Rems-Murr-Kreis

Mobilfunk: Ist der neue Standard 5G die Zukunft? Oder macht 5G krank?

mahnwache
Der Widerstand gegen den neuen Mobilfunkstandard 5G formiert sich bereits seit längerem – dieses Foto zum Beispiel entstand im September 2019 auf dem Schorndorfer Marktplatz. Foto: Palmizi © ALEXANDRA PALMIZI

Die fünfte Generation des Mobilfunks: ein Traum. Schnell und kabellos Daten runter- oder hochladen; selberfahrende Autos, kommunizierende Haushaltsgeräte, intelligente Brillen; alles hängt mit allem zusammen, und in der Digitalwirtschaft entstehen Millionen neuer Arbeitsplätze! 5G muss man super finden.

Oder doch nicht?

Vor einigen Wochen verfassten Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) einen gemeinsamen Brief, den sie breiter kaum streuen hätten können. Verteiler: „an die politisch Verantwortlichen in Städten, Gemeinden und Landkreisen“. So schworen sie Gemeinde- und Kreisräte landauf, landab auf 5G ein: „Perspektivisch“ seien „die Vorzüge der vernetzten Gesellschaft“ – Industrie 4.0, Künstliche Intelligenz – nur mit dem „flächendeckenden Ausbau“ des neuen Mobilfunkstandards zu haben. Ohne 5G, so die Botschaft, keine „vernetzte und automatisierte Mobilität, die Verkehrsströme optimiert, Verkehrssicherheit erhöht und Verkehrsaufkommen reduzieren kann“. Ohne 5G also Stau und Unfälle, ohne 5G keine Zukunft.

„Die Sorgen von 5G-Skeptikern vor den gesundheitlichen Auswirkungen elektromagnetischer Felder“ indes, heißt es in dem Brief, „gehen oft einher mit einer generellen Ablehnung des voranschreitenden Digitalisierungsprozesses.“ Sprich: Wer an 5G zweifelt, ist ein Fortschrittsverweigerer.

Vorderhand wirkt das Schreiben wie ein Dokument des Begeisterungsschwungs – unterschwellig zeugt es von nagender Nervosität. Offenbar fürchten Scheuer und Schulze, dass ihnen bei 5G die Deutungshoheit schwinden könnte. Die Sorge ist wohl nicht ganz unberechtigt.

Mobilfunk, 5G und das Krebsrisiko - Strahlenschutzbehörde bleibt gelassen 

Im Rems-Murr-Kreis (und andernorts) formiert sich längst der Widerstand. Scheuers und Schulzes ministeriales Werbegetrommel sei „angesichts der zunehmenden Bedenken in der Gesellschaft und in der Wissenschaft hinsichtlich möglicher gesundheitlicher Risiken“ von 5G „äußerst irritierend“, heißt es in einem Gegenbrief an alle Bürgermeister und Gemeinderäte im Landkreis, verfasst vom „Mobilfunkbürgerforum e.V. Gruppe Rems-Murr“. Zu den Unterzeichnerinnen gehören auch zwei Ärztinnen, Dr. med. Cornelia Mästle aus Winterbach und Dr. med. Susanne Richter aus Schwaikheim. Sie bitten die Kommunalpolitiker, „für Ihre Gemeinde ein Moratorium für 5G zu beschließen“.

Tragen die Einwände? Oder ist das nur der nächste Horror-Mythos nach der Windkraft, die mit Schlagschatten und Infraschall Menschen in den Wahnsinn treibe, und Corona, das Bill Gates erfunden habe, damit er uns Chips einpflanzen kann?

Für Scheuer und Schulze ist der Fall klar, und sie haben das Bundesamt für Strahlenschutz auf ihrer Seite. Zwar ist unumstritten, dass Mobilfunkstrahlen Körpergewebe erwärmen können, aber laut BfS drohen keine Risiken, wenn die gesetzlichen Grenzwerte beachtet werden. Über deren Einhaltung aber wache ja die Bundesnetzagentur, schreiben Scheuer/Schulze. Unter diesen Bedingungen „gelten Funkanlagen nach den national und international anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen als gesundheitlich unbedenklich“.

Ganz so eindeutig scheint das bei näherem Hinsehen dann aber doch nicht zu sein.

Oder doch Krebsrisiko? Einwände gegen 5G kommen nicht nur von Esoterikern

Es gibt zum Beispiel den sogenannten 5G-Appell, unterzeichnet von mittlerweile fast 300 Forschern aus aller Welt, die vor „erhöhtem Krebsrisiko“ warnen.

Es gibt die Warnung des renommierten Krebsforschers Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer: Bereits 2011 habe die Internationale Agentur für Krebsforschung Funkstrahlung als möglicherweise krebserregend eingestuft, „seitdem haben zusätzliche Studien die Annahme eines kausalen Zusammenhangs zwischen Mobiltelefonnutzung und Krebs erhärtet“, und 5G werde die Lage verschärfen – „riesige Datenmengen mittels Mikrowellentechnik im unmittelbaren Lebensbereich des Menschen zu übertragen, ist aus ärztlicher Sicht als eine Fehlentwicklung zu sehen.“

Und es gibt die Stellungnahme einer europäischen Institution, die durchaus nicht als esoterische Nostradamus-Gilde verrufen ist: Das „sehr dichte Netz von Antennen und Sendern“, das gebraucht werde, um 5G zu etablieren, werde eine „Dauerexposition der gesamten Bevölkerung einschließlich der Kinder bedeuten“ und werfe „die Frage auf, ob negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu erwarten sind“, von „erhöhtem Krebsrisiko“ über „genetische Schäden“ bis zu „Lern- und Gedächtnisdefiziten“. Diese Worte stammen: vom Wissenschaftlichen Dienst des Europäischen Parlaments. Er ist dazu da, für die EU-Abgeordneten den Stand der Forschung bei wichtigen Fragen seriös zusammenzufassen.

Macht 5G krank? Die wissenschaftliche Literatur ist widersprüchlich 

Ist 5G das Supernetz, das wir brauchen, um nicht von den Chinesen abgehängt zu werden? Die Pforte zu einer Welt ungeahnter Chancen? Oder macht 5G uns krank?

Nichts Genaues weiß man nicht. Zitat Professor Szekeres: „Fakt ist, dass weder Mobilfunkgegner noch Befürworter Langzeitstudien präsentieren können.“ Zitat des Wissenschaftlichen Dienstes: Es fehle bislang an „Untersuchungen zu der Dauereinwirkung, die sich aus der Einführung von 5G ergeben würde.“ Die „Menge an wissenschaftlicher Literatur“ nehme „schnell zu“ – manche Studien „legen mögliche Gesundheitsrisiken nahe, andere hingegen nicht“.

Zusammengefasst ist also das die aktuell gesicherte Forschungslage: Die einen sagen so, die andern sagen so.

Die fünfte Generation des Mobilfunks: ein Traum. Schnell und kabellos Daten runter- oder hochladen; selberfahrende Autos, kommunizierende Haushaltsgeräte, intelligente Brillen; alles hängt mit allem zusammen, und in der Digitalwirtschaft entstehen Millionen neuer Arbeitsplätze! 5G muss man super finden.

Oder doch nicht?

Vor einigen Wochen verfassten Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) einen gemeinsamen Brief, den sie breiter

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper