Rems-Murr-Kreis

Landen mehr Hunde und Katzen in Tierheimen? Angespannte Lage im Rems-Murr-Kreis

Tierheim
Sabine Hermann vom Tierschutzverein Schorndorf mit dem jungen Hund Oskar. © ALEXANDRA PALMIZI

Lebensmittel, Strom, Gas: Alles wird teurer. Die steigenden Kosten zwingen die Menschen zum Sparen – und das hat teilweise heftige Auswirkungen auch auf die Tierheime im Rems-Murr-Kreis. Gibt es eine Abgabe-Welle von Hunden und Katzen? Und wer kann sich jetzt noch einen Besuch beim Tierarzt leisten? Immerhin haben sich die Kosten von Grundleistungen teilweise fast verdoppelt. Wir haben bei Tierheimen im Rems-Murr-Kreis nachgefragt.

„Wir sind übervoll - so voll wie noch nie.“ Dagmar Deuschle, Tierheimleitung in Winnenden, arbeitet seit 20 Jahren im Tierschutz, aber so etwas hat sie noch nie erlebt, sagt sie über die aktuelle Lage. Tierschutzvereine und Tierheime haben derzeit mit immensen Überlastungen zu kämpfen. Was Deuschle da beschreibt, ist kein Einzelfall. Es werden mehr Tiere abgegeben als vermittelt. 

Während Corona Haustier angeschafft: Mit Alltag nicht vereinbar

Hinzu kommt, dass sich während Corona viele ein Haustier angeschafft haben. Seitdem langsam wieder Normalität einkehrt, erkennen viele, dass ein Haustier nicht mit ihrem Alltag zu vereinbaren ist. Werden die Tiere also abgegeben, werden die Kosten auf die Tierheime und Pflegestellen abgewälzt - und auch die haben an den steigenden Preisen zu knabbern. Dagmar Deuschle weiß von mehreren Tierheimen, die Schulden machen, um sich zu finanzieren. Die Kosten seien hoch, auch wenn fast alle ehrenamtlich arbeiten. „Unter diesen Umständen überlegt man es sich zweimal, ein Tier anzuschaffen“, so Deuschle.

Nischa Mitchell vom Tier- und Naturschutz Plüderhausen und Urbach spürt derzeit noch keine Abgabe-Welle. „Für die Energiekrise ist dieser Aspekt noch zu früh“, sagt die Leiterin des Tierheims. Die Lebensmittel sind zwar teurer geworden, aber Mitchell glaubt, dass viele eher an anderer Stelle sparen werden. Ganz abhaken will sie das Thema aber nicht. Das werde sich zeitversetzt, also im nächsten Quartal, zeigen, wenn die ersten Abrechnungen kommen. 

Tierheim Plüderhausen: Es fehlt an Futterspenden

Was sie aktuell deutlich zu spüren bekommt, sind die Lebensmittelpreise, die gestiegen sind. Das macht sich daran bemerkbar, dass Futterspenden fehlen. „Im Normalfall sind wir nach einem Spendenaufruf ganz gut mit dem Tierfutter über die Runden gekommen. Das ist sehr zurückgegangen, was sehr belastend für uns ist“, so die Tierheim-Leiterin.

Erschwerend komme hinzu, dass seit dem 22. November die Novelle der Tierarzt-Gebührenordnung in Kraft getreten ist. Laut Website der Bundestierärztekammer wurden die Gebühren erstmals seit 1999 geändert. Mit der neuen Gebührenordnung sind viele Grundleistungen deutlich teurer geworden. Eine allgemeine Untersuchung mit Beratung beim Tierarzt kostet im einfachen Satz nun 23,62 Euro (Netto) statt 8,98 Euro für Katzen oder 13,47 Euro (Netto) für Hunde. Die Preise für Impfungen von Hund und Katze haben sich nahezu verdoppelt – von 5,77 Euro auf 11,50 Euro (Netto).

„Das werden wir natürlich auch zu spüren bekommen“, sagt Annemarie Werner, Erste Vorsitzende des Tierschutzvereins in Waiblingen. Es gibt viele Leute, die finanziell nicht so gut aufgestellt sind. Momentan suchen vermehrt alte und kranke Tiere ein neues Zuhause. Der Verein rechnet in Zukunft mit mehr Anrufen von Tierhaltern, die nicht wissen, wie sie das stemmen sollen. 

