Rems-Murr-Kreis

Nach Tod eines Siebenjährigen am Zebrastreifen: Erschütternder Prozess in Waiblingen

Amtsgerichtwn
Selten geht es am Amtsgericht Waiblingen um derart Bedrückendes wie im Fall des siebenjährigen Buben, der in Backnang starb. © Benjamin Büttner

Rageb war erst sieben, als er am Montag, 9. August 2021, um 16.42 Uhr von einem 19-jährigen SUV-Fahrer an einem Zebrastreifen in Backnang tödlich erfasst wurde. Der Bub war Jahre zuvor mit seiner Familie dem Krieg in Syrien entkommen. An der Unfallstelle aber drängten sich schamlos die Gaffer mit Handys und fotografierten. Um all dies ging es nun am Waiblinger Amtsgericht.

Es geschah beim Bleichwiesenkreisel

Rageb war mit seinem Kinderfahrrad einem Freund hinterhergeradelt, der schon über den Zebrastreifen nach dem Backnanger Bleichwiesenkreisel drüber war, als der 19-Jährige im SUV seiner Mutter von der Sulzbacher Straße in den Kreisel einfuhr, gleich die erste Ausfahrt nahm und auf dem anschließenden Zebrastreifen das Kind übersah. Der Junge ohne Fahrradhelm musste an der Unfallstelle reanimiert werden und erlag im Krankenhaus einem Schädel-Hirn-Trauma. (Wir berichteten hier.)

Der fahrlässigen Tötung hat das Waiblinger Jugendschöffengericht nun den Autofahrer schuldig gesprochen. Der damals 19-Jährige muss 5000 Euro an den Vater des Kindes bezahlen, bekommt drei Monate Fahrverbot und muss ein Fahrsicherheitstraining absolvieren.

Rachedrohungen vor dem Prozess

Über ein Jahr nach dem tragischen Verkehrsunfall saßen sich der junge Autofahrer und Ragebs Vater als Nebenkläger vor dem Waiblinger Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Richter Martin Luippold unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen gegenüber. Im Vorfeld der Verhandlung hatte die Familie Ragebs Rache angedroht, weshalb das Wachpersonal des Gerichts den Angeklagten zu schützen hatte.

Die Verhandlung lief phasenweise nicht-öffentlich ab – nämlich immer dann, wenn es bei den Erörterungen um die persönlichen Umstände des jungen Autofahrers ging.

Schamlose Gaffer mit Handys

Dessen Hintermann im Autoverkehr, zum Unfallzeitpunkt gerade von der Feuerwehr kommend, gab als Zeuge an, ihm habe der damals 19-Jährige beim Einfahren in den Kreisel die Vorfahrt genommen. Er habe, sagte der Zeuge, auch gesehen, dass der Fahrer nach rechts unten in sein Auto anstatt auf die Straße geschaut und nicht gebremst habe. Der Feuerwehrmann selbst habe seinen Wagen wegen der Vorfahrtnahme vollbremsen müssen.

Nach dem Zusammenstoß sei er mit anderen Passanten zu dem lebensgefährlich verletzten Jungen gelaufen, der Blut erbrochen habe, schilderte der Zeuge den Unfall. „Es kamen auch recht schnell eine Ärztin, eine Krankenschwester und der Notarzt.“

Er selbst habe die Leitstelle informiert und die Unfallstelle so abgesichert, dass Rageb mit Decken vor zahlreichen Gaffern, die mit ihren Handys schamlos am Filmen waren, abgeschirmt werden konnte. Die Feuerwehr war im Übrigen sowieso damit beschäftigt, Sichtschutzwände vor den Schaulustigen aufzubauen. (Wir berichteten bereits kurz nach dem Unfall über die Schande der Gaffer.)

Fuhren die beiden Kinder ein Rennen?

Eine 25-jährige Zeugin aus Oberstenfeld war vor dem Unfall die Dritte in der Reihe der Autofahrer. „Beide Kinder sind auf ihren Fahrrädern im Abstand von zwei bis drei Metern hintereinander hergefahren, und die waren schon schnell“, sagte sie.

Die Frage von Richter Martin Luippold, ob die beiden Jungen so eine Art Rennen gemacht hätten, bejahte die Zeugin: „Ich hatte das Gefühl, ein Kind will das andere einholen.“

Eine 54-Jährige aus Allmersbach, die gerade hinter dem Zollamt geparkt hatte, wurde ebenfalls Augenzeugin des Unfalls. Sie sah noch, wie die beiden Buben auf ihren Fahrrädern von der Sulzbacher Brücke auf dem Gehweg kommend den durch eine Verkehrsinsel unterbrochenen Zebrastreifen überquerten, bevor es zum Zusammenstoß kam. Die Frau setzte einen Notruf ab.

Eine Polizeibeamtin vom Backnanger Revier, die zur Unfallstelle musste, sprach von einer „riesengroßen Blutlache. Uns wurde gesagt, dass das Kind von einer Ärztin wiederbelebt wird“, berichtete sie und meinte, auf die Gaffer bezogen: „Es war viel zu viel los.“ Sie habe deshalb Verstärkung anfordern müssen.

„Ins Leere geschaut“

Der Unfallverursacher habe gar nicht so richtig auf sie reagiert und „ins Leere geschaut“, beschrieb die Polizistin den Zustand des damals 19-jährigen Autofahrers, der schon fast zwei Jahre den Führerschein hatte.

Ab dem Unfalltag bis zum Tage der Gerichtsverhandlung war seine Fahrerlaubnis beschlagnahmt, er bekam sie aber zum Ende des Waiblinger Prozesses wieder ausgehändigt.

Dass eine Kripo-Beamtin kurz vor dem tödlichen Unfall Aktivitäten auf dem Handy des Unfallverursachers festgestellt hatte, konnte das Jugendschöffengericht nur als Indiz werten.

Der von der Stuttgarter Staatsanwaltschaft beauftragte technische Sachverständige Jochen Spelsberg führte zur Frage der Vermeidbarkeit des Unfalls aus: Wenn der Autofahrer seinen Blick auf die Straße gerichtet hätte, dann hätte er Rageb gesehen, und dieser wäre heute vielleicht noch am Leben.

Sie waren dem Krieg entronnen

Leben mit seiner Schuld muss nun der junge Autofahrer, für den die Staatsanwaltschaft acht Monate Jugendstrafe auf Bewährung forderte. Angeklagt war neben der fahrlässigen Tötung auch fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs, die auf Rücksichtslosigkeit und grob verkehrswidrigem Verhalten basiert. Beides konnte das Gericht in diesem Fall aber nicht sicher erkennen.

Der Vater von Rageb, mit seiner Familie 2016 aus Syrien gekommen, trauert um seinen Sohn. Über ihn gab Richter Luippold nach dem Prozess lediglich bekannt, dass er mit seiner Familie aus dem Krieg flüchten konnte und sich niemals hätte vorstellen können, dass sein kleiner Sohn Rageb bei einem Verkehrsunfall in Deutschland ums Leben kommen würde.

Rageb war erst sieben, als er am Montag, 9. August 2021, um 16.42 Uhr von einem 19-jährigen SUV-Fahrer an einem Zebrastreifen in Backnang tödlich erfasst wurde. Der Bub war Jahre zuvor mit seiner Familie dem Krieg in Syrien entkommen. An der Unfallstelle aber drängten sich schamlos die Gaffer mit Handys und fotografierten. Um all dies ging es nun am Waiblinger Amtsgericht.

Es geschah beim Bleichwiesenkreisel

Rageb war mit seinem Kinderfahrrad einem Freund hinterhergeradelt,

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper