Rems-Murr-Kreis

Kinderpornos: Deliktfeld wächst auch im Rems-Murr-Kreis enorm, Polizei gründet zehnköpfige Ermittlungsgruppe

Kinderporno
Symbolfoto. © ZVW/Habermann

Konsumenten kinderpornografischer Inhalte sind keinesfalls nur Menschen mit pädophilen Neigungen. Und Menschen mit pädophilen Neigungen leben diese nicht zwangsläufig aus. Es gilt, in diesem sensiblen, extrem leidbesetzten Feld die Dinge klar auseinanderzuhalten – und das fängt schon beim Begriff „Kinderpornografie“ an. „Pornografie“ impliziert, jemand wirkt freiwillig mit. Das ist bei Kindern vollständig ausgeschlossen, auch wenn die Aufnahmen etwas anderes suggerieren. Kinder können noch keine Entscheidungen darüber treffen, ob sie sexuelle Handlungen vornehmen wollen, dafür sind sie zu jung. Sexuelle Gewaltdarstellungen an Kindern, wie es laut Experten korrekt heißen muss, entstehen immer aufgrund sexueller und/oder materieller Interessen Erwachsener.

Das Polizeipräsidium Aalen wählt dennoch den Begriff „Kinderpornografie“ – das eigentlich Bemerkenswerte ist aber etwas anderes: Eine eigene Ermittlungsgruppe speziell für dieses Deliktfeld ist seit kurzem im Dienst, und der Gruppe gehören zehn Beamtinnen und Beamte an. Deren Hauptaufgabe ist „die Auswertung kinderpornografischen Materials zur Identifizierung und die strafrechtliche Verfolgung der Täterschaft“. Vermutlich könnte man auch doppelt so viele Fachleute allein damit betrauen: Die Menge an Material dieser Art wächst und wächst, und das nicht erst seit gestern.

Der Mensch trickst sich selbst aus

Via Internet lassen sich sexuelle Gewaltdarstellungen an Kindern leicht verbreiten - das leuchtet unmittelbar ein, beantwortet aber eine viel wichtigere Frage nicht: Steigt mit der Materialmenge und mit der leichten Verfügbarkeit auch die Zahl der Konsumenten, und wie schalten sie ihr Unrechtsbewusstsein aus?

Elisabeth Quendler, Psycho- und Sexualtherapeutin sowie forensische Sachverständige für Strafrecht am Universitätsklinikum Ulm, erklärt die Mechanismen: Der Mensch trickst sich selbst aus, vor allem dann, wenn ein „sehr basales Bedürfnis“ ihn antreibt. Das Unrechtsbewusstsein tritt in den Hintergrund – und meldet sich erst dann mit Macht zurück, wenn das Bedürfnis befriedigt, der Druck abgebaut ist.

Suche nach immer krasseren Inhalten

Der Konsum von legaler Erwachsenen-Pornografie kann Menschen helfen, Druck und Ängste abzubauen. Problematisch wird’s dann, so Elisabeth Quendler, wenn sich „etwas Suchtähnliches“ einstellt. Ein Mensch gewöhnt sich daran, und wie bei jeder Sucht ist eine größere Menge einer Droge nötig, damit ein Effekt eintritt. Wer überdurchschnittlich oft Pornos konsumiert, der könnte geneigt sein, nach immer krasseren, immer abseitigeren Inhalten zu suchen – und Gewaltdarstellungen an Kindern als anregend empfinden, ganz unabhängig von der persönlichen sexuellen Neigung. Die Zahl dieser Art Konsumenten wächst, diesen Eindruck hat Elisabeth Quendler. Zumal der Schritt hin zu diesen Inhalten sehr einfach zu gehen ist – man kommt ganz leicht an diese Darstellungen heran, und etwa in Foren, in welchen sich Erwachsene über sexuelle Themen austauschen, werde durchaus aktiv auf solche Inhalte hingewiesen. Sich im Internet durch dies und das zu klicken, verlockt schon allein deshalb, weil sich der Mensch vorm PC unbeobachtet fühlt.

„Viele kommen erst raus, wenn die Kripo vor der Tür steht“, berichtet Elisabeth Quendler. In der Therapie mit Konsumenten von Gewaltdarstellungen an Kindern erarbeitet die Therapeutin mit den Klienten Alternativstrategien, „damit der Druck nicht so hoch wird, damit die Menschen andere Möglichkeiten finden, mit Belastungen umzugehen“. Konsumenten dieser Bilder finden sich in allen Schichten, in allen Alters- und Berufsgruppen, sagt die Therapeutin. Sie zieht eine klare Trennlinie zwischen jenen, die diese Bilder anschauen im Glauben, das bemerkt niemand, und Tätern, die etwa in Chat-Foren gezielt Kontakte zu Kindern oder Jugendlichen suchen.

Was Betrachter von Gewaltdarstellungen ausblenden, zumindest während des Konsums: Es steht ein realer sexueller Missbrauch eines Kindes dahinter. Die Folgen sind dramatisch, zerstörerisch, traumatisierend, anhaltend.

Diese Bilder verschwinden niemals

„Abbildungen sexuellen Kindesmissbrauchs, die einmal in Umlauf gebracht wurden, sind praktisch nicht mehr aus dem Internet zu entfernen. Somit ergibt sich für die betroffenen Kinder und Jugendlichen eine lebenslange Konfrontation mit dem durchlebten Missbrauch. Darüber hinaus erhöht die Nutzung die Nachfrage nach der Produktion von mehr Bildmaterial“, heißt es bei „Kein Täter werden“. An dieses Präventionsnetzwerk können sich Menschen anonym wenden, die „sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen und deshalb therapeutische Hilfe im Umgang mit ihrer sexuellen Präferenz suchen“. Das Netzwerk verweist auf Schätzungen, wonach ein Prozent der männlichen Bevölkerung eine pädophile Neigung hat – was nicht bedeutet, dass alle diese Menschen straffällig werden. Doch heißt es beim Netzwerk „Kein Täter werden“, „dass eine solche Neigung einem Missbrauch vorausgehen kann und deswegen eine gute Verhaltenskontrolle unerlässlich ist“. Aber: „Die Mehrheit des sexuellen Kindesmissbrauchs geht von Menschen aus, die eigentlich sexuell auf erwachsene Sexualpartner ausgerichtet sind. Nur die Minderheit der Taten gehen auf eine pädophile Motivation zurück.“

Nur ein kleiner Teil dessen, was Menschen Kindern antun, wird entdeckt. Die Polizei hat es jedenfalls auch im Rems-Murr-Kreis mit stetig wachsenden Mengen an Material zu tun. „Schulhof-Kipo“ hat sich bereits zu einem festen Begriff entwickelt. Gemeint sind Gewaltdarstellungen an Kindern, die unter Schülern kursieren, die einfach weitergeleitet werden, ohne groß darüber nachzudenken. So selten kommt’s gar nicht vor, dass Polizisten dann an Haustüren klingeln: Bereits der Besitz dieser Inhalte ist strafbar.

„Aufklärung ist das Allerwichtigste“

Unabhängig davon fürchtet Elisabeth Quendler, dass junge Menschen „immer weiter weg vom Beziehungerleben kommen“, wenn sie auf pornografische Inhalte im Internet fixiert sind und ganz falsche Vorstellungen von Sexualität im echten Leben entwickeln.

„Aufklärung ist das Allerwichtigste“, sagt Elisabeth Quendler – und das klingt zunächst befremdlich angesichts dessen, dass man sich nie zuvor so leicht über Sex-Themen informieren konnte wie heute. Was viel nachhaltigeren Eindruck hinterlässt, ist aber das Ungesagte, das sich über die Generationen hinweg transportiert: Sex als etwas Schmutziges, Böses – was nicht zuletzt die Bibel nahelegt.

Nackte Körper sind allgegenwärtig, die absurdesten Bilder jederzeit anklickbar – aber wirklich gesprochen wird über Sex eher weniger. „Darüber reden ist sehr wichtig“, sagt die Therapeutin.

Natürlich gilt das auch für die Arbeit mit Konsumenten von Gewaltdarstellungen an Kindern. „Es kostet Kraft, sich den Dingen zu stellen“, sagt Elisabeth Quendler, „aber wenn jemand wirklich bereit ist, dann ist die Chance sehr groß, das zu beenden“.

Konsumenten kinderpornografischer Inhalte sind keinesfalls nur Menschen mit pädophilen Neigungen. Und Menschen mit pädophilen Neigungen leben diese nicht zwangsläufig aus. Es gilt, in diesem sensiblen, extrem leidbesetzten Feld die Dinge klar auseinanderzuhalten – und das fängt schon beim Begriff „Kinderpornografie“ an. „Pornografie“ impliziert, jemand wirkt freiwillig mit. Das ist bei Kindern vollständig ausgeschlossen, auch wenn die Aufnahmen etwas anderes suggerieren. Kinder können noch

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