Rems-Murr-Kreis

Neue Corona-Regel für das Einkaufen: Eine Person pro zehn Quadratmeter

Corona-Raithle
Der Winterbacher Modehaus-Inhaber Hans-Jürgen Raithle (links – hier bedient er einen Kunden) hätte die Abschaffung der Maskenpflicht für Kunden noch mehr begrüßt als die Herabsenkung von 20 auf zehn Quadratmeter pro Person. Unser Foto entstand im April bei der Wiedereröffnung nach der „Corona-Pause“, als es noch keine (!) Maskenpflicht gab. © Reinhold Manz

Wer gedacht hatte, beim Einkaufen im Laden gelten ab jetzt „nur noch“ die 1,5-Meter-Abstandsregel und die Mundnasenmasken-Pflicht, hat sich zu früh gefreut. Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim hatte am Montag (08.06.2020) zwar einem Eilantrag der Tchibo GmbH stattgegeben und die Zutrittsbegrenzung qua Landesverordnung gemäß der Richtgröße von 20 Quadratmetern pro Person als zu unbestimmt und nicht nachvollziehbar gekippt. Tchibo hatte angegeben, auch Läden mit zum Beispiel 39 Quadratmetern zu betreiben, wodurch kein Kunde hineinkommen habe dürfen, wenn sich schon ein Angestellter im Laden befand. Doch die Landesregierung hat am Dienstag (09.06.2020) alsbald nachgelegt, die Verordnung geändert und die Richtgröße einfach auf zehn Quadratmeter pro Person halbiert.

Maximal zwei Kunden in kleinen Läden mit weniger als 20 Quadratmetern

Die Abstandsregeln für den Einzelhandel lauten nun laut neuer Landesverordnung wie folgt:

  • „(1) Auf die Einhaltung eines ... Mindestabstands von 1,5 Metern ist zu achten.“
  • „(2) Den Kunden muss durch Aushang oder mündliche Mitteilung vor Betreten des Betriebes vermittelt werden, dass zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wie auch zu den anderen Kunden grundsätzlich und wo immer möglich ein Abstand von mindestens 1,5 Metern einzuhalten ist und Kundinnen und Kunden verpflichtet sind, eine Mund-Nasen-Bedeckung (Alltagsmaske) zu tragen.“
  • „(3) Die Anzahl der Kunden im Geschäft ist in Abhängigkeit von der Verkaufsfläche so zu begrenzen, dass die Abstandsregeln eingehalten werden können. Die Anzahl der anwesenden Personen, einschließlich der Beschäftigten, ist auf eine Person je zehn Quadratmeter Verkaufsfläche zu beschränken. Abweichend von Satz 2 dürfen sich in Geschäften, die weniger als 20 Quadratmeter groß sind, maximal zwei Personen, einschließlich der Beschäftigten, aufhalten.“

Selbst wenn der Handelsverband Baden-Württemberg (HBW) in einem Schreiben an seine Mitglieder die Änderungen feiert: „Aufgrund unserer Initiativen und politischen Drucks konnten wir einen großen Erfolg verbuchen und Erleichterungen erwirken.“ So ändert sich für viele Einzelhändler doch gar nichts, sagt zum Beispiel Harry Sadroschinski vom Herrenbekleidungsgeschäft Hardy in der Winnender Marktstraße: „Wir haben die Vorgaben, die es gab, sowieso nie erreicht. Die Kaufstimmung ist momentan einfach schlecht.“

Ob er denkt, dass sich daran in nächster Zeit etwas ändert? „Ich habe keine Hoffnung. Solange die Maskenpflicht besteht, wird es schwierig, eine Kaufstimmung zu erzeugen. Wir sind ein Laden für Männerbekleidung, da ist es noch mal schwieriger.“

Ist die Mundschutzpflicht beim Einkaufen überhaupt noch nötig?

Auch der Winterbacher Modehaus-Inhaber Hans-Jürgen Raithle hätte die Abschaffung der Maskenpflicht noch mehr begrüßt. „Wir halten uns an alle Hygieneregeln, haben Plexiglas an den Kassen und Desinfektionsstationen. Ob nun 20 oder zehn Quadratmeter pro Person macht für uns keinen Unterschied. Wir haben in Winterbach 750 Quadratmeter und unsere Kundenfrequenz ist überschaubar, die Einhaltung der 1,5-Meter-Abstandsregel nie in Gefahr. Das ist ein sehr entspanntes Einkaufen bei uns.“ Der Mundschutz hemme leider die Shopping-Laune. Seit Beginn der Corona-Pandemie sei der Umsatz in den drei Filialen in Winterbach und in Fellbach um die Hälfte eingebrochen, so Raithle.

Joachim Grotz betreibt in Winnenden zwei Schuhläden. Einen im Langen Gewand und einen in der Marktstraße: „Die neue Verordnung stellt für uns aktuell eine Erleichterung dar, sie bietet uns eine größere Flexibilität. Dennoch ist es weiterhin dringend geboten, auf die Abstandshaltung zu achten. Man sollte die Läden jetzt auch nicht überfüllen.“ Für die Kunden sei die neue Verordnung ein weiterer Schritt in Richtung Normalität. Dass die Kunden fernbleiben, kann er nicht sagen. „Wir haben zu tun“, sagt Grotz.

Der Spielwarenhändler Rainer Wiedmann sieht die „Halbierung“ von 20 auf zehn Quadratmeter pro Person kaufmännisch gesehen positiv. „Klar, da können mehr Leute in unsere Läden.“ Wiedmann betreibt mit Stammhaus in Backnang mit seinen Söhnen Spielwarengeschäfte unter anderem in Waiblingen, Winnenden, Schorndorf und Leutenbach. „Gerade kleinere Filialen wie in Murrhardt oder Steinheim/Murr, die nur rund 200 Quadratmeter groß sind, waren mit der 20-Quadratmeter-Regel schnell voll, wenn zwei Mütter mit Kindern reingekommen sind und sich noch zwei Beschäftigte im Laden aufhalten.“ Das Backnanger Haus habe rund 600 Quadratmeter, die anderen Filialen im Rems-Murr-Kreis jeweils etwa die Hälfte.

Rainer Wiedmann sagt aber auch: „Regeln muss es geben, um die Corona-Pandemie gemeinsam durchzustehen. Viele Kundinnen und Kunden sind jetzt schon sehr diszipliniert und gehen sich im Laden aus dem Weg“, lobt er. Aber es gebe auch hin und wieder welche, die ohne Mundschutz reinkommen und sich wundern, dass sie nicht durch den Laden schlendern dürfen.

In anderen Bundesländern gilt längst die Zehn-Quadratmeter-Regel

Der HBW sieht die neue Zehn-Quadratmeter-Regel auch als seinen Erfolg, „weil wir genau dafür geworben hatten“, sagt HBW-Geschäftsführer Marius Haubrich, „um bundesweite Einheitlichkeit herzustellen“. Baden-Württemberg habe hier mit anderen Bundesländern gleichgezogen. Zudem sei nicht verständlich gewesen, warum im Ländle in Fitness-Studios, wo die Menschen beim Sport schwitzen und mehr atmen, nur zehn Quadratmeter pro trainierender Person gelten sollen, in Läden aber 20, „zumal es in Fitness-Studios keine Mundschutzpflicht gibt“, so Haubrich.

Wer gedacht hatte, beim Einkaufen im Laden gelten ab jetzt „nur noch“ die 1,5-Meter-Abstandsregel und die Mundnasenmasken-Pflicht, hat sich zu früh gefreut. Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim hatte am Montag (08.06.2020) zwar einem Eilantrag der Tchibo GmbH stattgegeben und die Zutrittsbegrenzung qua Landesverordnung gemäß der Richtgröße von 20 Quadratmetern pro Person als zu unbestimmt und nicht nachvollziehbar gekippt. Tchibo hatte angegeben, auch Läden mit zum Beispiel 39 Quadratmetern

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