Rems-Murr-Kreis

Missstände im Schlachthaus Kühnle waren bekannt: Haben Veterinäre weggeschaut?

KurzSchlachthaus
Fleisch geschlachteter Tiere in irgendeinem Schlachthaus (Symbolbild). © Zürn

„Schlachthofskandal: Veterinäre schauen bei Tierschutzverstößen weg“, heißt der Titel des Beitrags im ARD-Magazin Report Mainz an diesem Dienstagabend (23. 8.) über Unregelmäßigkeiten im Schlachtbetrieb der Metzgerei Kühnle in Backnang. Tatsächlich sollen in den geheimen Videoaufnahmen auch Veterinäre zu sehen sein, die diskussionswürdigen Vorgängen beiwohnen. „Ein Veterinär macht sich Notizen. Die Aufnahmen sind tonlos. Deshalb wissen wir nicht, was gesprochen wird und in welchem Kontext. Er könnte sich ja auch Missstände notiert haben“, sagt Martina Keck, Pressesprecherin des Landratsamtes. Das müsse alles noch aufgearbeitet und abgewartet werden, was letztlich in der Sendung an Vorwürfen zur Sprache kommt.

Video-Aufnahmen aus Backnang bei "Report Mainz" im ZDF

„Die Videoaufnahmen machen auch uns betroffen“, wird derweil der Leiter des Veterinäramtes des Rems-Murr-Kreises, Dr. Thomas Pfisterer, in einer Stellungnahme zitiert. Fest stehe aber, dass sich das Veterinäramt im Backnanger Schlachtbetrieb stets dafür einsetzt und eingesetzt habe, dass Tiere auch bei der Schlachtung bestmöglich behandelt werden.

Die Videos wurden dem Veterinäramt von Report Mainz vor der Sendung gezeigt, und Thomas Pfisterer wird in der Sendung auch zu Wort kommen, sagt Martina Keck. Die Videos wiesen auf tierschutzrechtliche Unzulänglichkeiten hin, die dem Veterinäramt in Teilen bekannt sind. Das Landratsamt des Rems-Murr-Kreises sei deshalb schon früher in einem umfangreichen tierschutzrechtlichen Verwaltungsverfahren mit Zwangsmitteln eine Beseitigung der Mängel im Schlachtbetrieb in Backnang angegangen. Wegen Verstößen gegen tierschutzrechtliche Bestimmungen seien zudem Ordnungswidrigkeiten angezeigt worden. „Die Hauptmängel beziehen sich auf technisch-bauliche Unzulänglichkeiten beim Zutrieb der Tiere. Zum aktuellen Verfahrenszeitpunkt war eine ganz- oder teilweise Untersagungen der Schlachtung nicht gerechtfertigt“, so Thomas Pfisterer

Veterinäramt: Videomaterial unvollständig zur Verfügung gestellt

Der Schlachthof der Metzgerei Kühnle habe sich am Programm des Landes zur freiwilligen Ausstattung mit Kameras zwar beteiligt, leider sei das Material wegen datenschutzrechtlicher Bedenken jedoch der amtlichen Überwachung nur unvollständig und unregelmäßig zur Verfügung gestellt worden, so Pfisterer. „Eine rechtliche Handhabe, jederzeit auf das Material ohne Zustimmung des Betreibers zuzugreifen, haben wir leider nicht. Wenn bei der Sichtung des Videomaterials Verstöße festgestellt wurden, wurden diese seitens des Veterinäramts verfolgt.“

Zudem sei das Personal im Veterinäramt des Rems-Murr-Kreises seitens des Landratsamts verstärkt worden. „Aufgrund der Herausforderungen in dem betroffenen Betrieb haben wir das amtliche Personal spezifisch geschult und dessen Präsenz im Betrieb deutlich erhöht.“

Was die Video-Aufnahmen von Mitarbeitenden des Veterinäramtes Rems-Murr im Schlachtbetrieb der Metzgerei Kühnle angeht: „Wir nehmen die Vorwürfe ernst und arbeiten diese aktuell auf“, so Dr. Thomas Pfisterer.

Metzgerei Kühnle schließt Betrieb in Backnang

Die Metzgerei Kühnle hat den Schlachbetrieb in Backnang nach Bekanntwerden der Vorwürfe zum vergangenen Wochenende (20./21.8.) hin freiwillig vorläufig geschlossen. Report Mainz verfüge über geheime Videoaufnahmen, die "mögliche Unregelmäßigkeiten beim Zutrieb von Rindern sowie bei der Betäubung einzelner Tiere" zeigten, so das Unternehmen in einer Stellungnahme. 

Landratsamtssprecherin Martina Keck bestätigt: "Unsere Veterinäre hatten schon länger Mängel beim Zutrieb festgestellt und bauliche Veränderungen angemahnt. Das Problem ist, dass manche Tiere nicht von selbst zur Betäubung liefen, sondern es Möglichkeiten für sie gab, auszubüxen."

Kühnle-Anwälte nehmen Stellung, Unternehmen setzt Gutachter ein

Die enge Zusammenarbeit mit dem Veterinäramt bei der Abstellung von Mängeln hat auch das Unternehmen Kühnle via ihre Anwälte dieser Zeitung gegenüber ausführlich erläutert. In Bezug auf den Zutrieb der Schweine habe Kühnle bereits alle erforderlichen Maßnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass die Abläufe den gesetzlichen Anforderungen entsprechen, teilten die Rechtsanwälte Dr. Jörn Claßen und Julia Jeromin von der Kölner „Medien-Kanzlei Brost Claßen“ im Auftrag Kühnles am Montag (22. 8.) dieser Zeitung mit. „Bezüglich des Zutriebs der Rinder gestaltete sich die Umsetzung der behördlichen Vorgaben aufgrund der baulichen Gegebenheiten des Schlachthauses als schwieriger. Aber auch hier wurden die baulichen Gegebenheiten bereits optimiert.“ Weitere Umbaumaßnahmen seien zudem bereits beauftragt.

„Nach intensiver und langer Suche konnte schließlich ein Unternehmen gefunden werden, welches zusagte, eine neue Rinderfalle mit automatischem Zutrieb bis Februar 2023 zu liefern.“ Für die Übergangszeit habe Kühnle in Absprache mit der Veterinärbehörde bereits Umbaumaßnahmen vornehmen lassen, „unter anderem wurden die Rinderfalle abgeändert, die Schlachtzahlen reduziert sowie eine neue Rampe zur Großviehfalle gebaut“, erläuterten die Anwälte.

Das Metzgerei-Unternehmen Kühnle habe nun zudem einen unabhängigen Gutachter zur Aufklärung der mutmaßlichen Vorwürfe durch Report Mainz beauftragt. Außerdem seien zwei auf den geheimen Videoaufnahmen zu sehende Mitarbeiter des Schlachtbetriebs mit sofortiger Wirkung und unter Fortzahlung der Bezüge freigestellt worden – bis zur Aufklärung der mutmaßlichen Vorwürfe.

„Schlachthofskandal: Veterinäre schauen bei Tierschutzverstößen weg“, heißt der Titel des Beitrags im ARD-Magazin Report Mainz an diesem Dienstagabend (23. 8.) über Unregelmäßigkeiten im Schlachtbetrieb der Metzgerei Kühnle in Backnang. Tatsächlich sollen in den geheimen Videoaufnahmen auch Veterinäre zu sehen sein, die diskussionswürdigen Vorgängen beiwohnen. „Ein Veterinär macht sich Notizen. Die Aufnahmen sind tonlos. Deshalb wissen wir nicht, was gesprochen wird und in welchem Kontext.

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