Rems-Murr-Kreis

Missstände im Schlachtbetrieb Kühnle Backnang: Was "Report Mainz" gezeigt hat

flesh-g2f2cab3eb_1920
Ein Schlachter zerlegt Fleisch (Symbolbild aus einem unbestimmten Betrieb). © pixabay

Viele im Vorfeld der Sendung diskutierten Missstände im Schlachtbetrieb der Metzgerei Kühnle in Backnang kamen im Report-Mainz-Beitrag vom Dienstagabend (23. 8.) gar nicht vor. Auch die Ausschnitte von heimlich von Tierschützern aufgenommenem Videomaterial blieben hinter geäußerten Befürchtungen und Behauptungen der Beteiligten, was alles gezeigt werden könnte, zurück. Eine selektive Nacherzählung der Sendung und Einordnungen des Veterinäramtes und der Anwälte der Metzgerei Kühnle im Vorfeld:

Teil eins: „Videoaufnahmen offenbaren gravierendes Ausmaß an Tierquälereien“

Wie im Sendebeitrag am Dienstagabend explizit bestätigt wurde, hatte der Soko Tierschutz e.V. mit Sitz in München der Redaktion von Report Mainz Videoaufnahmen zugespielt, die angeblich von Mai bis Juni an acht unterschiedlichen Schlachttagen heimlich bei Kühnle in Backnang gedreht worden sind. Die Aufnahmen „offenbaren ein gravierendes Ausmaß an Tierquälereien“, so der kommentierende Sprecher der Sendung.

Präsentiert bekamen die TV-Zuschauer alsbald mutmaßlich typische Szenen aus dem Schlachtbetrieb, mit erläuternden Kommentaren des Journalisten. Viel frisches Blut ist zu sehen, auf dem Boden, auf Gittern und Metallzubehör, und ein nach der Betäubung noch zappelndes Tier, das auf der Seite in einem Fixiergitter liegt. Es sieht so aus, als versuche es, mehrfach den Kopf zu heben und sich auf die Seite zu wenden, um aufzustehen. „Rinder zeigen lange nach dem Betäubungsschuss noch Abwehrbewegungen.“ Ein Schlachter setzt das Messer in die Kehle des Tieres. „Der Entblutungsschnitt, der zu einem schnellen Tod führen sollte, wird so gesetzt, dass es Minuten dauert, ehe Tiere tot sind.“ Das Tier wird an einem Lauf an einer Seilwinden-Kette befestigt und nach oben gezogen. Kopfüber blutet es aus.

Dann eine Interviewszene mit Friedrich Mülln vom Soko Tierschutz e.V., der das Videomaterial so kommentierte: „Auf dem Material sieht man Fehlbetäubungen. Es gibt wieder brutale Gewalt, technisches Versagen, inkompetente Mitarbeiter, und das alles mit bester Überwachung des Amtes.“

Report Mainz ließ im Anschluss den Bundesvorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft Fleischhygiene, Tierschutz und Verbraucherschutz, Kai Braunmiller, die Videoaufnahmen begutachten: „Das ist das Zufügen von länger anhaltenden erheblichen Schmerzen und Leiden, die unnötig sind. Das ist für mich ein Straftatbestand“, weil keiner der Schlachthofmitarbeiter auf den Videoaufnahmen ein Interesse zeige, die Reflexe des Tieres zu kontrollieren. „Da muss der Betrieb auf jeden Fall vorübergehend geschlossen werden und darf dann nur wieder in Betrieb gehen, wenn nachgewiesen wurde, dass er die Rechtsvorgaben so umsetzt, wie das zwingend ist.“

Entgegnungen zu Teil eins: „Gewisse Bewegungen nach Betäubung: normal“

Das Metzgerei-Unternehmen Kühnle hatte nach eigenen Angaben und jenen seiner Anwälte bereits am Freitag (19. 8.) seinen Schlachtbetrieb bis auf weiteres geschlossen, nachdem es mit Videoaufnahmen von Report Mainz konfrontiert worden war. Zudem seien zwei auf Videoaufnahmen zu sehende Mitarbeiter mit sofortiger Wirkung und unter Fortzahlung der Bezüge freigestellt worden – bis zur Aufklärung der mutmaßlichen Vorwürfe. Auch sei sogleich ein unabhängiger Gutachter zur Beurteilung der Vorwürfe beauftragt worden.

