Rems-Murr-Kreis

Nazis in der Ukraine? Kaum! Warum eher Putin-Russland faschistisch ist

Ukraine Nationalist Rally
Eine Ukrainerin trägt bei einer patriotischen Demo am 1. Januar 2022 in Kiew ein Bild von Stepan Bandera. Die russische Propaganda und manche im Westen sehen Bandera ausschließlich als "Nazi-Kollaborateur". Stimmt diese Sicht überhaupt? © Efrem Lukatsky

„In der Ukraine sind von außen gesteuerte Rechtsextremisten und Faschisten an der Macht. Das ukrainische Volk gilt es, von diesen zu befreien.“ Es gibt eine erkleckliche Zahl von Russischstämmigen auch im Rems-Murr-Kreis, die diese Propaganda des Putin-Regimes glauben. Höchste Zeit einen Experten dazu zu befragen. Der Osteuropa-Historiker PD Dr. Kai Struve, der an der Uni Halle-Wittenberg lehrt, erläutert, wie alt die Feindbilder sind, die hier gegen die Ukrainer wiedergekäut werden.

Die Entnazifizierung steht weiter als eines der Ziele der „militärische Sonderoperation“ der russischen Streitkräfte in der Ukraine im Zentrum der Propaganda. „Dabei ist es völlig absurd, was Putin da behauptet. Er knüpft damit fast nahtlos an Propaganda aus der Sowjetzeit an, die bis in die Gegenwart weiterwirkt und auch schon 2013/2014 beim Euromaidan und der Annexion der Krim eine Rolle gespielt hat“, sagt Kai Struve.

Ist der Faschismus nicht eher im Russland des Autokraten Putin zu Hause?

Seit 2014 gebe es aber keine politische Kraft in der Ukraine mit maßgeblichem Einfluss oder Sitzen im Parlament mehr, die rechtsextrem wäre. „Vorher, seit 2004, gab es durchaus solche Gruppierungen, da war die politische Landschaft der Ukraine aber auch noch sehr zersplittert und uneins. Das damalige kurzzeitige Erstarken solcher Gruppierungen hatte mit diesen Konflikten und auch damit zu tun, dass andere Kräfte wegen der Manipulationen des prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch in manchen Regionen gar nicht zu den Wahlen antreten konnten“, sagt Struve.

Es stimme zwar sicherlich, dass es in der Ukraine auch heute immer noch „verrückte, extremistische Leute“ gebe, aber eher weniger als anderswo, etwa in der EU oder in Russland. „Man kann sogar sagen, der Faschismus ist heute in Russland zu Hause und nicht in der Ukraine. Putin hat ein autoritäres System geschaffen mit ihm als Führer, das durch Manipulation der Öffentlichkeit funktioniert. Und jetzt versucht er seine imperialen Erneuerungsträume auf Kosten Abertausender Menschenleben zu verwirklichen.“

Es gebe unter Wissenschaftlern gerade eine Diskussion darüber, inwieweit Putins Regime strukturell gesehen faschistisch ist. Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder zum Beispiel spreche sich dafür aus. Andere tendieren dazu, Putins Russland eher an der Spitze des Illiberalismus zu verorten, in einer Reihe mit Polen, Ungarn und dem Front National in Frankreich oder der AfD in Deutschland.

Wie Russland in der Vergangenheit hängengeblieben ist

In der russischen Propaganda wiederum wirke heute noch ein sowjetischer Faschismusbegriff aus den 1920er und 1930er Jahren, wonach alle Gegner der Sowjets und heute Russlands tendenziell Faschisten seien. „Und das bezog sich dann natürlich auch auf nationale, auf Unabhängigkeit bedachte Kräfte in der früheren Sowjetunion, etwa im Baltikum und in der Ukraine. So wurden auch bürgerliche Nationalisten als Faschisten verunglimpft“, sagt Struve.

