

Es haben sich schon Täter bei ihm bedankt: Gut, dass Sie kommen. Dann kann ich jetzt aufhören.

Kriminalhauptkommissar Michael Hunger erlebt bei Durchsuchungen fast nie Widerstand. Was es dann später auf beschlagnahmten Laptops und Handys zu sehen gibt, hält nicht jeder aus. Hunger hat sich hin und wieder von Kolleg/-innen wieder verabschieden müssen, weil sie diese Art Bilder und Videos nicht ertragen konnten.

Momentan leitet Hunger ein elfköpfiges, bestens eingespieltes, stabiles Team, das innerhalb von drei Monaten 114 Wohnungen und Häuser in drei Landkreisen durchsucht hat. Michael Hunger müsste mehr Leute haben, noch mehr Leute. Die Ermittlungen im Deliktfeld Kinderpornografie beanspruchen viel Zeit, weil man sich, wenngleich computergestützt, durch Datenmengen wühlen muss, die in ausgedrucktem Zustand Bibliotheken füllen würden.

Es ist nicht witzig, es steckt ein Verbrechen dahinter

Klick, klick, klick: Kinderpornografische Inhalte sind leicht zu finden und flugs verschickt. Zu einer von vier Tätergruppen zählen jene Personen, die einfach nicht checken, dass diese Videos nur witzig scheinen, aber nicht witzig sind. Sie tippen aus Spaß auf „Weiterleiten“ und können überhaupt nicht fassen, weshalb jetzt die Polizei vor der Tür steht.

An vierter Stelle nennt Michael Hunger jene Tätergruppe, die ihm am meisten Sorgen bereitet. In diese Kategorie fallen nicht pädophil veranlagte Menschen; sie machen einen relativ kleinen Teil der Konsumenten von Kinderpornografie aus. Auch die Sammler fallen nicht in Hungers Gruppe vier: Als „stille Computersüchtige“ bezeichnet der Kommissar diese Personen, deren Laptops „rappelvoll“ sind mit pornografischen Inhalten aller Art.

Die „Machtmenschen“ sind es, deren Akten Michael Hunger ganz oben auf dem Stapel platziert: „Das sind Leute, die beim Sex Macht ausüben wollen. Sie suchen sich schwache Opfer.“

Software hilft: Das System erkennt relevante Inhalte

Sieben und acht Jahre alt sind zwei Mädchen aus dem Rems-Murr-Kreis, die ihrem Peiniger, einem früheren Freund der Familie, jetzt nicht mehr ausgesetzt sind. Der Mann war wegen Besitzes kinderpornografischer Inhalte aufgefallen. Die Polizei rückte an: Wohnungsdurchsuchung. „Bestimmte Sachen“ habe man dort entdeckt, berichtet Michael Hunger, und die „bestimmten Sachen“ waren Anlass, den Fall nach vorn zu ziehen, den Computer des Mannes sofort auszuwerten, obwohl in den Schränken mit den Beweismitteln ganz viele andere Laptops schon viel länger lagern.

Die Ermittler fanden auf dem Computer des Mannes Bilder, die er selbst gefertigt hatte. Die Mädchen, beide im Grundschulalter, „haben wir gerettet“, sagt Michael Hunger. Obgleich ein alter Haudegen und seit bald 20 Jahren mit Ermittlungen in diesem Milieu betraut, steckt der 57-Jährige diese Begegnungen nicht einfach weg. „Ich habe die Mädchen gesehen“, sagt er, und den Rest kann man sich denken. Es spornt ihn an, dass es Sinn macht, sich durch diesen endlosen Sumpf zu wühlen – weil man Opfer aufspüren und Missbrauch beenden kann.

Internet-Dienstleister dürfen Daten nicht ungebremst speichern

Software hilft. Niemand kann all diese Bilder einzeln auswerten, das würde Jahre dauern. Man jagt die Dateien durch ein System, das relevante Inhalte erkennen und ausspucken kann und mit dessen Hilfe sich nachvollziehen lässt, ob es sich um neue Bilder handelt. Ein Beispiel: Via Facebook-Messenger schickt eine Person in Deutschland einschlägige Fotos an einen Bekannten. In den USA, wo die Server von Facebook stehen, bleibt das Bild im Filter einer Prüf-Software hängen. Es folgt eine Meldung ans deutsche Bundeskriminalamt. Der Fall landet auf Michael Hungers Schreibtisch, sofern die IP-Adresse einem Besitzer aus den Landkreisen Schwäbisch Hall, Ostalb oder Rems-Murr zuzuordnen ist.

Zu jedem Computer gehört eine IP-Adresse, und theoretisch ließe sich auch in Deutschland nachvollziehen, von welchem PC aus wann welche Bilder verschickt wurden. In der Praxis funktioniert das oft nicht, weil Internet-Dienstleister die Daten nicht ungebremst speichern dürfen und folglich die Polizei keinen Zugriff hat.

Unterdessen haben es Michael Hunger und sein Team mit mutmaßlichen Tätern aus allen Gesellschaftskreisen zu tun. Vor Jahren wies man zwei Pfarrern den Besitz kinderpornografischer Inhalte nach. Menschen in leitenden Funktionen bei großen Firmen wurden überführt – oder Personen, die ihr Zimmer nicht mehr verlassen, sich regelrecht festbeißen und aus eigener Kraft nicht mehr wegkommen vom Porno-Konsum, während täglich der Pizza-Schachtel-Turm wächst.

Chats laufen immer ähnlich ab

300 Anzeigen bearbeiten elf Ermittler/-innen aktuell. Mit 500 in diesem Jahr rechnet Hunger insgesamt fürs Zuständigkeitsgebiet des Polizeipräsidiums Aalen. Zum 1. März dieses Jahres gründete das Präsidium eine eigene Ermittlungsgruppe allein für dieses Deliktfeld.

Als Hunger, von Haus aus Cybercrime-Spezialist, 2002 den Bereich zu beackern begann, lief das so nebenher. Er hatte es mit zwei oder drei Anzeigen im Jahr zu tun. „Heute haben wir Fälle mit Daten im Terabyte-Bereich.“ Ein Terabyte bezeichnet eine Speicherplatzmenge, die in etwa für 250 Filme oder 250 000 Fotos reicht.

Eine Pizza zu bestellen ist weit komplizierter und zeitaufwendiger, als in Chat-Gruppen einschlägige Inhalte zu tauschen. Die Chats laufen immer ähnlich ab, berichtet Michael Hunger, er kennt das auswendig: „Schick mir was Jüngeres“ – ein Standardsatz. Dass für die Bilder von „was Jüngerem“ Kinder missbraucht wurden, verdrängt die Szene: „So richtig Gedanken über die Opfer macht sich da keiner.“

Bisher kamen Ersttäter oft mit einem Strafbefehl und einer Geldstrafe davon. Gesetze wurden verändert, Richter/-innen rechnen mit einer Flut von Verfahren, und bisher schon widmeten sich viele von ihnen intensiv diesen Fällen: Vor Gericht kommen mutmaßliche Täter nicht mehr darum herum, sich den Dingen zu stellen.

Funde bei unauffälligen Normalos

Jene Täter, die ein gutbürgerliches Leben leben, Vater sind und Ehemann – jene sind in der eigenen Familie konfrontiert mit Fragen, sobald sie auffliegen, nicht erst vor Gericht. Die Ermittler klingeln zu viert in Zivil, und was ihnen nach Durchsuchungen in Erinnerung bleibt, ist unter anderem der Ausdruck im Gesicht naher Angehöriger. Michael Hunger erinnert sich an einen Mann, einen Großvater, der seine Enkelkinder heimlich im Bad gefilmt hatte. So etwas sprengt Familien.

Es sind eher diese Dinge, die einem dann nachgehen, nicht so sehr die Bilder selbst. Michael Hunger kann blitzschnell solche Dateien erkennen und sich diese vollkommen distanziert anschauen; „das ist bei mir gleich wieder aus dem Kopf“. Im Team nehmen alle Supervision in Anspruch, man redet intensiv über die Dinge – und Hunger pochte aus gutem Grund darauf, dass in die neue Ermittlungsgruppe für Kinderpornografie auch Frauen einsteigen. Sechs Männer und fünf Frauen gehören jetzt der auf zehn Vollzeitstellen ausgelegten Gruppe an. Frauen bringen eine andere Sichtweise ein, beurteilen diese heikle Materie auf ihre Weise, und ihre Meinung ist schlicht für die Ermittlungen „sehr wichtig“, sagt Hunger. Was ihn freut und ihm angesichts dieser schwierigen Sachverhalte immer wieder neue Kraft verleiht, das ist, „dass das Team trotz der Flut der Anzeigen hoch motiviert an jedem Fall arbeitet“.

Niemals Chat-Gruppen mit unbekannten Teilnehmern beitreten

Ob im Zuge der Pandemie mit steigenden Fallzahlen zu rechnen ist, weil Täter im Lockdown noch aktiver waren als sonst – das kann Hunger jetzt noch nicht sagen. Was er sagen oder besser raten kann, das ist, sich auf Whatsapp oder sonst wo niemals Gruppen anzuschließen, deren Teilnehmer man nicht kennt – „das ist absolut gefährlich“. Es gibt diese Gruppen, da tummeln sich Hunderte Leute oder mehr – und sobald nur einer einen kinderpornografischen Inhalt teilt, sind alle anderen mit dran. Allein der Besitz dieser Inhalte ist strafbar und zieht Ermittlungen nach sich.

Wer auf seinem Handy solche Inhalte findet, sollte das sofort der Polizei melden, rät Hunger. Selbstverständlich gilt das auch für Schüler/-innen: Von Schulhof-Kipo spricht man nicht ohne Grund; unter Jugendlichen kursieren nicht ganz selten Inhalte, die viel mehr sind als nur zweifelhaft.

Wenn Jugendliche selbst Nacktbilder ins Netz stellen

Beim Check ploppen ferner Dateien auf, die in die Kategorie jugendlicher Leichtsinn mit Folgen fallen: Sofern 13-Jährige selbst Nacktbilder von sich fertigen und auf Tik Tok veröffentlichen, bindet das Kapazitäten in Hungers Ermittlungsgruppe.

„Die Masse, die auf uns einprasselt, ist halt enorm“, sagt Michael Hunger, und „das Dunkelfeld wurde stark unterschätzt.“ Hinter jeder Anzeige könnte mehr stecken als der pure Besitz kinderpornografischer Inhalte. Das reale Leid realer Kinder könnte sich immer weiter fortsetzen, weil man angesichts der Datenflut nur langsam vorankommt. Mit dieser Angst muss Michael Hunger leben; mit der Angst, „dass wir zu spät kommen“.

Es haben sich schon Täter bei ihm bedankt: Gut, dass Sie kommen. Dann kann ich jetzt aufhören.

Kriminalhauptkommissar Michael Hunger erlebt bei Durchsuchungen fast nie Widerstand. Was es dann später auf beschlagnahmten Laptops und Handys zu sehen gibt, hält nicht jeder aus. Hunger hat sich hin und wieder von Kolleg/-innen wieder verabschieden müssen, weil sie diese Art Bilder und Videos nicht ertragen konnten.

Momentan leitet Hunger ein elfköpfiges, bestens eingespieltes,

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