Dr. Thomas Pfisterer, Leiter des Veterinäramtes des Rems-Murr-Kreises, hatte dieser Zeitung noch am Dienstagnachmittag bestätigt, dass bestimmte Missstände und Mängel im Schlachtbetrieb Kühnle bei Kontrollen schon vor rund zwei Jahren bekanntgeworden und seither dokumentiert worden waren, aber alle Rechtsmittel nicht ausgereicht hätten, um eine Zwangsschließung des Betriebs durchzukriegen. „Dabei ging es aber vor allem um Mängel beim Zutrieb der Rinder in die Betäubungsanlage“, so Pfisterer.

Ende/Mitte Juli 2022 hatte das Veterinäramt dann ein anonymes Schreiben bekommen, in dem auf weitere Missstände hingewiesen wurde. „Wir haben das datenschutzkonform auch dem Unternehmen Kühnle mitgeteilt. Aber die rechtliche Lage war trotzdem immer noch schwierig“, sagte Pfisterer dieser Zeitung. Man müsse sich schließlich nach verwaltungsrechtlichen Leitlinien richten. „Und da gab es bis dahin keinen so belastbaren Grund dafür, dass wir vor Gericht recht bekommen hätten, den Betrieb auch nur teilweise zu schließen.“

Zwangsmittel wie Ordnungswidrigkeitsverfahren und Geldbußen seien jedoch schon vor einiger Zeit gegen das Unternehmen Kühnle angestrengt worden, sagte Pfisterer. „Eine Schließung hätte aber nach Nutzung aller Rechtsmittel und juristischer Gegenwehr des Unternehmens letztlich womöglich erst in einigen Wochen durchgesetzt werden können, wenn der Betrieb nicht innerhalb einer bestimmten Frist bestimmte Maßnahmen umsetzt.“ (Anm. d. Red.: In der Report-Mainz-Sendung sprach Pfisterer später von einem Zeitraum von zwei bis vier Wochen, bis zu einer möglicherweise durchzusetzenden Schließung oder Teilschließung des Schlachtbetriebs.)

„Uns wurden vor der Sendung Video-Szenen in schneller Folge gezeigt, auf denen sich Rinder noch nach der Betäubung sehr lange bewegen und auch Kehlenschnitte nicht fachgerecht gesetzt wurden, so dass das Ausbluten viel zu lange dauert, das Blut nicht, wie vorgeschrieben, schnell und schwallartig austritt. Das betäubte Tier muss innerhalb von maximal 60 Sekunden durch Entblutung getötet werden“, sagte Pfisterer. „Szenen, die uns auch sehr betroffen machen. Aber diese Szenen sind ja zusammengeschnitten und geben nicht zwangsläufig den Normalbetrieb in dem Schlachthaus wieder.“

Gewisse Bewegungen von Rindern noch nach der Betäubung, so schrecklich sich das auch anhöre, seien indes in gewissem Maße normal, so Pfisterer: „Das ist auf Videoaufnahmen schwer zu beurteilen, man muss dazu eigentlich dabei sein, um zu sehen, ob es nur Zuckungen sind oder bewusste Bewegungen. Das sieht man nur vor Ort, daran, wie die Augen des Tieres sind und zum Beispiel, ob die Zunge schlaff heraushängt und so weiter.“

Ähnlich argumentierten auch die Anwälte des Unternehmens Kühnle. Diese teilten dieser Zeitung am Montag (22. 8.) schon mit: „Zusammengeschnitten wurden offensichtlich ausschließlich die Videoaufnahmen, die mögliche Unregelmäßigkeiten zeigen“; außerdem, dass nach zahlreichen wissenschaftlichen Erhebungen Bewegungen der Tiere nach einer Betäubung nicht unüblich seien und „nicht zwingend einen Rückschluss auf die Wiedererlangung der Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit der Tiere zulassen“.

