Rems-Murr-Kreis

Nach dem Amoklauf: Gebete für Heidelberg aus Winnenden

Holzwarth
Hartmut Holzwarth, Oberbürgermeister von Winnenden. © Gabriel Habermann

Nachrichten wie diese werden wir, die wir den 11. März 2009 erlebt haben, nie wegdrücken, ausblenden, überhören können, und wir wollen es auch nicht. Ein 18-Jähriger erschießt an der Uni Heidelberg eine Studentin und verletzt drei weitere Menschen, danach tötet er sich selbst, ein sogenannter Amoklauf: Meldungen wie diese werden in Winnenden niemals im steten Gewalt-News-Rauschen untergehen, das zu dieser Welt nun einmal unabweislich gehört.

„Immer“, wenn so etwas geschieht, ist da „das Gefühl“, sagt Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth: Jetzt gibt es in einer anderen Stadt Menschen, die sich demselben stellen müssen, was die Winnender zu bestehen hatten, jetzt herrschen dort derselbe Schock, dieselbe Trauer, dieselbe Verstörung, jetzt werden sich dort dieselben „Verwerfungen“ auftun. Auch dort ist jetzt „eine Gemeinschaft in den Grundfesten erschüttert“, eine Universität und eine Stadt, wie die Albertvilleschule und Winnenden erschüttert wurden 2009. „Man fühlt mit so einem Ort“, sagt Hartmut Holzwarth; es gibt zu viele. Derlei geschah seit 2009 – die Aufzählung ist nicht im entferntesten vollständig – in Perpignan, Frankreich, an der Universität; in Grasse, Frankreich, und Kasan, Russland, an Gymnasien; in Trollhättan, Schweden, an der Kronanschule; in Heidelberg an der Universität.

Eine halbjournalistische Zwischenbemerkung

Sei es angemessen oder deplatziert – egal, wir von der Zeitung erlauben uns an dieser Stelle, den Leserinnen und Lesern etwas aus dem Innenleben des ZVW zu berichten.

Wir erhielten am Montag die Mitteilung von der Partnerredaktion aus Stuttgart, die uns die überregionalen Seiten zuliefert: Geplant sei zu Heidelberg eine Geschichte auf der Eins und dazu auch ein Titelbild. Das war eine journalistisch vollkommen legitime, mehr noch, eine nach allen gängigen Standards richtige Entscheidung. Hier ging es um ein Ereignis von hohem Nachrichtenwert und beträchtlichem, berechtigtem öffentlichen Interesse. Wir haben dennoch entschieden, nur den Text mitzunehmen und auf das Foto zu verzichten. Wir wollten einfach kein rot-weißes Absperrband, keine polizeilichen Spurensicherer in Kombination mit dem Wort Amoklauf auf der Titelseite unserer Zeitung sehen; nicht in Winnenden, nicht im Rems-Murr-Kreis. Also füllten wir den entstehenden leeren Raum mit einem Foto von PCR-Testproben und ein paar Zeilen zum aktuellen Infektionsgeschehen.

Man mag das allzu skrupulös finden und auch inkonsequent, denn natürlich berichten wir sonst durchaus mit Fotos über Gewalttaten und Verbrechen. Das Beispiel zeigt nur: Niemand, der mit dem 11. März 2009 zu tun hatte, wird jemals, wenn er das Wort „Amoklauf“ hört, denken: Ach, das ist weit weg und anderswo, das hat mit uns nichts zu tun.

Einige Zeilen am Ende eines aufwühlenden Tages

Hartmut Holzwarth lebte noch nicht in Winnenden, als der Massenmord vom 11. März geschah, er trat sein Amt als Oberbürgermeister erst im April 2010 an – aber er weiß um die Bedeutung des schlimmsten Tages für die Stadt. Das Ereignis am Montag hat ihn auch aufgewühlt, weil sein Sohn in Heidelberg studiert: Am Vormittag war der junge Mann noch zu Hause in Winnenden; bevor er losfahren wollte, kam die Nachricht von der Gewalttat. Sie hätten dann „nüchtern abgewogen“, erzählt Hartmut Holzwarth, und beschlossen: Du kannst dorthin gehen, es besteht keine Gefahr für dich.

Am Montag, spät am Abend, fand Holzwarth endlich die Zeit, sich hinzusetzen und innezuhalten. Er dachte nach und beschloss: Ich sollte in den sozialen Medien etwas schreiben. Nicht viel muss es ein, nur ein Zeichen. Zu den Gedenkformen, die Holzwarth in Winnenden mitgeprägt hat, gehören schon lange diese eher leisen Gesten: die Schweigeminute zum Beispiel im Stadtgarten, alljährlich am 11. März kurz nach 9.30 Uhr.

Also setzte er sich mitten in der Nacht an den Rechner, lud ein Foto hoch, ein Schwarz-Weiß-Bild von der im Dunkel beleuchteten Winnender Innenstadt, und schrieb ins Bild: „Gebete für Heidelberg aus Winnenden“.

Nachrichten wie diese werden wir, die wir den 11. März 2009 erlebt haben, nie wegdrücken, ausblenden, überhören können, und wir wollen es auch nicht. Ein 18-Jähriger erschießt an der Uni Heidelberg eine Studentin und verletzt drei weitere Menschen, danach tötet er sich selbst, ein sogenannter Amoklauf: Meldungen wie diese werden in Winnenden niemals im steten Gewalt-News-Rauschen untergehen, das zu dieser Welt nun einmal unabweislich gehört.

„Immer“, wenn so etwas geschieht, ist da

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