Tierheim Schorndorf: "Fast täglich Anfragen von Leuten, die ihre Tiere abgeben wollen"

Für Nischa Mitchell vom Tier- und Naturschutz Plüderhausen und Urbach bedeutet das, dass sie die Schutzgebühr anpassen muss, damit sich das Tierheim die Kosten noch leisten kann. Die Frage, die sie sich momentan stellt: „Nehmen die Menschen von einem Tierheim mit erhöhter Schutzgebühr weiterhin ein Tier ab?“

Eine Abgabe-Anfrage speziell mit der Begründung, dass Besitzer sich das Tier nicht mehr leisten können, hat Sabine Hermann vom Tierschutzverein Schorndorf bislang noch nicht gehabt. „Wir haben seit Monaten fast täglich Anfragen von Leuten, die ihre Tiere abgeben wollen“, sagt Sabine Hermann. Das sei aber auf die Corona-Pandemie zurückzuführen. Damals hätten sich Leute ein Tier angeschafft, für das sie jetzt keine Zeit mehr haben. „Da kommt natürlich noch hinzu, dass jetzt alles teurer wird.“ Der Kostenfaktor werde sich laut Sabine Hermann – wie auch schon bei Corona – zeitversetzt zeigen.

Wie sollen sozial Schwächere die Tierarztkosten noch bezahlen?

Dass die Tierarztkosten steigen, bekommt auch das Tierheim in Schorndorf zu spüren. „Wir werden nicht umhinkommen, die Kosten bei den Abgabegebühren für die Tiere zu erhöhen“, sagt Sabine Hermann.

Was Sabine Hermann Sorgen bereitet, sind sozial schwächere Besitzer von älteren Haustieren. Wenn die Tiere chronisch krank sind und eine Operation benötigen, werde das für die Besitzer schwer zu stemmen sein. Dafür habe sie momentan auch keine Lösung parat.

Dass in der Corona-Krise mehr Tiere abgegeben worden seien, kann Antje Geiss für den Tierschutzverein Waiblingen nicht bestätigen. Trotzdem habe Corona dem Verein zu schaffen gemacht, so ihre Teamkollegin Annemarie Werner. Während Corona sei es schwieriger gewesen, Tiere in die Pflegestellen zu bringen. Dagmar Deuschle, Tierheimleitung in Winnenden, würde die Überlastung auch nicht allein auf Corona schieben. Vielleicht teilweise, weil viele jetzt wieder in den Urlaub können. „Das Ausmaß wird sich vermutlich erst in naher Zukunft zeigen.“

Futterspende: Weihnachtsbaum mit Wunschzetteln bei Zoo & Co.  

Woran es aktuell fehlt, sind die kleineren Geldspenden, „wo immer mal wieder fünf Euro oder zehn Euro gespendet wurden“, so Sabine Hermann vom Tierschutzverein Schorndorf. Bei den Futterspenden sei es hingegen eine „Wellenbewegung“. Hier behilft sich das Tierheim damit, indem es zum Beispiel beim Zoofachhandel Zoo & Co. in Schorndorf einen Weihnachtsbaum mit Wunschzetteln aufstellen durfte.

Auch die Energiekrise spielt eine Rolle

In Waiblingen müssen die Pflegestellen mit den Energiekosten zurechtkommen. Was die steigenden Kosten und die Energiekrise betreffe, vermutet Antje Geiss, Zweite Vorsitzende des Tierschutzvereins Waiblingen, dass sie das erst noch ereilen wird. Momentan spüre man noch nicht so viel davon. „Wenn man aber im Winter mehr heizen muss, dann werden Familien, die sowieso schon am Existenzminimum kratzen, sich überlegen, ob ein Tier noch Sinn macht." 

Was aber jetzt schon auffällt, ist, dass immer mehr Exoten ein neues Zuhause suchen - auch in Waiblingen. „Leute kaufen sich ein Tier, ohne groß darüber nachzudenken, weil es schön aussieht“, weiß Antje Geiss. Das Problem sehen Annemarie Werner und Antje Geiss auch darin, dass es immer einfacher wird, exotische Tiere zu kaufen - mittlerweile auch im Internet. Außerdem seien Exoten Energieschlucker, sagt Antje Geiss. Sie brauchen es meist wärmer. 

Der Tierschutzverein Waiblingen hat auch Tiere aus der Ukraine aufgenommen. „Hauptsächlich wenden die Menschen sich aber bezüglich Fragen an uns“, so Annemarie Werner vom Tierschutzverein in Waiblingen.

