Rems-Murr-Kreis

Land verkürzt Hilfsfrist für den Rettungsdienst und hängt den Rems-Murr-Kreis wieder ab

SymbolfotoDRK
Durchschnittlich kommt Hilfe sieben bis acht Minuten nach der Alarmierung. © Gaby Schneider

Endlich war die Ziellinie in Sichtweite. Im Jahr 2020 haben die Rettungsdienste an Rems und Murr die gesetzliche Hilfsfrist nur knapp verfehlt. Der Landkreis hatte große Anstrengungen unternommen, damit Notärzte und Rettungswagen schneller vor Ort sind. Denn im Notfall heißt die Devise: Zeit ist Leben. Neue Rettungswachen und Notarztstützpunkte wurden gebaut, weitere Sanitäter eingestellt und mehr Fahrzeuge auf den Weg geschickt. Nun aber will das Land Baden-Württemberg die Hilfsfrist von 15 auf zwölf Minuten verkürzen. Mit den heutigen Strukturen des Rettungsdienstes ist dieses Ziel jedoch nicht zu schaffen, teilt das Landratsamt Rems-Murr auf Anfrage mit.

Der Rettungsdienst ist eine Dauerbaustelle im Rems-Murr-Kreis. Zuständig ist der Bereichsausschuss, bei dem die Krankenkassen als Kostenträger, die Rettungsdienste und das Landratsamt als Aufsichtsbehörde an einem Tisch sitzen. Durch die ständige Zunahme der Einsätze sackte vor Jahren die Zuverlässigkeit der Rettungsdienste insbesondere im nordöstlichen Rems-Murr-Kreis ab. Und die Schließung des Backnanger Kreiskrankenhauses 2014 zog für die Rettungsdienste längere Weg ins Winnender Klinikum nach sich.

Der Nordosten war immer die Problemzone für Rettungsdienste

Strukturgutachten für Strukturgutachten deckten Mängel im Rettungsdienst auf. Im Jahr 2018 kündigte der Bereichsausschuss schließlich einen großen Wurf an. Das Budget des Rettungsdienstes wurde um vier Millionen Euro erhöht. Das Rote Kreuz erweiterte die Integrierte Leitstelle in Waiblingen um neun Vollzeitstellen. Der Notarztstützpunkt Althütte wurde aufgelöst und stattdessen wurden zwei neue geschaffen: Zwei in Murrhardt und Welzheim stationierte Notärzte decken den Nordosten jetzt besser ab. Insgesamt wurden fünfeinhalb neue Rettungswagen gekauft und 55 Sanitäter neu eingestellt. Von den sogenannten Vorhaltestunden betrachtet, bedeutete dies eine Ausweitung der Notfallrettung um mehr als ein Drittel.

Mit der Inbetriebnahme der Johanniter-Rettungswache in Großaspach zum 1. Januar dieses Jahres sind inzwischen alle Maßnahmen vollständig umgesetzt, meldet das Landratsamt Vollzug. Dementsprechend haben sich die Hilfsfristen positiv entwickelt, sprich: Notarzt und Rettungswagen waren im Durchschnitt schneller am Unfallort. Lag die Quote 2017 bei den Rettungswagen noch bei 92,5 Prozent, so erhöhte sich diese auf 94,9 Prozent im Jahr 2020 und 96 Prozent in den ersten vier Monaten des Jahres 2021. Ähnlich gut entwickelten sich die Hilfsfristen bei den Notärzten: von 92,5 Prozent (2017) auf 93,8 Prozent (2020) und 93,7 Prozent (Januar-April 2021).

Hilfsfristen sind eine statistische Größe, um die Qualität der Rettungsdienste zu beurteilen. Sie sind aber nicht alles. Im Durchschnitt brauchen die Retter im Rems-Murr-Kreis keine Viertelstunde, sondern sind sieben bis acht Minuten nach der Alarmierung vor Ort.

Das Landratsamt zieht eine insgesamt positive Zwischenbilanz der Ausweitung des Rettungsdienstes, obwohl es hier und da noch klemmt und die 95-Prozent-Marke bei den Hilfsfristen noch nicht erreicht wird. „Grundsätzlich ist jedoch festzustellen, dass für eine belastbare Beurteilung zwölf Monate ab dem Zeitpunkt der vollständigen Umsetzung aller Vorhalteerweiterungen und Optimierungen herangezogen werden sollten“, weist das Landratsamt darauf hin, dass der letzte Baustein Großaspach erst in diesem Jahr gesetzt wurde. „Dass es im Moment für 2021 noch zu Schwankungen der Hilfsfrist kommt, ist als normal anzusehen. An den zahlreichen neuen Standorten spielen sich Prozesse noch ein.“

Zwölf Minuten? Die Sanitäter geraten an ihre Grenzen

Doch selbst wenn sich die Prozesse eingespielt haben: Für eine Verkürzung der Hilfsfrist von 15 auf zwölf Minuten reichen die Kapazitäten wieder nicht aus. Diese Verkürzung werde „zweifellos einen negativen Einfluss auf die Einhaltung der Hilfsfristen haben“, befürchtet das Landratsamt: „Hier besteht im Moment kein Zeitpuffer, der diese Verkürzung auffangen könnte.“ Es lägen dann neue Rahmenbedingungen vor, auf die alle Akteure im Rettungsdienst im Rems-Murr-Kreis reagieren müssten, kündigt der Bereichsausschuss ein neues Gutachten im Jahr 2022 an.

Ende Februar hatte das baden-württembergische Innenministerium einen neu erlassenen Rettungsdienstplan bekanntgemacht. Der zuständige Staatssekretär Wilfried Klenk ist vom Fach. Der einstige CDU-Landtagsabgeordnete aus Oppenweiler war viele Jahre lang Leiter der Rettungsleitstelle in Stuttgart. Der neue Rettungsdienstplan geht jedoch weit über kürzere Hilfsfristen hinaus. Er umfasst neue Ziele für die Luftrettung, ein Telenotarztsystem sowie Pläne für eine Qualitätssicherung im Rettungsdienst. Um Leben und Gesundheit von Verunglückten zu retten, liegt es auf der Hand, dass Sanitäter und/oder Notärzte möglichst schnell am Unfallort eintreffen. Künftig wird auch nicht mehr zwischen den Hilfsfristen von Notärzten und Rettungssanitätern unterschieden. Hauptsache, einer der beiden ist schnell vor Ort.

Der neue Rettungsdienstplan treibt die Sanitäter zur Eile an

„Für die Prognose und den Therapieerfolg der Behandlungsbedürftigen ist oft das gesamte Zeitintervall vom Notrufeingang in der Integrierten Leitstelle bis zur Einlieferung in das geeignete Krankenhaus medizinisch entscheidend“, schreibt Klenk im besten Bürokratendeutsch über die Pläne: Die Prähospitalzeit sollte im Regelfall nicht mehr als 60 Minuten betragen. Folglich müsste die Rettungskette von der Gesprächsannahme, Erstbearbeitung, Ausrücken, Anfahrt, Versorgung vor Ort, Transport und Übergabe möglichst perfekt aufeinander abgestimmt werden. Ein besonderes Augenmerk will Klenk auf „die Erstbearbeitung durch die Integrierte Leitstelle“ legen sowie den Sanis und Notärzten Beine machen. Vornehmer ausgedrückt lautet die Zielsetzung: Ausrücken von Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeug sollte „in bestimmten begrenzten Zeitfenstern zu erledigen sein“.

Neuer Standort gefunden für die Integrierte Leitstelle

Für den Rettungsdienst spielt die Integrierte Leitstelle in Waiblingen eine zentrale Rolle: Hier laufen alle 112-Notrufe für Feuerwehr und Notarzt sowie 116 117 für den ärztlichen Notfalldienst ein. Die Leitstelle wird vom Landkreis und dem DRK-Kreisverband Rems-Murr in gemeinsamer Trägerschaft betrieben. Im alten Rote-Kreuz-Haus in der Henri-Dunant-Straße in Waiblingen geht es mittlerweile eng zu. Zu eng. Jahrelang hat das DRK für einen Neubau der Kreisgeschäftsstelle, einer Rettungswache und auch der Leitstelle ein Grundstück gesucht. Dieses ist jetzt gefunden, und zwar unweit der Bundesstraße 14 in der Beinsteinerstraße in Waiblingen. Bezahlt wird die Integrierte Leitstelle je zur Hälfte von den Krankenkassen und dem Rems-Murr-Kreis.

Endlich war die Ziellinie in Sichtweite. Im Jahr 2020 haben die Rettungsdienste an Rems und Murr die gesetzliche Hilfsfrist nur knapp verfehlt. Der Landkreis hatte große Anstrengungen unternommen, damit Notärzte und Rettungswagen schneller vor Ort sind. Denn im Notfall heißt die Devise: Zeit ist Leben. Neue Rettungswachen und Notarztstützpunkte wurden gebaut, weitere Sanitäter eingestellt und mehr Fahrzeuge auf den Weg geschickt. Nun aber will das Land Baden-Württemberg die Hilfsfrist von 15

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