Rems-Murr-Kreis

Luigi Pantisano aus Waiblingen will in den Bundestag: Der Rocky von der Linken

Pantisano
Luigi Pantisano, der etwas andere Kandidat der Linken. © Fionn Große

Für seine Partei, Die Linke, hat er den unglaublichsten Wahlerfolg in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte errungen, aber er tadelt seine prominenteste Genossin und feiert dafür eine SPD-Legende – solche wie ihn gibt es nicht viele in der doch ziemlich glattgestriegelten Politlandschaft. Und jetzt will er in den Bundestag: Luigi Pantisano, 41, aus Waiblingen.

Im Sommer 2020 beschloss Luigi Pantisano: Warum nicht einfach mal ganz groß denken? Er trat bei der Oberbürgermeisterwahl in Konstanz an und kalkulierte: Hier war er, der studierte Stadtplaner, früher fünf Jahre lang als Quartiermanager in einem sozial benachteiligten Viertel tätig gewesen und hatte sich einen guten Ruf erarbeitet – könnten da für ihn nun nicht 12, 15 Prozent möglich sein? „Das wäre 'ne Marke als Linker!“ Und – man wird ja wohl noch spinnen dürfen – wer weiß, womöglich sogar 20?

Es kam ganz anders: Im ersten Wahlgang holte Pantisano 38 Prozent und im zweiten 45. Läppische 1500 Stimmen fehlten, um den CDU-Platzhirsch und Amtsinhaber zu schlagen – das „beste Ergebnis eines Linken in Westdeutschland in der deutschen Geschichte“. Erst krasser Außenseiter, dann beinahe Triumphator: Pantisano war plötzlich so was wie Sylvester Stallone in Rocky I.

Einen Eindruck sowohl von Pantisanos Temperament als auch von seiner argumentativen Präzision und sprachlichen Klarheit erhält man, wenn man ihn nach Sahra Wagenknecht fragt.

Luigi Pantisano, Sahra Wagenknecht und die „Lifestyle-Linken“

„Links“, hat Wagenknecht neulich geschrieben, „das stand einmal für das Streben nach mehr Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit“, für den Einsatz im Dienste jener, die „in keiner wohlhabenden Familie aufgewachsen“ sind. Heute aber gäben aus gutem Hause kommende „Lifestyle-Linke“ den Ton an, die in jedem unbedachten Wort gleich Sexismus, Rassismus, Diskriminierung witterten. Früher waren Linke Arbeiter, heute sind sie eine universitäre Sprach- und Gender-Polizei, früher ging es um Klassenkampf, heute um Moralgedöns: Das ist der Gegensatz, den Wagenknecht aufmacht. Und das, sagt Pantisano, „ist auf ganz vielen Ebenen falsch“.

„Ich bin Akademiker“ – aber „ich war auf der Staufer-Hauptschule“. Über die Werkrealschule habe er sich auf Umwegen bis zum Studium hochgearbeitet; und in den Semesterferien gejobbt, um all das zu finanzieren. Seine Eltern „haben ein Leben lang in der Industrie“ malocht, am Fließband wurden sie bisweilen als Spaghettifresser beschimpft. Er sei mit ihnen „auf Wohnungssuche“ gewesen, er habe das selber miterlebt: „Niemand wollte Italiener mit vier Kindern haben, weil die ja alle so laut sind.“ Seine Mutter verdiente für die Familie was dazu, indem sie „die Klos geputzt hat bei zwei meiner Klassenkameradinnen – die haben mir das unter die Nase gerieben in der Schule.“

Gegen soziale Ungerechtigkeit kämpfen oder gegen Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus? Falsche Frage, findet Pantisano, an die Stelle des Wagenknechtschen „oder“ gehört ein „und“! Sein ganzer Lebenslauf ist ein einziges Aufbegehren gegen die Chancen-Ungleichheit in dieser Gesellschaft. Daneben aber hat Pantisano einst in Waiblingen die Veranstaltungsreihe „Bunt statt Braun“ mitgegründet und später in Stuttgart die „Internationalen Wochen gegen Rassismus“. Und natürlich tritt er ein gegen sexistische Diskriminierung; und damit für die Rechte seines schwulen Bruders Alfonso.

Und dafür, fragt Luigi Pantisano, soll er sich nun einen „Lifestyle-Linken“ heißen lassen von einer „Frau, die selber in einer Villa wohnt“?

Luigi Pantisano, Hermann Scheer und die Energiewende

Für ihn komme noch etwas ganz Entscheidendes hinzu: der Kampf gegen den Klimawandel. Hier in Waiblingen, sagt er, gab es Hermann Scheer, den SPD-Bundestagsabgeordneten, der 2010 zu früh starb: „Koryphäe der Umweltpolitik“, Vordenker der Erneuerbaren Energien, „eine ganz großartige Person“, einer, „der vielen Grünen heute noch was beibringen könnte“.

Er habe viel von Scheer gelernt. Vor allem dies: Gerechtigkeits- und Umweltthemen „so klar zusammenzubringen“, die soziale und die ökologische Frage zu verknüpfen mit „so einer Konsequenz und Stringenz“. Scheer: „ein Vorbild“.

Nun also will Luigi Pantisano im Wahlkreis Waiblingen für den Bundestag kandidieren. Dass er parteiintern einen aussichtsreichen Listenplatz bekommt, ist nicht ausgeschlossen, er ist ja seit Konstanz ein Promi bei der Linken. „Und sonst halt Direktmandat.“ Er lacht. Weil das einerseits natürlich vollkommen unmöglich ist. Und weil andererseits in Konstanz „auch viele gelacht“ haben am Anfang.

Er machte „Gartengespräche“ dort im Wahlkampf: Weil wegen Corona im Spätsommer 2020 Innenraum-Veranstaltungen kompliziert waren, setzte er sich einfach zu irgendwelchen Konstanzern hinters Haus, untern Baum, auf die Wiese, die Gastgeber luden Freunde und Nachbarn ein, er erzählte oder hörte manchmal einfach nur zu. Etwa 80 Gartengespräche führte er und erreichte so mehr als 1000 Menschen.

Kurz vor der Wahl: eine Podiumsdiskussion. Er blickte in den Saal: lauter 60-, 70-jährige Leute. Da musst du durch, dachte er. Er redete sich warm – und im Verlauf des Abends bekam er mehrmals Szenen-Applaus. Er dachte: „Was passiert da gerade?“

Der Amtsinhaber, der „mich völlig unterschätzt“ hatte, versuchte es auf den letzten Drücker hektisch mit „einer Rote-Socken-Nummer“: Pfui, ein Linker, der will sozialistische Planwirtschaft einführen! Aber zu diesem Zeitpunkt hatten sich schon zu viele Konstanzer ihr eigenes Bild gemacht.

„Alles ist möglich“, das wisse er seither. Pantisano lacht erneut. „Es ist immer alles möglich.“

Für seine Partei, Die Linke, hat er den unglaublichsten Wahlerfolg in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte errungen, aber er tadelt seine prominenteste Genossin und feiert dafür eine SPD-Legende – solche wie ihn gibt es nicht viele in der doch ziemlich glattgestriegelten Politlandschaft. Und jetzt will er in den Bundestag: Luigi Pantisano, 41, aus Waiblingen.

Im Sommer 2020 beschloss Luigi Pantisano: Warum nicht einfach mal ganz groß denken? Er trat bei der Oberbürgermeisterwahl in

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