Rems-Murr-Kreis

Klinikum Schloss Winnenden (ZfP): Wie Märchen in der Therapie von Senioren wirken

Maerchentherapie
Andreas Raether liest in der Sitzung „Die Bremer Stadtmusikanten“. © privat

Andreas Raether schlägt das dicke Buch auf seinem Schoß auf und beginnt zu lesen. „Die Bremer Stadtmusikanten“, gedruckt in altdeutscher Schrift und mit schwarz-weißen Zeichnungen illustriert. Seine Zuhörer kennen die Schriftzeichen, denn er liest an diesem Tag nicht etwa Kindern das Märchen der Gebrüder Grimm vor, sondern Senioren. In der Klinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Schloss Winnenden ergänzt die Märchentherapie seit rund einem halben Jahr die psychotherapeutische stationäre Behandlung bei älteren Menschen.

Es ist still im Raum, die sechs Patienten lauschen gebannt, die meisten schließen die Augen, während der Chefarzt mit ruhiger Stimme vorträgt, was Esel, Hund, Katze und Hahn erleben, nachdem sie ausgezogen sind, um Stadtmusikanten zu werden. Es ist die Geschichte vierer altersschwacher Tiere, die in ihrem jeweiligen Zuhause nicht mehr erwünscht sind. „Sie werden nicht mehr gebraucht, können ihre Aufgaben nicht mehr bewältigen“, erkennt ein älterer Herr im karierten Hemd eines der Probleme, das die Tiere eint. Eine schwarz gekleidete Dame ergänzt, dass alle Protagonisten des Märchens deshalb nicht mehr erwünscht und vom Tod bedroht sind.

In Märchen werden viele Probleme thematisiert

Generationenkonflikte, Einsamkeit, die Beziehung zu und zwischen den Eltern, Armut, Gewalt, das Älterwerden, Sterben und Tod – in der Klinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie werden diese Inhalte von Märchen in Form der Märchentherapie aufgegriffen und auf wichtige psychotherapeutische Bedürfnisse älterer Menschen bezogen. „Die Märchentherapie trägt dazu bei, dass ältere Menschen über das Märchen einen besseren Zugang zu sich selbst und anderen Menschen finden können“, sagt Chefarzt Andreas Raether. Als er vor sechs Monaten mit dieser Form der Therapie begann, sei er selbst überrascht gewesen, welche Resonanz diese neue Therapieform auslöste. Märchen sind für Andreas Raether mehr als die Geschichten, die er einst als Kind von seiner Großmutter erzählt bekam: „Sie können das Verständnis zwischen Menschen und Generationen fördern.“

Als er die Tätowierung einer Kollegin sah, die unter anderem das Hexenhaus aus „Hänsel und Gretel“ sowie die Tauben aus „Aschenputtel“ zeigt, kam er auf die Idee, Märchen auch in der Therapie älterer Patienten einzusetzen. Denn „wenn wir älter werden, werden Dinge wieder wichtiger, die schon als Kinder wichtig für uns waren“. So träten kognitive Fähigkeiten wieder zurück, stattdessen gewönnen Berührungen und Gefühle an Bedeutung.

Auch die Bremer Stadtmusikanten werden von Gefühlen in die Fremde getrieben: Enttäuschung, Ratlosigkeit und Angst vor dem Tod. Jedes Tier geht auf seine Weise mit dieser schwierigen Situation um, analysiert die Runde um Andreas Raether: Der Esel läuft weg, der Hund jammert, die Katze resigniert und der Hahn schreit. Ist Aufgeben eine Option, ist der Freitod, etwa in der Schweiz oder in den Niederlanden, wo Suizidhilfe erlaubt ist, eine Option? „Ich wäre froh. Ich habe das Gefühl, ich stehe auf einer Seite und alle anderen auf der anderen“, sagt eine Patientin. Ihr fehle die Kraft für alles. Alle Patienten, die an der Sitzung teilnehmen, sind oder waren schwer an Depressionen erkrankt. Manche haben noch einen weiten Weg der Therapie vor sich, andere stehen kurz vor der Entlassung.

Immer mehr ältere Menschen brauchen eine Therapie

Die Zahl der Patienten steigt: „Der Behandlungsbedarf für ältere Menschen nimmt schon länger zu“, sagt Raether. Hätten Menschen im Rentenalter vor 20 Jahren kaum einmal eine Therapie in Betracht gezogen, beschäftigten sich Erwachsene zunehmend mit psychologischer Literatur. Auch die Corona-Pandemie habe Anteil an dieser Entwicklung: „Menschen, die sich ohnehin alleine fühlen, leiden unter Isolation und Abstand und spüren nun noch mehr das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zuwendung.“ Raether rechnet damit, dass dieser Bedarf weiter steigt, wenn die Generation der Babyboomer das Rentenalter erreicht.

Für die, die an diesem Tag an der Gruppentherapie teilnehmen, sind die Bremer Stadtmusikanten im Lauf des Gesprächs von altersschwachen Tieren zu Vorbildern geworden. Denn das Märchen ist nur zu Beginn die Geschichte eines traurigen Lebensabends und wird dann zu einer Erzählung voller Mut und Solidarität. Die von ihren Besitzern ausgemusterten Tiere reißen das Ruder aus eigener Kraft herum, bilden eine Gemeinschaft. Dabei merken sie, dass ihre Fähigkeiten und Kräfte vielleicht nicht mehr ausreichen, die Arbeiten auf ihren jeweiligen Höfen zu verrichten, sie wohl aber gemeinsam sogar stark genug sind, die Stimme zu erheben, sich zu wehren und so sogar Räuber in die Flucht zu schlagen und sich ein neues Leben in einem neuen Zuhause aufzubauen.

Die Märchentherapie liefert Ansätze für die weitere Behandlung

„Was ich mitnehme, ist der Satz ,Etwas Besseres als den Tod findest du überall'“, sagt eine Patientin am Ende der Sitzung. Eine andere nimmt sich vor, sich ehrenamtlich zu engagieren, wenn sie das Klinikum Schloss Winnenden verlässt. Denn einer muss der Esel sein, der die anderen trägt und ermutigt. Wichtig, das ist ein Fazit, ist es, eine Aufgabe zu haben, sich auf den Weg zu machen wie der Esel aus dem Märchen, und seien die Schritte noch so klein. Aber auch der Esel kann seine Vision einer besseren Zukunft nur verwirklichen, wenn die anderen mit ihm gemeinsame Sache machen. Indem die Probleme der Märchenfiguren analysiert und deren Lösungswege für diese Probleme betrachtet werden, bietet die Märchentherapie dem Therapeuten so gute Ansätze für weitere therapeutische Maßnahmen.

Andreas Raether schlägt das dicke Buch auf seinem Schoß auf und beginnt zu lesen. „Die Bremer Stadtmusikanten“, gedruckt in altdeutscher Schrift und mit schwarz-weißen Zeichnungen illustriert. Seine Zuhörer kennen die Schriftzeichen, denn er liest an diesem Tag nicht etwa Kindern das Märchen der Gebrüder Grimm vor, sondern Senioren. In der Klinik für Alterspsychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Schloss Winnenden ergänzt die Märchentherapie seit rund einem halben Jahr die

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