Rems-Murr-Kreis

Nach Kühnle-Schließung: Hat sich die Nachfrage nach Fleisch und Wurst verändert?

Tierquälerei in Schlachthof? - Metzgereibetrieb stellt Schlachtbetrieb ein - Veterinär geht mit Elektroschocker auf einzelne Tie
Schon am Freitag, 26. August, fand eine Mahnwache von rund 30 Tierrechtsaktivisten in Backnang statt (hier nur ein Bildausschnitt). © 7aktuell.de | Kevin Lermer

Tierrechtsaktivisten haben für kommenden Donnerstag (15.9.) ab 16.30 Uhr erneut eine Mahnwache in Backnang angemeldet. Sie fordern, die Wiedereröffnung des Schlachtbetriebs der Metzgerei Kühnle zu verhindern. Dadurch würden Probleme nur verlagert, hält der Obermeister der Fleischer-Kreisinnung, Ulrich Fritz aus Schorndorf, dagegen. Die Mehrheit der Menschen sei Fleisch-Esser, und ohne lokale Schlachtereien komme die Ware von weiter her: „Schlechter für das Tierwohl, die Umwelt und die Qualität.“ Deshalb ist Fritz für eine Wiedereröffnung des Backnanger Schlachtbetriebs, freilich müssten dortige Missstände erst aufgeklärt und behoben werden.

Fleischmengen werden immer weniger, doch Fleischesser weiter in der Mehrheit

Der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch in Deutschland verzeichnet einen rückläufigen Trend. Beim Schweinefleisch fiel der durchschnittliche Verzehr von 2018 bis 2021 von 35,7 auf 31 Kilogramm, beim Rindfleisch von 9,7 auf 9,4 Kilogramm, beim Geflügelfleisch von 13,2 auf 13,1 Kilogramm. Dies geht aus den Berichten zur Markt- und Versorgungslage mit Fleisch der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hervor (Bericht 2019: hier. Bericht 2020: hier. Bericht 2021: hier. Bericht 2022: hier.)

Ob dieser Rückgang allerdings an den aufgedeckten „Schlachthausskandalen“ liegt, ist fraglich – allein in Baden-Württemberg gab es welche in Tauberbischofsheim (2018), Gärtringen (2020), Biberach (2020) und Backnang (2022).

Laut „Fleischatlas 2021“ der Heinrich-Böll-Stiftung lehnen „mehr als zwei Drittel der jüngeren Generation die heutige Fleischindustrie“ ab, weil sie in der Fleischproduktion eine Bedrohung für das Klima sähen und sich deshalb „doppelt so oft vegetarisch und vegan wie der Durchschnitt der gesamten Bevölkerung“ ernährten.

Kundennachfrage nach regionalem Fleisch, aber preiswert, ungebrochen

„Nach dem ersten Schock Ende August merken wir eigentlich keine Kaufzurückhaltung bei den Metzgereikunden wegen der Vorgänge bei Kühnle in Backnang“, sagt Innungsobermeister Ulrich Fritz. „Beherrschendes Thema bei Kunden und auch bei uns Metzgern sind mittlerweile eher die steigenden Preise und Energiekosten.“

Nach wie vor wünsche „der Kunde“ Fleisch und Wurst von regionalen Produzenten, regional geschlachtet, aber möglichst preiswert. „Wir haben jetzt mit großen Anstrengungen Tierwohl-Fleisch in der Region, vor allem aus dem Raum Göppingen. Da kommen uns solche Vorfälle wie in Backnang leider voll in die Quere. Das ist natürlich nicht gerade hilfreich gewesen“, sagt Fritz. Er hoffe aber, dass nach Aufklärung aller Vorwürfe und Behebung möglicher Missstände der Schlachtbetrieb Kühnle, der teilweise auch für andere Metzgereien als die eigenen 16 Filialen geschlachtet habe, bald wieder eröffnet, so Fritz.