Wichtig dabei sei die Erzählung, dass diese „Faschisten“ und „Nazis“ keine Verankerung im Volk hätten, sondern dass es sich um feindliche Kräfte handele, die von außen ins Land kommen, und Russland müsse das Volk von ihnen befreien. Im Zweiten Weltkrieg waren das in der Ukraine die deutschen Nazi-Invasoren und ihre ukrainischen Handlanger, heute seien es die durch die USA und die EU unterstützte Maidan-Bewegung und die Regierung von Wolodymyr Selenskyj, so Struve.

„Putin und sein Kreis erwarteten tatsächlich, dass ihre sogenannte militärische Spezialoperation nur ein paar Tage dauern würde. Ich bin der Überzeugung, die glaubten tatsächlich, dass die meisten Ukrainer befreit werden wollten. Da ist das Putin-Regime Opfer seiner eigenen realitätsfernen Propaganda geworden und des Umstands, dass andere, wahrhaftige Informationen nicht zu Putin durchkommen.“ Wer traue sich schon, einem autoritären Herrscher schlechte Nachrichten zu überbringen?

Aber Nummer eins: Was ist mit dem „Nazi-Kollaborateur“ Stepan Bandera?

„Von Stepan Bandera (1909–1959) existieren sehr gegensätzliche Bilder und Klischees. Die Wirklichkeit ist aber nicht schwarz oder weiß, sondern komplexer“, sagt Struve. Aus sowjetischer und heutiger russischer Sicht sowie auch teilweise aus westlicher Sicht gilt Bandera als übler Kollaborateur der Nazis und Personifizierung des ukrainischen Faschismus. Auch heute noch würden jegliche Akteure nationaler Bestrebungen nach Unabhängigkeit von Russland, auch bürgerliche und nicht extremistische, deshalb als „Banderowzy“ verunglimpft.

Aus anderer Warte erscheint Stepan Bandera als Repräsentant des ukrainischen Freiheitskampfes gegen die sowjetische Unterdrückung. „Deshalb wurden Stepan-Bandera-Konterfeis auch bei den Maidan-Demos 2013/2014 hochgehalten. Mittlerweile herrscht aber ein differenzierteres Bild von Bandera in der ukrainischen Öffentlichkeit. Bandera allein als Nazi-Kollaborateur zu sehen, wäre gleichwohl zu eindimensional“, sagt Struve.

Ja, Bandera und seine Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) hätten den deutschen Angriff auf die Sowjetunion zeitweise unterstützt. Bereits in den 1930er Jahren hatten sie in Polen für die Errichtung eines ukrainischen Staates gekämpft, nachdem Versuche einer ukrainischen Staatsgründung in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg gescheitert waren. „Die OUN kämpfte gegen die Sowjetunion für einen ukrainischen Staat und hoffte, diesen Traum durch Kollaboration mit den Nazis zu verwirklichen, beteiligte sich aber leider auch an antijüdischen Pogromen in der Ukraine. Doch Anfang Juli 1941, nur knapp zwei Wochen nach dem deutschen Angriff, wurde Bandera verhaftet und kam in Gefangenschaft ins KZ Sachsenhausen. Die Kooperation mit der OUN endete in den folgenden Wochen. Hitler wollte keinen unabhängigen ukrainischen Staat und installierte ein Unterdrückungsregime“, sagt Struve.

Erst im Frühjahr 1943 begann die von der OUN gegründete „Ukrainische Aufstands-Armee“ (UPA) den bewaffneten Kampf gegen die deutschen Besatzer. UPA und OUN sahen als größten Feind der ukrainischen Unabhängigkeit aber weiterhin die Sowjetunion. Warum? Vier Millionen Menschen waren im Zuge des „Holodomor“ (Großen Hungers) 1932/33 durch gezielten Entzug von Nahrungsmitteln auf Anordnung Stalins in der Ukraine dem Hungertod überlassen worden, um den Widerstand gegen die Zwangskollektivierung und Unabhängigkeitsbestrebungen zu ersticken. Nur ein Beispiel, wie die Ukraine unter Russlands Knute gelitten hatte.

