Rems-Murr-Kreis

Neues zum Blackout: So schlecht sind die Rems-Murr-Kommunen darauf vorbereitet

SymbolfotoBlackout
Stromausfall - sind wir darauf vorbereitet? © Gaby Schneider

Was, wenn der Blackout kommt, ein längerer, mindestens einen Tag dauernder Stromausfall in mehreren Orten, womöglich im gesamten Rems-Murr-Kreis? Um die Trinkwasserversorgung wäre es ruckzuck geschehen; dass aber umgehend Plündererhorden umherzuziehen begännen, stünde nicht zu befürchten. Jedenfalls: Gut vorbereitet sind wir nicht. Das hat eine Sitzung des Kreistags-Verwaltungsausschusses offenbart. Die Debatte (hier geht's zum Vorbericht) war auch nicht arm an Galgenhumor.

Schock, schwere Not: Eine Umfrage

Die Ergebnisse dieser Umfrage sind geeignet, Schauder auszulösen – René Wauro, Leiter der Stabsstelle für Brand- und Katastrophenschutz im Landratsamt, hat nur ein paar wenige Eckdaten bei den 31 Städten und Gemeinden des Rems-Murr-Kreises eingeholt, erbarmungslos streng ins Detail ging er nicht. Die Kurzfassung der Erkenntnisse lässt sich in einem Wort zusammenfassen: autsch. Die Langfassung:

  • 30 von 31 Kommunen haben kein Satellitentelefon, um die Kommunikation mit anderen Stellen vom Landratsamt über die Polizei bis zur Feuerwehr aufrechtzuerhalten.
  • 21 von 31 Kommunen haben für ihre IT-Systeme keine Notstromversorgung.
  • 19 von 31 Kommunen haben keine Notstromaggregate für ihre Abwasserentsorgung; sie würde deshalb „zeitnah“ zusammenbrechen, wie es angenehm vage im Behördendeutsch heißt.
  • Vier Kommunen könnten die Trinkwasserversorgung noch höchstens acht Stunden aufrechterhalten; bei weiteren zwölf wäre nach spätestens 24 Stunden Ebbe im Waschbecken; bei noch mal zehn würde nach maximal 48 Stunden der Hahn nicht mehr tröpfeln.

„Das Ding“ ist 38 Jahre alt

Vergleichsweise gut stünde die Kreisverwaltung da: Dank zweier Satellitentelefone könnte am Alten Postplatz sozusagen der East Wing noch mit dem West Wing plaudern, wenngleich nicht mehr mit den Bürgermeistern da draußen.

Und es gibt ein Notstromaggregat. Baujahr: 1984. „Wir wussten, dass so ein Ding da ist“, beschrieb Wauro seinen Erkenntnisstand vor einer vertieften Recherche – „aber was kann es?“ Welche Gebäudeteile versorgt es, welche nicht? „Aus den Unterlagen war das nicht zu ermitteln.“ Das werde man jetzt mit Tests näher ergründen.

Hallo, wir werden ja schon nicht gleich in einem Hollywood-Katastrophenblockbuster landen, könnte man nun abwiegeln. Oder wie der Rheinländer sagt: Et hätt noch emmer joot jejange. Nur dämmert vielen in Zeiten, da der Klimawandel Extremwetterereignisse wahrscheinlicher macht und der Ukrainekrieg (alles Aktuelle dazu hier) unsere Sicherheit nicht mehr als naturgegeben und ewig erscheinen lässt: Komplett tiefenentspannt sollten wir nicht sein. Zumal Wauro in der Sitzung eine bündige Botschaft verkündete: Es gebe für den Blackout-Fall „keine umfassende staatliche Fürsorge“, es komme dann „ganz klar“ auf die „Eigenverantwortung“ von Kommunen, Firmen, Behörden und auch Privatleuten an.

Schluck. Die Mitglieder des Verwaltungsausschusses erprobten ganz unterschiedliche Optionen, wie mit dieser Zustandsbeschreibung umzugehen ist ...

Und nun? Fünf Optionen

Option eins: schwäbischer Pragmatismus. Man könnte doch eine „Sammelbestellung“ für Satellitentelefone machen, schlug Armin Mößner, CDU, vor – dann gäbe es bestimmt „günstigere Preise“.

Option zwei: Düstermalerei. Wenn „totale Nacht“ ausbreche – müsse man dann mit „marodierenden Banden“ rechnen? So fragte Andreas Hesky, Freie Wähler, und haderte: „Warum haben wir alle Bunker aufgegeben, warum haben wir alle Sirenen runtergebaut? Jetzt ruft man wieder nach den elementarsten Dingen.“

Option drei: Galgenhumor. Das sei natürlich fatal, wenn man nicht mehr „mit dem Veterinäramt telefonieren“ könne, ulkte Jürgen Hestler, SPD – müssten die Kühe dann wieder „von Hand gemolken“ werden, und werde das auch „dem Tierwohl entsprechend“ geschehen?

Option vier: Mahnung zum Maßhalten. Man müsse aufpassen, warnte ebenfalls Hestler, dass „wir nicht zusätzliche Ängste schüren“. Die AfD und manch andere Grüppchen lieben solche „Untergangsszenarien“, die das Staatswesen möglichst schlecht aussehen lassen – sollte man denen noch in die Karten spielen?

Option fünf: dringliche Gelassenheit. „Ein bisschen Gänsehaut bekommen, aber einen kühlen Kopf bewahren“ – das war Landrat Richard Sigels Doppelratschlag. „Wir wollen überhaupt gar nichts dramatisieren“, sondern schlicht klarmachen: Katastrophenschutz „hat in den letzten Jahren keine Rolle gespielt“ und gehöre „ganz einfach wieder auf die Agenda“.

Das Moped und der Bürgerkrieg

Experte Wauro aber kombinierte Gruseliges mit Erbaulichem.

Wer kein Satellitentelefon habe, meinte er, könne auch mit „Kradmeldern“ arbeiten: „Motorräder kaufen und Leute ausbilden“, die von Rathaus zu Rathaus fahren und Depeschen überbringen. Heiliger Sankt Mopedicus, das klingt nicht gut.

Es sei aber „nicht davon auszugehen“, dass sich im Falle des Ausfalls „innerhalb von drei Tagen die Ordnung auflöst“, quasi „bürgerkriegsartige“ Zustände ausbrechen und Heskys Horden zu marodieren beginnen. Mehrere große Forschungsstudien hätten ergeben: Zunächst sei eher damit zu rechnen, dass die Leute einander helfen.

Was, wenn der Blackout kommt, ein längerer, mindestens einen Tag dauernder Stromausfall in mehreren Orten, womöglich im gesamten Rems-Murr-Kreis? Um die Trinkwasserversorgung wäre es ruckzuck geschehen; dass aber umgehend Plündererhorden umherzuziehen begännen, stünde nicht zu befürchten. Jedenfalls: Gut vorbereitet sind wir nicht. Das hat eine Sitzung des Kreistags-Verwaltungsausschusses offenbart. Die Debatte (hier geht's zum Vorbericht) war auch nicht arm an Galgenhumor.

Schock,

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