Ein Anwalt der Firma Kühnle konkretisiert auf Nachfrage: „Jährlich wurden circa drei bis vier Rinder und circa zehn Schweine im Auftrag eines anderen Unternehmens bei unserer Mandantin geschlachtet.“

Laut Landratsamt hat(te) der Schlachtbetrieb Kühnle in den vergangenen Jahren einen Schlachtmengen-Anteil im Rems-Murr-Kreis von 42 bis 46 Prozent bei den Rindern, bei den Kälbern einen von 73 bis 77 Prozent und bei den Schweinen einen von 68 bis 69 Prozent. Jedenfalls, so Ulrich Fritz, gebe es seit der freiwilligen vorläufigen Schließung des Kühnle-Schlachthauses Ende August im Rems-Murr-Kreis keinen weiteren Schlachtbetrieb vergleichbarer Größe mehr. Laut Landratsamt gibt es im Rems-Murr-Kreis 29 „Schlachtbetriebe“. 28 seien handwerkliche Metzgereien, Kühnle betreibe den einzigen Schlachthof im Kreis.

Göppingen immer bedeutender, was lokale Schlachtungen angeht

Im Lebensmittel- und Veterinärüberwachungssystem des Landkreises sind 202 Verkaufsstellen für Fleisch- und Wurstwaren (Metzgereien/Fleischbetriebe inklusive deren Filialen) hinterlegt. „Da gibt es aber auch solche, die verkaufen ein Schwein im ganzen Jahr“, erläutert Fritz. In der Kreis-Innung seien 30 Metzgereien organisiert. „Dann gibt es im Landkreis noch fünf, sechs die man auch als Fleischereien oder Metzgereien bezeichnen kann, alle anderen sind zum Beispiel Direktvermarkter, die Wurstdosen machen und im Hofladen verkaufen. Bei ‘Verkaufsstellen’ zählen auch die Supermärkte dazu.“

Das unbescholtene Winnender Unternehmen Häfele mit 21 Filialen und acht Verkaufsständen auf Wochenmärkten schlachtet im eigenen Schlachthof in Ilsfeld-Auenstein, die Wurstküche ist in Bietigheim. „In den Berglen gibt’s noch die Metzgerei Ziegler mit eigenem Hofladen, die schlachtet noch selbst Schweine, Rinder und auch Schafe und Ziegen“, sagt Fritz.

„Früher hat jeder selbst geschlachtet“, so Fritz. „Doch aufgrund der ganzen EU-Gesetzgebung und den hohen Auflagen haben viele Metzgereien, traditionell in Ortsmitten räumlich begrenzt angesiedelt, vor Jahren schon ihre eigenen Schlachtungen aufgegeben.“ So seien heute die meisten Metzgereien im Rems-Murr-Kreis was Schweine- und Rindfleisch angeht vor allem auf den Schlachthof in Göppingen angewiesen. „Der war aber schon nach den Vorfällen in Gärtringen überlaufen und konnte nicht mehr alle Aufträge annehmen. Es bestehen also Engpässe was das lokale Schlachten angeht“, so Fritz.

Laut Statistischen Landesamt sind 2022 in der ersten Jahreshälfte 6,3 Prozent weniger Säugetiere in Baden-Württemberg geschlachtet worden als im ersten Halbjahr 2021: Insgesamt 2,24 Millionen Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Pferde wurden zu 233 500 Tonnen Fleisch verarbeitet. Schon im Gesamtjahr 2021 war die Fleischmenge im Land auf den niedrigsten Stand seit 15 Jahren gefallen.

Rüdiger Pyck vom Landesinnungsverband des baden-württembergischen Fleischerhandwerks warnte Ende August in einem SWR-Interview davor, dass die Schlachthöfe in der Region Stuttgart enorm ausgedünnt seien und die Gefahr zunehme, „dass immer mehr Vieh ins Ausland transportiert und dort geschlachtet wird.“

Die Schlachtrinder für die Fleisch- und Wurstproduktion im Rems-Murr-Kreis (die Direktvermarkter ausgenommen) kommen laut Ulrich Fritz noch vor allem aus dem Räumen Göppingen, Schwäbisch Hall und nur teilweise vom Welzheimer Wald oder von der Ostalb. An größeren Schweinezüchtern gebe es nur noch einen im Kreis, den Stifthofsgrund Müller zwischen Nellmersbach und Maubach.