Veterinäramtsleiter Thomas Pfisterer erläuterte aber auch: „Das Problem bei der Betäubungsfalle von Kühnle ist, dass der Kopf der Rinder nicht richtig fixiert wird, so dass es hin und wieder passieren könnte, dass der Schlachter beim Bolzenschuss nicht richtig trifft. Hier hatten wir auch bereits schon Optimierungen angemahnt. Insgesamt war und ist die Betäubung in dem Schlachtbetrieb nach unserem Dafürhalten aber in Ordnung gewesen, so dass wir Betäubungen dort in letzter Zeit nur schwerpunktmäßig kontrollierten. Probleme sahen wir eher im Zutrieb der Rinder zur Betäubungsfalle.“

Teil zwei: Veterinär legte angeblich Hand an, um Tiere zur Schlachtung zu treiben

Im zweiten Teil der Report-Mainz-Sendung wurde Videomaterial vom Zutrieb der Rinder bei Kühnle in Backnang gezeigt: Ein Mitarbeiter treibt in der gezeigten Szene die Tiere angeblich mit einem Elektrotreiber vorwärts, stochert wiederholt (angeblich 16-mal) in das Hinterteil eines Rindes, weil dieses sich nicht vorwärts weiter bewegt. Der erläuternde Kommentar des Sprechers der Sendung: „Nach Ansicht des Experten (Kai Braunmiller) unverhältnismäßig und rechtswidrig. Es ist vorgeschrieben, dass Schlachtungen vom Veterinäramt überwacht werden. Tatsächlich ist ein Tierarzt dabei, doch er kontrolliert nicht nur, er unterstützt die Schlachthofmitarbeiter sogar, indem er die Rinder ebenfalls mit dem Elektrotreiber antreibt.“ Laut Kai Braunmiller müsse dies Konsequenzen haben: „So einen Mitarbeiter könnte ich bei mir nicht weiterbeschäftigen.“

Nun kam in der Sendung Veterinäramtsleiter Thomas Pfisterer zu Wort: „Ja, das ist nicht zulässig.“ – „Das ist ein Mitarbeiter, und wenn ein Mitarbeiter Fehler begeht, dann werden wir dies mit dem Mitarbeiter besprechen und natürlich auch prüfen, ob Maßnahmen einzuleiten sind.“ Der Fall sei inzwischen bei der Staatsanwaltschaft angezeigt worden.

Und am Mittwochmorgen (24. 8.) dann ergänzte Martina Keck, Pressesprecherin des Landratsamtes: "Uns liegen die Originalvideoaufnahmen (noch) nicht vor, so dass wir die Vorwürfe auch nicht sachlich nachhaltig überprüfen können."

Erläuterungen zu Teil zwei: „Elektrische Treibhilfen sind nicht verboten“

Schon vor der Sendung hatte Thomas Pfisterer dieser Zeitung erläutert: „Elektrische Treibhilfen sind gemäß § 5 Tierschutzschlachtverordnung grundsätzlich zulässig, aber die Anwendung ist auf Ausnahmefälle limitiert, wenn bestimmte Tiere zum Beispiel besonders störrisch sind. Die elektrischen Treibhilfen sind zudem nur an geeigneten Stellen des Körpers, zum Beispiel an der Keule, also der Hüfte der Tiere, einzusetzen.“

Noch schlimmere Vorwürfe der Tierschützer bleiben unerwähnt

Noch schlimmere Vorwürfe, die der Tierschutz Soko e.V. (eine angebliche Vielfach-Benutzung von elektronischen Treibhilfen sowie weitere Mängel, was Hygiene und Sicherheit im Schlachthaus in Backnang angehe) via eine Pressemitteilung verbreitet und mit angeblichen Videoaufnahmen im Netz mutmaßlich „belegt“ hatte, wurden in der Report-Mainz-Sendung gar nicht thematisiert.

Die Anwälte von Kühnle von der Kölner „Medienkanzlei“ Brost Claßen sind der Auffassung, dass es sich um Falschmeldungen handelt, die zwar teilweise bereits kursieren, aber nicht in irgendeiner Form übernommen und weiterverbreitet werden dürften.

Viele im Vorfeld der Sendung diskutierten Missstände im Schlachtbetrieb der Metzgerei Kühnle in Backnang kamen im Report-Mainz-Beitrag vom Dienstagabend (23. 8.) gar nicht vor. Auch die Ausschnitte von heimlich von Tierschützern aufgenommenem Videomaterial blieben hinter geäußerten Befürchtungen und Behauptungen der Beteiligten, was alles gezeigt werden könnte, zurück. Eine selektive Nacherzählung der Sendung und Einordnungen des Veterinäramtes und der Anwälte der Metzgerei Kühnle im

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper