Rems-Murr-Kreis

Landrat Sigel empört: Dreiste Provokation aus russischem Partnerkreis Dmitrow?

Einweihung Dmitrow Kreisel ehemals Rettichkreuzung
Ein Foto aus friedlicheren Zeiten: Der Dmitrow-Kreisel in Rudersberg, im Volksmund als "Rettich-Kreisel" bekannt, ist im Herbst 2002 eingeweiht worden. © Habermann

Das kann man im Grunde nur als dreiste Provokation verstehen: Ausgerechnet am 24. Februar, dem Tag, als Russland in die Ukraine einmarschierte und mitten in Europa einen Krieg anzettelte, schickte der russische Partnerlandkreis Dmitrow eine Zusage: Eine Delegation aus Russland werde im Sommer wie vereinbart den Rems-Murr-Kreis besuchen, hieß es dort, als ob nichts wäre.

Landrat Dr. Richard Sigel reagierte noch am selben Tag: „Schlicht als unpassend“ empfinde er die Zusage ausgerechnet an diesem Tag – „fast schon als Provokation“, schreibt Sigel in einer Mitteilung an alle Kreisrät/-innen: „Unter diesen Umständen kann sicher kein Partnerschaftstreffen mit Russland stattfinden“, heißt es in dem Brief – wenngleich sich der Landrat zu einer sofortigen Absage nicht durchringen konnte. In seinem Schreiben an den Leiter des Bezirks Dmitrow der Region Moskau, I. Ponochevnyy, heißt es relativ diplomatisch: „So wichtig mir die partnerschaftliche Beziehung zu Russland und Dmitrow ist, ob das Treffen im Sommer stattfindet, wird auch von der weiteren Entwicklung in der Ukraine abhängig sein.“

"Ein dunkler Schatten"

„Sehr verwundert“ habe ihn, lässt Sigel die russischen Partner wissen, dass die Zusage auf eine vor Wochen ausgesprochene Einladung ausgerechnet an jenem Tag eintraf, „an dem sich ein dunkler Schatten über die bisher guten Beziehungen zu Russland gelegt hat“.

„Der heutige Angriff von Russland auf die Ukraine wird auch unsere seit Jahrzehnten bestehende Freundschaft belasten. Ich kann nur hoffen und appelliere an Sie, dass auch Sie sich dafür einsetzen, dass dieser Konflikt schnell beigelegt wird. Der Krieg in Europa muss enden, bevor es zu größeren Verlusten auf beiden Seiten kommt.“

Die Partnerschaft des Rems-Murr-Kreises mit dem russischen Rayon Dmitrow, 70 Kilometer nördlich von Moskau gelegen, besteht seit mehr als 30 Jahren. Am 6. Juli 1991 wurde der Vertrag über „das Partnerschafts- und Freundschaftsabkommen“ unterzeichnet. Der Rayon beeindruckte mit einer rasanten Entwicklung in vielerlei Hinsicht. Dmitrow wirkte zu Beginn der Partnerschaft aus Westsicht reichlich heruntergekommen. Der Eindruck wandelte sich im Lauf der Jahre erheblich: Die Region prosperierte, es wurde investiert, was das Zeug hält, und Dmitrow war in vergleichsweise kurzer Zeit kaum wiederzuerkennen.

Eine sehr lebendige Partnerschaft

Im jährlichen Wechsel besuchten sich Delegationen, es gab eine Vielzahl weiterer Reisen, eine Reihe von Projekten wurde umgesetzt, man realisierte Schulpartnerschaften und Schüleraustausche etwa mit der Grafenbergschule in Schorndorf, diverse Gruppen pflegten enge Kontakte, es entstanden Freund- und auch Liebschaften. Als pandemiebedingt keine persönlichen Treffen möglich waren, pflegte der Rems-Murr-Kreis den Kontakt per Videokonferenzen, zumal es in schwierigen Zeiten umso wichtiger sei, „den Kontakt nicht abbrechen zu lassen“, wie es auf den Internetseiten des Rems-Murr-Kreises heißt. Dort sind Videos hinterlegt aus Dmitrow, etwa Mitschnitte aus Konzerten im Partnerlandkreis, Aufzeichnungen von Tanzaufführungen oder ein Museumsrundgang.

Altlandrat Horst Lässing, der diesen Montag seinen 85. Geburtstag feiert und seinerzeit die Partnerschaft mit Dmitrow auf den Weg gebracht hatte, hielte es für richtig, die Partnerschaft auf unbestimmte Zeit auf Eis zu legen. „Vielleicht ändert sich wieder etwas in unserem Verhältnis mit Russland“, so Lässing wie berichtet im Gespräch mit dieser Zeitung, „wenn Putin nicht mehr das Sagen hat. Die Zeit mag einen erneuten Wandel bringen, leider nicht wir mit unserer Moral.“

"Frieden, Sicherheit, Freiheit und Wohlstand"

Wie man mit Partnerschaften in Zeiten von Nationalismus, Machtmissbrauch und Unterdrückung umgeht, darum ging es schon vor ziemlich genau fünf Jahren bei einer Podiumsdiskussion in Waiblingen. „Das Thema ist definitiv heiß“, hieß es seinerzeit in dieser Zeitung - auch mit Blick auf das Orbán-regierten Ungarn.

Es sei „schon ein bisschen unangenehm“ gewesen, hatte damals Richard Sigel von einem Treffen mit den russischen Partnern berichtet, neben einem Russen zu sitzen, der eine Brandrede für die Annexion der Krim halte, und dann zu sagen: Das geht so nicht! Richard Sigel und eine Delegation aus dem Rems-Murr-Kreis hatten sich im Februar 2017 mit Abgesandten aus den Partnerkreisen in Brüssel getroffen. „Dank Europa kennt meine Generation nur Frieden, Sicherheit, Freiheit und Wohlstand“, sagte der Landrat damals bei der Begrüßung. Diese Werte gelte es aufrechtzuerhalten und auszubauen.

Im Gespräch geblieben - ob das nun auch noch gilt?

Er selbst, ein „kleiner Landrat“, so formulierte Sigel es seinerzeit, leiste einen „kleinen Beitrag zur Völkerverständigung“ – „Was die Großen nicht mehr machen“, schaffe man noch auf „kleiner Ebene“: Man spreche noch.

Ob das jetzt immer noch gilt, ist noch nicht entschieden. Offenbar möchte sich der Landkreis jetzt noch nicht festlegen, was den Umgang mit der Partnerschaft mit den Russen angeht. In seinem Schreiben an die Kreisrät/-innen schreibt Sigel, „der Angriff von Russland auf die Ukraine macht mich persönlich tief betroffen, sicher geht es vielen von Ihnen ähnlich.“ In seinem Schreiben an die russischen Partner verweist Sigel auf die Wappenfarben: Jene des Rems-Murr-Kreises sind blau und gelb, „und auch daher sind unsere Gedanken heute bei den Menschen in der Ukraine.“

Das kann man im Grunde nur als dreiste Provokation verstehen: Ausgerechnet am 24. Februar, dem Tag, als Russland in die Ukraine einmarschierte und mitten in Europa einen Krieg anzettelte, schickte der russische Partnerlandkreis Dmitrow eine Zusage: Eine Delegation aus Russland werde im Sommer wie vereinbart den Rems-Murr-Kreis besuchen, hieß es dort, als ob nichts wäre.

Landrat Dr. Richard Sigel reagierte noch am selben Tag: „Schlicht als unpassend“ empfinde er die Zusage ausgerechnet

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