Rems-Murr-Kreis

Martin Cohn und der Aston Martin: Wirbel um Ex-Bürgermeister von Rudersberg

Verabschiedung BM Kaufmann
Martin Cohn, damals noch Kaufmann, 2017 bei seiner Verabschiedung in Rudersberg. © Edgar Layher

Wer hätte gedacht, dass der Ex-Schultes von Rudersberg mal zum meistbeachteten Verwaltungs-Promi Württembergs werden würde? Die Story um Martin Georg Cohn, aktuell Oberbürgermeister von Leonberg, ist mittlerweile derart süffig, dass Netflix daraus eine Nachfolgeserie für den Quotenbringer „Tiger King“ stricken könnte. Zu berichten ist von Ärger mit einer melodieseligen Stellvertreterin, Empörung über ein Buch – und von Cohns Luxuswagen Aston Martin.

Neupreis 212.590 Euro – warum bekam Cohn den Aston Martin billiger?

Aston Martin: eine Legende – spätestens, seit James Bond in einer Edelkutsche dieser Marke die Kurven schnitt auf der Jagd nach Goldfinger Gert Fröbe. Über den Aston Martin DB11 V8 säuselt „Auto Motor Sport“ erotisiert: Allein schon, wie „dem Türöffnen ein Schwall von Lederduft folgt“, habe „starke Anziehungskraft: Die Nase nimmt Witterung auf, folgt der Verlockung.“ Genau so einen hat Cohn sich zugelegt.

Nun aber ist Regierungspräsidium und Staatsanwaltschaft ein böses Schreiben ins Büro geflattert: Als Cohn den Aston Martin DB11 V8 im Jahr 2020 erwarb, habe er statt des regulären Neupreises von 212.590 Euro nur 120.000 bezahlt. Den satten Rabatt von 87.590 Euro habe er „unter unmittelbarer Bezugnahme auf sein Amt als Oberbürgermeister“ ergattert. Hat Cohn den Wagen etwa ergattert nach dem Motto: Gebt ihn mir billig, ich bin der König von Leonberg?!

Unsinn, hat Cohns Anwalt gegenüber mehreren Medien erklärt: „Der Preisnachlass stand in keinerlei Zusammenhang mit der Dienststellung meines Mandanten als Oberbürgermeister der Stadt Leonberg.“ Cohn habe den Wagen rein privat erworben im Rahmen einer Sonderaktion für Vorjahresfahrzeuge, der Preisnachlass sei auch anderen Kunden eingeräumt worden.

„Darüber hinaus“, argumentiert der Anwalt, „wäre die Annahme, mein Mandant sei als Oberbürgermeister einer schwäbischen Gemeinde ein geeigneter Werbeträger für Aston Martin, völlig realitätsfern“. Das ist ein Argument, das prinzipiell nicht unplausibel klingt – wenngleich Cohn alles andere als ein 08/15-Schultes ist ...

„Vetternwirtschaft“: Ein Sachbuch sorgt für Kopfschütteln

Erst vor gut zwei Monaten zum Beispiel hat er ein Sachbuch veröffentlicht. Es trägt den Titel „Vetternwirtschaft“. Die Verlagswerbung zitierte Cohn mit den Worten: „In meinem Verständnis von Politik ist kein Platz“ für „Deals, die kein Mensch nachvollziehen kann“. Oha, ein OB kämpft für moralische Integrität in der Kommunalpolitik! Die Zeitung Die Welt lobte: Cohn prangere die „Raffgier von Politikern“ an.

Ansonsten machte das Werk allerdings nicht direkt Furore. Amazon führt es auf „Bestseller-Rang 29.444“. Selbst in der exotischen Unterkategorie „Bücher über Bau- und Stadtplanungspolitik“ liegt es nur auf Platz 5. Und in Leonberg löste die Veröffentlichung auch keine Huldigungen aus.

Eine „Verunglimpfung unserer Kultur“ seien die Ausführungen des gebürtigen Sauerländers Cohn zur schwäbischen Mentalität, schimpfte der CDU-Chef. Und der SPD-Chef nannte das Buch einen „unsäglichen Egotrip“ voller „pauschaler subjektiver Behauptungen und Anschuldigungen“.

Cohn hatte im Buch mit Blick auch auf Leonberger Verhältnisse angedeutet, manche Stadträte seien Narzissten; also quasi krankhaft von sich selbst eingenommen. Dass ausgerechnet Cohn anderen so was vorwerfe, sei schon lustig, fand der SPD-Mann: „Etwas mehr Selbstreflexion hätte ich ihm schon zugetraut“. Bemerkenswert daran: Cohn ist selber Genosse. Die Sozis hatten ihn 2017 im Leonberger OB-Wahlkampf noch fleißig unterstützt beim Durchmarsch zur absoluten Mehrheit.

Der Punkt in Flensburg und die singende Bürgermeisterin

Im Leonberger Rathaus flogen allerdings auch schon vor der Buchveröffentlichung die Fetzen; vor allem zwischen Cohn und seiner Stellvertreterin Josefa Schmid. Die erwarb sich einst in ihrer Zeit im bayrischen Kollnburg den Ehrentitel „Singende Bürgermeisterin“: Auf Youtube bezauberte sie vorm Bergpanorama des bayrischen Waldes in weiß-himmelblauem Dirndl mit dem Schmachtfetzen „Weus’d a Herz hast wia a Bergwerk“. Josefa Schmid hat ihren Chef auch schon mal angezeigt: Cohn habe sich in ein Bußgeldverfahren gegen seine Person wegen zu schnellen Fahrens eingemischt und dieses zu stoppen versucht. Es ging um 78 km/h in der 50er-Zone, 100 Euro Bußgeld und einen Punkt in Flensburg. Cohn widersprach: Er habe nur seine „Rechte wahrgenommen“, nicht seine „Stellung als Oberbürgermeister ausgenutzt“.

Dass das Klima im Rathaus vergiftet sei, hört man immer wieder. Langjährige Mitarbeiter hätten vor Cohn die Flucht ergriffen und gekündigt, andere seien gegangen worden. Die CDU-Fraktion sorgte sich ob der hohen Personalfluktuation gar um die Arbeitsfähigkeit der Verwaltung.

Damals noch Kaufmann: Cohns Rudersberger Jahre

Cohn, 56 Jahre alt, war zwischen 2007 und 2017 Rudersberger Bürgermeister. Damals hieß er noch Kaufmann. 2019 benannte er sich um. Grund: Ursprünglich habe er Kühn geheißen, Kaufmann sei nur der angenommene Name seines Stiefvaters; „meine Familie“ aber „hat jüdische Wurzeln und hat aus Angst vor Verfolgung 1931 ihren Namen von Cohn in Kühn geändert“.

In seinen rund neun Rudersberger Jahren hat Kaufmann durchaus einiges bewegt vom Adventswald bis zur Ortsdurchfahrt – umstritten war er aber auch damals schon. Mal fühlte sich ein Rudersberger, der sich in einer Bürgersprechstunde kritisch zu Wort gemeldet hatte, vom Schultes „herabwürdigend und blamierend“ abgefertigt, mal geigte der damalige Schorndorfer OB Matthias Klopfer, SPD, seinem Parteifreund und Kollegen Cohn in der der Versammlung des Wieslaufbahn-Zweckverbandes schroff die Meinung. Und im Februar 2018, nach Kaufmanns Abgang gen Leonberg, diktierte der Rudersberger Gemeinderat Wolfgang Bogusch Nachfolger Raimon Ahrens eine Wunschliste, „gespeist von unseren neunjährigen Erlebnissen“ mit dem Vorgänger: Der Neue solle präsent sein, fleißig, transparent, seine Mitarbeiter schätzen, die Bürger „viel früher ins Boot holen“ und Forderungen nicht „in einem schwarzen Loch“ landen lassen.

Wer hätte gedacht, dass der Ex-Schultes von Rudersberg mal zum meistbeachteten Verwaltungs-Promi Württembergs werden würde? Die Story um Martin Georg Cohn, aktuell Oberbürgermeister von Leonberg, ist mittlerweile derart süffig, dass Netflix daraus eine Nachfolgeserie für den Quotenbringer „Tiger King“ stricken könnte. Zu berichten ist von Ärger mit einer melodieseligen Stellvertreterin, Empörung über ein Buch – und von Cohns Luxuswagen Aston Martin.

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