„Der Schlachthof in Göppingen wird von unserer Einkaufsgenossenschaft betrieben und ist modern eingerichtet. Dort funktioniert die Überwachung deutlich strenger und konsequenter als offenbar in Backnang“, sagt Fritz. „Bei manchen der Videoaufnahmen, die man aus Backnang zu sehen bekam, da vergeht’s einem.“ Die Probleme dort im Viehzutrieb, dass renitente Rinder stehen bleiben und mit Treibhilfen, zum Teil elektrischen, deutlich zu lange „bearbeitet“ werden müssen, könne man lösen, sagt Fritz: „Mit Zeit. Ich habe einen Kollegen in Sinsheim, der hat auch einen kleinen Schlachthof bei seiner Metzgerei dabei. Der sagt, die Tiere laufen alle weiter, wenn du ihnen die nötige Ruhe gibst. Man muss auf das Tier schon eingehen, man will ja das Fleisch schließlich nachher auch essen.“ Fleisch eines ausgeruhten Tieres sei besser als von einem aufgeregten Tier.

Kühnle-Schlachtbetrieb: Hoffnung auf Umrüstung und Wiedereröffnung

Wenn Kühnle bis Februar 2023 wie angekündigt umrüstet auf einen automatischen Zutrieb, „dann kann das gut werden, weil die Tiere langsam und allmählich nach vorne geschoben werden, ohne Aufregung. Dann braucht’s keinen Treiber, kein Geschrei mehr. Hoffentlich funktioniert das dann ohne all dies“, sagt Fritz.

Auch die von Tierrechtsaktivisten gemachten und zusammengeschnittenen geheimen Video-Aufnahmen, die man sehen konnte, von Rindern im Backnanger Schlachtbetrieb, die nach dem Betäubungsbolzenschuss wieder aufzustehen versuchen, könnten nach Installation eines automatisierten Zutriebs der Vergangenheit angehören, sagt Fritz.

„Die Tiere werden dann auch in der Betäubungsbox automatisch so positioniert, dass der Schuss sitzt, mittels Laser-Zielvisierung. Aber klar ist auch, man hätte bei nicht genauen Treffern nachschießen müssen und nicht einfach die Tiere dann mangelhaft betäubt hochziehen und Kehlenschnitte setzen. Aber es ist wahrscheinlich wie überall heutzutage: Zu wenig Personal, schnell soll’s gehen und es tritt womöglich eine gewisse Abstumpfung beim überlasteten Personal ein.“

Das Personal müsse zudem geschult werden, damit die Kehlenschnitte richtig sitzen, und die richtig betäubten Rinder, wie gesetzlich vorgeschrieben innerhalb von maximal 60 Sekunden ausbluten. „Man muss dem Personal aber auch die nötige Ruhe geben für den Schlachtvorgang.“

Alles schwierige Themen, leider gebe es nämlich auch Nachwuchssorgen. „Fleischer sind unter den fünf am wenigsten nachgefragten Berufen in Deutschland. Der Beruf ist verpönt, obwohl Fleisch und Wurst ja weiter nachgefragt wird und die Bezahlung im Beruf in der Zwischenzeit sehr gut ist“, sagt Fleischer-Kreisinnungsobermeister Ulrich Fritz.

Tierrechtsaktivisten haben für kommenden Donnerstag (15.9.) ab 16.30 Uhr erneut eine Mahnwache in Backnang angemeldet. Sie fordern, die Wiedereröffnung des Schlachtbetriebs der Metzgerei Kühnle zu verhindern. Dadurch würden Probleme nur verlagert, hält der Obermeister der Fleischer-Kreisinnung, Ulrich Fritz aus Schorndorf, dagegen. Die Mehrheit der Menschen sei Fleisch-Esser, und ohne lokale Schlachtereien komme die Ware von weiter her: „Schlechter für das Tierwohl, die Umwelt und die

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper