Rems-Murr-Kreis

Lützerath, Gewalt, die Medien: Wie es ein Demo-Teilnehmer aus Winterbach erlebte

Demo Lützerath
Demonstrationszug von Keyenberg zur Abbruchkante des Tagebaus Garzweiler nahe Lützerath. © picture alliance / Jochen Tack

Gewalttätige Zusammenstöße von Demonstranten und Polizei bestimmen die Berichterstattung über die Demo rund um Lützerath vom vergangenen Samstag (14.1.). Das findet der Demo-Teilnehmer Elmar Kalle aus Winterbach einseitig und ungerecht. „Die Medien und auch Ihre Zeitung berichteten nahezu ausschließlich über die im Verhältnis sehr kleine Gruppe von radikaleren Demonstranten, die in die Auseinandersetzung mit der Polizei abseits der Demo geraten waren. Dies verzerrt die Wahrnehmung der Veranstaltung in der Öffentlichkeit unverhältnismäßig.“

"Meine Tochter ist für Fridays for Future engagiert"

Elmar Kalle war mit seiner Tochter am Samstag (14.1.) nach Nordrhein-Westfalen aufgebrochen, um mitzudemonstrieren. Unterwegs hatten sie noch einen Winnender mitgenommen und auf dem Rückweg zusätzlich jemanden aus Stuttgart. „Wir haben Fahrgemeinschaften gebildet“, sagt der 48-jährige Kinder- und Jugend-Psychotherapeut.

Für die Umwelt eingesetzt hatte sich Elmar Kalle zuletzt in seiner Jugend, als Leiter einer Naturschutzjugend-Gruppe, und danach nicht mehr so proaktiv. „Aber meine Tochter ist für Fridays for Future engagiert, und für uns war klar, dass wir zu der angekündigten großen Veranstaltung bei Lützerath hinmüssen. Lützerath ist gerade das Symbol schlechthin der völlig verfehlten und klimaschädlichen Energiepolitik. Jetzt, 2023, weiter auf Braunkohle zu setzen und ein weiteres Dorf abzureißen, um den Braunkohle-Abbau fortzusetzen, ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Meine Tochter und ich waren uns einig, da müssen wir uns dagegen äußern und mitdemonstrieren.“

Die Demo: „Zum allergrößten Teil friedlich und tolerant“

Elmar Kalle und seine Tochter nahmen an der Kundgebung zwischen 12 Und 17 Uhr auf den Feldern und der Hauptbühne nahe Keyenberg teil, unweit von der RWE-betriebenen Tagebau-Kraterlandschaft und Lützerath. „Es war eine Kundgebung, auf der zum allergrößten Teil friedlich, durchaus divers, aber tolerant eine sehr große Anzahl von Menschen ihre politische Haltung gezeigt haben.“ Er habe sogar Grüppchen gesehen, die sich auf Transparenten für eine Weiterführung von Atomkraftanlagen im Sinne des Klimaschutzes aussprachen.

Trotz des schlechten Wetters und schlammigen Untergrunds seien Abertausende – die Veranstalter sprechen von 35.000, die Polizei von 10.000 – unterschiedlichste Menschen dort gewesen und hätten friedlich von ihrem demokratischen Recht auf Meinungsäußerung Gebrauch gemacht. „Das hat mich wirklich beeindruckt und gefreut. Wir hatten das Gefühl, die Demokratie lebt.“

Wie Elmar Kalle die Berichterstattung zu Lützerath wahrnimmt

Auf dem Rückweg nach Baden-Württemberg seien sie noch ganz erfüllt von der Veranstaltung gewesen und wunderten sich nach der Ankunft über besorgte Nachfragen sämtlicher Freunde, Bekannten und seiner Eltern. „Alle fragten, ob wir unverletzt wären und ob es uns gut gehe. Dies war nun doch ein sehr starker Kontrast zum eben selbst Erlebten.“ Bald sei ihm aber klar gewesen, warum: aufgrund einer „verzerrenden Medien-Berichterstattung“, mit der Wirkung in der breiten Bevölkerung, „diese Demonstration sei gewalttätig gewesen, die Menschen dort hätten sich aggressiv verhalten.

Es sei gefährlich, auf politische Veranstaltungen zu gehen. Mit solchen Menschen wollen sich dann viele lieber nicht gemeinmachen und enthalten sich dem politischen Diskurs.“ Die politische Bedeutung der Veranstaltung und „die positive Bedeutung für die demokratische Kultur in unserem Land“, all dies sei höchstens am Rande erwähnt geblieben.

Elmar Kalle verneint gar nicht gewalttätige Zusammenstöße zwischen kleinen Gruppen Radikaler und der Polizei. Diese hätten aber am Polizei-Absperrring bei Lützerath stattgefunden, und nicht auf der Hauptkundgebung bei Keyenberg, wo die allermeisten Demo-Teilnehmer friedlich ihre Meinungen kundtaten und dann auch friedlich wieder nach Hause fuhren. „Für mich und die meisten anderen wäre das überhaupt nicht infrage gekommen, dort an den Absperrring zu gehen und die Konfrontation mit der Polizei zu suchen. Wir haben davon vor Ort bei Keyenberg nichts mitgekriegt, was bei Lützerath abging.“

„Einseitige Berichterstattung schadet der Demokratie“

Trotzdem sei aber fast ausschließlich nur von den Zusammenstößen bei Lützerath berichtet worden, so auch seitens dieser Zeitung, sagt Elmar Kalle. „Ihre Art von Berichterstattung schadet damit der demokratischen Kultur in unserem Land massiv. Denn was wir brauchen, ist die rege politische Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern. Nicht nur auf Demonstrationen, sondern auf allen Ebenen.“ Dem habe diese Zeitung zum wiederholten Male „einen Bärendienst erwiesen, indem sie nicht etwa die Unwahrheit“ berichtet habe, „sondern nur über den Schwanz des Elefanten“.

Die Berichterstattung über die Demo vom Samstag (14. 1.) bei Lützerath sei nämlich gerade so gewesen, als wenn jemand einen Elefanten beschreiben würde, aber ausschließlich über dessen Schwanz redete. „Für ein einigermaßen zutreffendes Bild sollte man vielleicht wenigstens am Rande die gewaltige Größe des Tieres, Stoßzähne, den Rüssel und die großen Ohren erwähnen. Das unterbleibt in Ihrer Berichterstattung.“ Die einseitige Schwerpunktsetzung der Berichterstattung auf die Krawalle am Rande erzeuge einen derart konträren Eindruck von der Wirklichkeit, „dass es die allermeisten Leser oder Zuschauer in die Irre führen dürfte“, sagt Elmar Kalle.

Und was ist mit der Gewalt zwischen Demonstranten und Polizei?

Der 48-jährige Winterbacher heißt die Gewalt zwischen radikalen Demonstranten und Polizei, natürlich auch die gegen die Polizei, nicht im geringsten gut. Er hätte sich aber auch eine Berichterstattung über Inhalte gewünscht, die von dem Großteil der friedlichen Menge weit abseits der Krawalle diskutiert worden seien. Er verweist auf ein Webinar von Fridays for Future (https://fridaysforfuture.de/lutziwebinar/) und die Argumente einer der Mitorganisatoren, der Initiative „Alle Dörfer bleiben“.

„Alle Dörfer bleiben“: Verweis auf Studien zum "RWE-Deal"

Mehrere Studien, die auf der Internetseite von „Alle Dörfer bleiben“ angeführt werden, hätten bewiesen, dass die Ausweitung des Braunkohleabbaus, selbst nur als zwischenzeitliche Lösung während der durch den Ukrainekrieg verursachten Energiekrise, trotzdem unnötig sei, sagt Elmar Kalle.

Unter https://www.alle-doerfer-bleiben.de/ wird etwa verwiesen auf Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) und von Aurora Energy Research, wonach auch bei einem Gas-Engpass eine Abbaggerung Lützeraths nicht vonnöten sei und ein positiver Klimaeffekt des „RWE-Deals“ angezweifelt wird. RWE betreibt den Braunkohle-Tagebau dort. Zudem zitiert die Internetseite einen Spiegel-Artikel, der sich kritisch mit gegensätzlichen Studien der Regierung beschäftige.

Gewalttätige Zusammenstöße von Demonstranten und Polizei bestimmen die Berichterstattung über die Demo rund um Lützerath vom vergangenen Samstag (14.1.). Das findet der Demo-Teilnehmer Elmar Kalle aus Winterbach einseitig und ungerecht. „Die Medien und auch Ihre Zeitung berichteten nahezu ausschließlich über die im Verhältnis sehr kleine Gruppe von radikaleren Demonstranten, die in die Auseinandersetzung mit der Polizei abseits der Demo geraten waren. Dies verzerrt die Wahrnehmung der

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper