Rems-Murr-Kreis

Nach Holzstapel-Brandserie: Bewährungsstrafe für 40-Jährigen

Holzstapelbrand, Winterbach, 04.01.2019.
Anfang Januar 2019: Holzstapelbrand in Winterbach. © Benjamin Beytekin

Nach der Holzstapel-Brandserie 2018/19 ist ein 40-jähriger Mann aus dem Rems-Murr-Kreis zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verteilt worden. Wegen Brandstiftung in 36 Fällen war der Mann angeklagt. Zwölf Brandlegungen gab er zu. Wegen dieser zwölf Fälle verurteilte ihn das Amtsgericht Waiblingen am Donnerstag. Wer die anderen Brände gelegt hat und ob doch mehr als die zwölf Feuer auf das Konto des 40-Jährigen gehen, bleibt unklar.

Frustration, Unzufriedenheit und Überforderung beruflich wie privat dürften die Gründe für die Taten gewesen sein, zumindest legt das ein psychiatrisches Gutachten nahe. Der Beschuldigte selbst versicherte schluchzend, er könne es sich heute selbst nicht mehr erklären, warum er die Holzstapel in Brand gesteckt hatte. Er entschuldigte sich bei den Besitzern der Holzstapel, bei der Feuerwehr und bei allen, die er mit seinen Taten in Angst und Schrecken versetzt hatte. Sein Anwalt kündigte an, man werde nun mit den Geschädigten Kontakt aufnehmen, wolle den Schaden wiedergutmachen und auch Zahlungen an die Feuerwehr leisten.

Die Brandserie begann Ende Oktober 2018 und endete am 22. Januar 2019. Während dieser Zeit gingen eine Vielzahl von Holzstapel in Flammen auf, meist mitten in der Nacht und stets fernab von Wohnbebauung. Menschen kamen nicht zu Schaden. Die Feuerwehr musste in Rommelshausen, Fellbach, Schwaikheim, Urbach, Winterbach und anderen Orten im Rems-Murr-Kreis ausrücken. Auch in angrenzenden Landkreisen brannte des Nachts aufgeschichtetes Holz.

Das Handy des 40-Jährigen führte die Ermittler auf die richtige Spur

Unter anderem mittels Handydaten kam die Polizei dem Mann auf die Schliche. Im Zeugenstand erläuterte der Leiter der Ermittlungsgruppe, welche die Kripo Waiblingen eigens zur Aufklärung der Brandserie gegründet hatte, wie die Polizei damals vorging. Das Mobilfunknetz ist in Zellen unterteilt, und es lässt sich nachvollziehen, welches Handy wann in welche Zelle eingebucht ist. Das Handy des 40-Jährigen war an mehreren Brandorten mit der jeweiligen Zelle verbunden. Ferner wertete die Polizei Standortdaten aus, und eine Kamera filmte einen Wagen, dessen auffällige Heckleuchten mit jenen des Fahrzeugs des Mannes übereinstimmten. Ferner lagen Aufnahmen einer Wildkamera vor, die weitere Hinweise lieferten.

Mehrfach observierte die Polizei den Verdächtigen. Ende Januar 2019 folgte eine Wohnungsdurchsuchung. Knapp einen Monat verbrachte der heute 40-jährige Betriebswirt in U-Haft, die nachhaltigen Eindruck hinterließ und die der Mann als schlimmste Zeit seines Lebens beschrieb.

"Es gab mit mir immer Probleme"

Seit vielen Jahren kämpft der Mann mit psychischen Schwierigkeiten. „Es gab mit mir immer Probleme“, sagte er vor Gericht. Früh wurde ADHS diagnostiziert; in der Schule sei er stets Außenseiter gewesen. Das Abitur schaffte der Mann nicht; den Verlauf seiner kaufmännischen Ausbildung empfand er als Desaster. Dennoch schaffte er den Abschluss und arbeitete danach viele Jahre lang im Betrieb seines Vaters. Versagensängste quälten ihn. Er hatte das Gefühl, „ich kann nichts, das wird nichts“. Er mied Kontakte zu Menschen, versteckte sich in der Firma sogar, wenn sich Besucher angekündigt hatten. Von Depressionen und suizidalen Gedanken sprach der Mann. Als dann noch massive Probleme seiner Frau am Arbeitsplatz hinzukamen, „habe ich alles vor meinen Augen zusammenbrechen sehen“. Zurzeit ist der Mann ohne Job und versucht, mit Hilfe einer Therapie „wieder in die Spur zu kommen.“

Gutachter sieht kombinierte Persönlichkeitsstörung

Amtsgerichtsdirektor Michael Kirbach verlas Ausschnitte aus einem psychiatrischen Gutachten, das dem 40-Jährigen eine kombinierte Persönlichkeitsstörung attestiert. Mehrere Faktoren kommen demnach zusammen: Der Mann nimmt eine ängstlich-vermeidende, selbstabwertende Haltung ein. Gleichzeitig finden sich in der Persönlichkeit des Mannes aus Sicht des Gutachters narzisstische Züge. Er neige zu dramatischer Selbstdarstellung und habe das Bedürfnis, bewundert zu werden. Als sozial unbeholfen wird der Mann im Gutachten beschrieben, ferner sorge er sich übertrieben, abgelehnt zu werden. Mittels der Brandstiftungen habe der 40-Jährige Aggressionen abbauen und Rache dafür üben wollen, dass ihm so vieles im Leben aus seiner Sicht unverschuldet nicht gelungen sei. Ein Pyromane sei der Mann nicht. Die Rückfallgefahr ist aus Sicht des Gutachters gering, und es könne nicht sicher ausgeschlossen werden, dass die psychischen Schwierigkeiten die Schuldfähigkeit eingeschränkt hätten.

Beschuldigter übernimmt Verantwortung für die Taten

Marko Becker, der Verteidiger des Mannes, versicherte im Namen seines Mandanten, der Beschuldigte übernehme die volle Verantwortung für seine Taten und wolle sich nicht hinter seinen psychischen Problemen verstecken. Aus Beckers Sicht wäre eine zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe von anderthalb Jahren ausreichend gewesen. Der Staatsanwalt plädierte auf zwei Jahre Haft auf Bewährung.

Vorab hatte man sich in diesem Verfahren darauf verständigt, dass der Mann mit einer maximal zweijährigen Haftstrafe davonkommen könne, sofern er in der Verhandlung sein Geständnis wiederhole, das er bereits bei der Polizei abgegeben hatte. Eine Freiheitsstrafe kann nur dann noch zur Bewährung ausgesetzt werden – wie hier geschehen –, wenn sie die Obergrenze von zwei Jahren nicht überschreitet. Nichtsdestotrotz warnte Richter Kirbach: „Das ist kein Sonderangebot“; die Taten seien „keine Kleinigkeiten“.

Nach der Holzstapel-Brandserie 2018/19 ist ein 40-jähriger Mann aus dem Rems-Murr-Kreis zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verteilt worden. Wegen Brandstiftung in 36 Fällen war der Mann angeklagt. Zwölf Brandlegungen gab er zu. Wegen dieser zwölf Fälle verurteilte ihn das Amtsgericht Waiblingen am Donnerstag. Wer die anderen Brände gelegt hat und ob doch mehr als die zwölf Feuer auf das Konto des 40-Jährigen gehen, bleibt unklar.

Frustration, Unzufriedenheit und Überforderung beruflich

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