Zur Instrumentalisierung der historischen Figur Stepan Bandera siehe auch den Beitrag von Grzegorz Rossoliński-Liebe für das Bundesamt für politische Bildung.

Konflikte zwischen UPA und Roter Armee entflammten, nachdem die Rote Armee 1944 in die Westukraine zurückgekehrt war, und tobten bis Anfang der 1950er Jahre. Hunderttausende Westukrainer wurden deportiert. Stepan Bandera lebte nach der Haft im KZ Sachsenhausen im Exil und wurde 1959 vom KGB in München ermordet.

„Bis 2014 war die Verehrung Banderas als Nationalheld auch im Zuge der Maidan-Proteste Teil des Konfliktes zwischen prowestlichen und prorussischen Kräften in der Ukraine. Inzwischen gibt es aber eine deutlich differenziertere Diskussion. Sie wird sicherlich auch noch weitergehen. Vergangenheitsaufarbeitung zu den Massenverbrechen der Stalin-Zeit muss aber erst recht in Russland stattfinden“, sagt Struve.

Aber Nummer zwei: Das angeblich rechtsextremistische Asow-Regiment

Auch die Genese des berüchtigten Asow-Regiments, das dieser Tage in Mariupol die letzten Stellungen im Asow-Stahlwerk hält, sei nicht eindimensional, sagt Struve. „Im Frühjahr 2014 existierte die ukrainische Armee praktisch nicht mehr. Im Donbass begannen russisch geförderte Aufstandsbewegungen gegen den Euromaidan. Um gegen die Separatisten, bei denen es sich oft praktisch um bewaffnete Banden handelte, vorzugehen, bildeten sich aufgrund der Schwäche der ukrainischen Armee viele Freiwilligen-Bataillone, darunter auch welche mit einem rechtsextremen Profil. So auch das Asow-Regiment“, sagt Struve.

Die ersten rechtsextremen Jahre des Asow-Regiments mit nationalsozialistischen Symbolen und entsprechendem Gehabe seien jedoch vorbei, sagt Struve. „Sie haben sich gewandelt und die direkte Verbindung zu rechtsextremen Gruppierungen gelöst. Das Asow-Regiment ist inzwischen als eine hochprofessionelle Militäreinheit in die regulären ukrainischen Streitkräfte integriert geworden. Sie können getrost davon ausgehen, dass im Moment auch das Asow-Regiment nicht etwa für die Herstellung eines Nazistaates in der Ukraine kämpft, sondern wie die Ukraine insgesamt für die Verteidigung ihrer demokratischen Selbstbestimmung und Rechtsstaatlichkeit kämpft.“

Alles in allem gehe es im Ukraine-Krieg um die Verteidigung der Unabhängigkeit der souveränen demokratischen Ukraine, die sich dem Westen öffnet und Mitglied der EU sein möchte gegen ein rückwärtsgewandtes autoritäres und korruptes Putin-Russland, das seine eigene Geschichte völlig unzureichend aufgearbeitet hat, dem Sowjetimperium nachtrauert, das schon immer mit Propaganda die Öffentlichkeit manipulierte und Andersdenkende brutal unterdrückte.

„Mit den Ukrainern können sie es aber nicht mehr machen. Dort hat selbst bei den meisten russischsprachigen Ostukrainern ein Sinneswandel stattgefunden“, sagt Struve.

„In der Ukraine sind von außen gesteuerte Rechtsextremisten und Faschisten an der Macht. Das ukrainische Volk gilt es, von diesen zu befreien.“ Es gibt eine erkleckliche Zahl von Russischstämmigen auch im Rems-Murr-Kreis, die diese Propaganda des Putin-Regimes glauben. Höchste Zeit einen Experten dazu zu befragen. Der Osteuropa-Historiker PD Dr. Kai Struve, der an der Uni Halle-Wittenberg lehrt, erläutert, wie alt die Feindbilder sind, die hier gegen die Ukrainer wiedergekäut

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