Anfragen nach Babykatzen bleiben aus

Abgabe-Anfragen von Haustierbesitzern wegen finanzieller Nöte werden aber auf jeden Fall kommen, sagt Sabine Hermann – gerade wegen der neuen Tierarztkostenverordnung. Die Erste Vorsitzende des Tierheims in Schorndorf ist sich sicher, dass das ab Januar erheblich zu Buche schlagen wird – wenn die neuen Stromtarife greifen.

Was die Belegung betrifft, ist das Tierheim in Schorndorf schon lange Zeit voll. Das liege daran, dass einerseits viele Leute ein Tier abgeben wollen. Andererseits sei die Anzahl der Interessenten ganz stark eingebrochen. „Wir haben zum Beispiel im Sommer ganz junge Babykatzen gehabt, die uns normalerweise förmlich aus den Händen gerissen werden.“ Mittlerweile seien die Katzen über fünf Monate alt, also schon Jungkatzen, und es habe keine Anfragen gegeben. Je älter die Tiere sind, umso schwieriger sei es, sie zu vermitteln.

Fehlende Kastrationspflicht für Katzen ist ein Problem

Ein weiteres Problem: Nicht jede Gemeinde hat eine Kastrationspflicht in Baden-Württemberg. In Waiblingen und Winnenden gibt es so eine Verordnung nicht. Die Folge: Katzen vermehren sich schneller, und es gibt mehr freilebende Katzen. Die Kastration sei auch eine Geldfrage. Der Tierschutzverein Waiblingen kastriert deshalb viele Katzen auf eigene Kosten. „Mir liegt die Kastrationsverordnung sehr, sehr am Herzen“, so Annemarie Werner. Gibt es viele Katzen, seien die Pflegestellen sehr schnell voll. Auch Dagmar Deuschle, Tierheimleitung in Winnenden, betont, wie schlecht die Vermittlungen vor allem bei den Katzen laufen. Man müsse die Abgabe momentan zurückstellen.

Der Tierschutzverein in Waiblingen macht zweimal im Jahr eine Kastrationsaktion. Katzenbesitzer, die ihr Tier in einem bestimmten Zeitraum kastrieren lassen, erhalten dann einen Zuschuss.

Was passiert, wenn es keine freien Pflegestellen mehr gibt?

Aber welche Alternativen haben die Tiere, die nicht mehr bei ihren Besitzern bleiben können? „Ich weiß es nicht, das ist wirklich sehr schwierig.“ Eine Möglichkeit im Tierheim in Winnenden wäre, die Katzen bei den Nagern unterzubringen, überlegt Dagmar Deuschle.

Im Tierschutzverein Waiblingen ist das schwieriger: Wenn die Pflegestellen voll sind, sind sie voll. Eine Lösung wäre die Kooperation mit anderen Tierschutzorganisationen oder Tierheimen, die möglicherweise noch freie Plätze haben. Wenn es an finanziellen Gründen scheitert, könne man nur bedingt helfen und beispielsweise mal mit Futter unter die Arme greifen. Was allerdings keine Alternative sei, ist, ein Tier über Ebay oder andere Internetplattformen zu kaufen oder zu verkaufen. „Das geht gar nicht“, findet Annemarie Werner.

Wie kann man Überlastungen verhindern?  

Annemarie Werner und Antje Geiss vom Tierschutzverein Waiblingen ist es ein großes Anliegen, dass man es sich gut überlegt, bevor man sich ein Tier anschafft. Viele seien sich nicht der Tragweite bewusst und merken erst im Nachhinein, dass es ihren Rahmen übersteigt. Aufklärung ist auch wichtig, wenn Besitzer ihr Tier abgeben wollen oder müssen. „Bevor Tiere zu uns kommen, beleuchten wir die Situation gemeinsam mit den Besitzern. Man sucht nach Lösungen, die es ermöglichen, dass das Tier doch bleiben kann."

Lebensmittel, Strom, Gas: Alles wird teurer. Die steigenden Kosten zwingen die Menschen zum Sparen – und das hat teilweise heftige Auswirkungen auch auf die Tierheime im Rems-Murr-Kreis. Gibt es eine Abgabe-Welle von Hunden und Katzen? Und wer kann sich jetzt noch einen Besuch beim Tierarzt leisten? Immerhin haben sich die Kosten von Grundleistungen teilweise fast verdoppelt. Wir haben bei Tierheimen im Rems-Murr-Kreis nachgefragt.

„Wir sind übervoll - so voll wie noch nie.“ Dagmar

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