Rems-Murr-Kreis

Naturschutz im Rems-Murr-Kreis: Warum tote Bäume im Wald nützlich sein können

Waldrefugien
Dieser Baum ist mausetot. Und dennoch ist er voller Leben: Jürgen Baumann vom Kreisforstamt zeigt, wo Fraßspuren auf Tiere hinweisen, die in diesem Baum unterkriechen und sich nähren. Und wo dann wieder andere Tiere, Spechte zum Beispiel, sich von diesen Tieren nähren. © Benjamin Büttner

Der Traumbaum eines gut wirtschaftenden Försters wächst weit in den Himmel und das kerzengerade. Die Äste setzen erst in schwindelnden Höhen an, die Rinde könnte als Model bei einer Antifalten-und-furchencreme-Werbekampagne mitmachen und der Gesamtbaum steht voll im Saft. Warum kriegen die Leute vom Forstamt dann bei völlig zerschlissen-verknorrt-gewunden-zerfressenen Strünken glänzende Augen?

Der romantische Baum ist nichts für den wirtschaftlich denkenden Förster

Der Baum fürs romantische Gefühl ist dick und wild und schief gewachsen, hat schon weit unten sich zwirbelnde, weit ausladende Astriesen, große Ast- und Stammgabeln und natürlich ganz wunderbare Bewohner. Den Schwarzspecht zum Beispiel. Oder die Fledermaus. Ein Eichhörnchen darf nicht fehlen. Und der Hirschkäfer krabbelt. Förster sind normalerweise nicht romantisch. Sie haben einen nüchtern analysierenden Blick auf das, was in ihrem Wald los ist. Sie sehen genau, wo’s Schädlingsprobleme gibt, wo der eine wüchsige Baum dem anderen wertvolleren Baum das Licht nimmt, wo der sich vergnügende Mensch durch Totholz gefährdet werden könnte. Überall da setzt der Förster die Motorsäge an.

Christian Hamann, Revierförster von Rudersberg, steht zusammen mit Jürgen Baumann und Kilian Knötzele vom Kreisforstamt vor Bäumen, die’s nach solcher Försterlogik nicht mehr geben dürfte. Sie entsprechen nicht dem Schönheitsideal. Sie haben zum Beispiel riesige Löcher. Da ist ein großer Ast abgebrochen und hat Rinde und Holz bis weit nach unten mitgenommen. Der Baum wuchert in dicken Wulsten über die Wunde, aber innen wird das Holz weich und der Specht hat geklopft. Die Höhle weitet sich – im Laufe der Zeit erst nach unten in den Stamm hinein, dann wird ein Vogel darin nisten. Später dann auch nach oben, dann schlüpfen die Fledermäuse unter. Den zahllosen Insekten, Maden, Larven ist’s völlig wurscht, wo das Holz fault und bröselt, sie nutzen jedes Fleckchen. Der Baum ist ein Habitatbaum.

Ein Habitatbaum - für die forstwirtschaftliche Nutzung uninteressant - ist ein kleines Paradies

„Habitat“ heißt „Lebensraum“: Ein solcher Baum, für die holzwirtschaftliche Nutzung längst vollkommen uninteressant geworden, ist ein kleines Paradies. Ein Refugium des Lebens im Wachsen, Werden und Vergehen. Seit elf Jahren wird das Alt- und Totholzkonzept des Landes Baden-Württemberg umgesetzt, mit dem der Wald auch wieder zum Lebensraum werden, mit dem ein Wirtschaftsstandort auch wieder Natur sein soll. Seitdem suchen die Förster genau solche Bäume und bewahren sie.

Der Wald im Rems-Murr-Kreis kennt drei Arten solcher Paradiese: Das kleinste ist der einzelne Habitatbaum. Habitatbäume stehen irgendwo im Wald, idealerweise nicht an einem Spazierweg. Denn wenn sie mal mit der charakteristischen weißen Welle markiert und damit als erhaltenswerte Natur gekennzeichnet sind, sollen sie nicht mehr gefällt werden. Das beißt sich an manchen Stellen mit der Verkehrssicherungspflicht, die der Förster auch hat.

Die einzelnen Habitatbäume hat Christian Hamann in der Karte, die er von seinem Wald, der zwischen Rudersberg und Allmersbach liegt, nicht eingezeichnet. Es wären zu viele, zu kleine Punkte. Die Geodaten jedoch hat er für jeden einzelnen Baum abgespeichert. Habitatbäume bleiben, bis sie zerfallen sind. Bis das passiert, ist irgendwo im Wald ein neuer längst ausgeguckt und markiert.

Es wird immer größer: Vom Baum zur Habitatbaumgruppe zum Waldrefugium

Die zweite Paradies-Kategorie heißt Habitatbaumgruppe: Durchschnittlich elf Bäume werden hier zu einer Naturschutz-Einheit zusammengefasst. In etwa alle drei Hektar gibt’s eine solche Gruppe, 27 hat Christian Hamann in seinen knapp 500 Hektar Wald verteilt. Insgesamt 297 Bäume gehören damit dem Kreislauf des Lebens.

Und dann gibt’s noch die Refugien. Das sind die zweitgrößten Naturschutzeinheiten im Rems-Murr-Wald. Größer wäre nur noch der Bannwald, der 20 bis 30 Hektar hat. Zum Nationalpark wird’s im Rems-Murr-Kreis niemals reichen. Die Waldfläche ist viel zu klein und zu zerschnitten.

Ein Refugium hat bis zu zehn Hektar. 13 Refugien – fünf Prozent der Waldfläche – sind in Hamanns Wald installiert. Und das sind sie, anders als Habitatbäume und -baumgruppen tatsächlich: Ein Refugium wird zwar auch nach habitatwürdigen Bäumen ausgewählt, das Refugium aber bleibt auf immer an seinem Platz. Dieses Stück unberührter Wald wird nie mehr weichen. Stirbt ein Baum ab, wächst ein anderer nach. Gibt’s irgendeinen Grund, aus dem ein Baum im Refugium, entgegen allen Wünsche, doch gefällt werden muss, darf das tote Holz nicht entfernt werden. Es bleibt liegen und vermodert.

Viel besser aber ist es, wenn der Baum abstirbt und stehenbleibt. Dann nämlich haben Tiere, Pflanzen, Pilze drumrum viel Zeit, sich des Toten anzunehmen. Für Nisthöhlenbau und Kinderstube, die Nahrungssuche, fürs Zuwuchern, Besiedeln und Zersetzen. Für den ganzen Kreislauf des natürlichen Lebens eben.

Der Traumbaum eines gut wirtschaftenden Försters wächst weit in den Himmel und das kerzengerade. Die Äste setzen erst in schwindelnden Höhen an, die Rinde könnte als Model bei einer Antifalten-und-furchencreme-Werbekampagne mitmachen und der Gesamtbaum steht voll im Saft. Warum kriegen die Leute vom Forstamt dann bei völlig zerschlissen-verknorrt-gewunden-zerfressenen Strünken glänzende Augen?

Der romantische Baum ist nichts für den wirtschaftlich denkenden Förster

Der Baum

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