Rems-Murr-Kreis

Nicht hamstern oder preppen, aber vorsorgen: Vorratshaltung und Notfallrucksack

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Sieht nach viel aus, passt aber alles in Beate Wichtlers Notfallrucksack, der vollgepackt dann nur 7,5 Kilogramm wiegt. © Benjamin Büttner

Den Vorratsraum oder Keller mit Speiseöl, Mehl, Nudeln und Klopapier füllen, wer weiß, was noch kommt? Corona und Ukraine-Krieg und die dadurch ausgelösten Hamsterkäufe und Konsumgüter-Engpässe haben gezeigt, wie krisenanfällig die menschliche Psyche und das globalisierte Warenwirtschaftssystem sind. „Dabei gibt es tatsächlich sinnvolle Vorratshaltungen und Vorbereitungsstrategien auf Notlagen aller Art“, sagt Beate Wichtler. In einem Kurs gibt sie Tipps, die allerdings keinem Hamsterkäufer oder Prepper ins Konzept passen würden.

„20 Packungen Mehl zu hamstern, ist sicherlich keine sinnvolle Vorratshaltung für einen Privathaushalt“, sagt Beate Wichtler. Das schüre nur Panik und habe Rationierungen im Einzelhandel zur Folge. Und: Wenn eine Notlage käme, die einen Vorrat von so viel Mehl nötig machte, dann wäre diese wohl so schwer- und langwierig, dass ein großer Teil des Mehls verdürbe, bevor man es verzehren könnte, beziehungsweise wären dann die Möglichkeiten, mit dem Mehl zu backen oder zu kochen (zum Beispiel kein Strom und/oder Wasser), eingeschränkt oder gar nicht mehr vorhanden.

Um welche Szenarien es geht: Drei-Stufen-Modell

Die Ausbildungsleiterin des DRK Rems-Murr gibt Kurse zur Notfallprävention, die aktuell an Bedeutsamkeit gewinnen. „Im Grunde geht es aber gar nicht nur um so große Notlagen wie Naturkatastrophen, Pandemien oder Kriege, sondern es könnte auch etwas Alltägliches sein, wodurch etwa die Bewegungsfähigkeit eingeschränkt wird“, sagt Wichtler. „Mein Mann und ich haben vier Kinder. Wir waren mal alle durch einen Magen-Darm-Infekt tagelang ans Haus gebunden.“ Oder: Wie vorbereiten auf Stromausfälle, Brände, Sturm/Starkregen-Schäden oder doch die Überschwemmung?

In ihrem Kurs stellt Wichtler ein Drei-Stufen-Modell vor, wobei sie nur auf die Stufen eins und zwei näher eingeht, denn Stufe drei wäre womöglich nur für in „Survival“ (Überleben in der Natur) Geübte etwas und ein Unterkommen in Notunterkünften oder bei Freunden oder Verwandten dann eh wahrscheinlich:

  • Stufe eins: Daheimbleiben müssen.
  • Stufe zwei: Zwei bis drei Tage von zu Hause wegmüssen.
  • Stufe drei: Länger von zu Hause wegmüssen.

Ratsam ist eine Vorratshaltung für zwei Wochen daheim (Stufe eins)

„Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt eine Vorratshaltung für zehn bis 14 Tage. Aber nicht jede Checkliste passt zu jeder Person oder Lebenssituation. Man sollte individuell überlegen, was verzichtbar wäre, was nicht“, sagt Wichtler. Flüssigkeit zum Trinken, Wärme und Energie seien wohl die wichtigsten Versorgungskomponenten. Laut Bundesamt kann ein Mensch nur vier Tage ohne Flüssigkeitszufuhr überleben.

„In Stufe eins (Daheimbleiben) bedeutet dies gewöhnlich zwei Liter pro Person und Tag, also 28 Liter pro Person und 14 Tage. Ich empfehle: die Hälfte davon in Trinkwasserflaschen, die andere Hälfte im Kanister“, sagt Beate Wichtler. In puncto Wärme habe man beim Daheimbleiben den entscheidenden Vorteil, dass diese in unseren Breitengraden selbst im Winter und bei Energieknappheit oder -ausfall in geschlossenen Räumen mit Dach über dem Kopf durch Kleidung und Decken sowieso gewährleistet sei: „Zumindest wird in einer Wohnung oder einem Haus normalerweise niemand erfrieren und man ist vor Wind, Wetter und Witterung geschützt.“

Für die Notlage, dass der Strom ausfällt, sei wichtig, Kerzen und Streichhölzer/Feuerzeug und Taschenlampen samt Batterien parat zu haben. „Ich rate zu einem Kurbelradio. Das erscheint zwar antiquiert, ist aber sehr sinnvoll, um in Notlagen ohne Strom noch Nachrichten hören zu können.“ Es gibt auch Kurbel-Taschenlampen, zudem Kurbel-Geräte, die Lampen, Radio und USB-Anschluss vereinen. Sie schwöre zudem auf ein mobiles, faltbares Solarplattenmodul mit Ladekabel-Anschluss, sagt Wichtler. Das sei einfacher als dieselbetriebene Notstromaggregate, die nicht für jeden etwas sind. „Das Handy geladen zu halten, ist für Nachrichten, Erreichbarkeit oder zum Beispiel die Notfall-App Nina sehr sinnvoll.“

Ein gewisser Vorrat an persönlich notwendigen Medikamenten und Hygiene-Artikeln, außerdem Verbandsmaterial, Pflaster und Desinfektionsmittel, sei freilich auch ein Muss, sagt Beate Wichtler. „Was Essensvorräte angeht, wären Flocken sinnvoller als Nudeln oder Getreide, das erst aufwendig gekocht werden muss. Bei Haferflocken langt es, sie mit heißem Wasser aufzugießen.“ Wer auch im Falle eines längeren Ausfalls der Energieversorgung nicht aufs Kochen verzichten möchte, sollte Campingkocher mit Gaskartuschen und/oder Grill und Holzkohle daheim haben.

Insgesamt gesehen sollte die Vorratshaltung aus Dingen bestehen, die man auch im Alltag konsumiert. So sei gewährleistet, dass nach einem gewissen Turnus der Vorrat, durch neuen ersetzt, aufgebraucht werden kann, bevor er verdirbt. „Aber auch ein paar Konserven- und Dosenlebensmittel sind gut, etwa Dosenravioli oder Dosensuppen. Die kann man im Notfall, weil vorgekocht, auch kalt essen.“ Für Fleischesser sei ein kleiner Vorrat an Dosenwurst oder Wurst im Glas ratsam.

„Wenn man sich sonst gesund ernährt, schadet, alle paar Monate einmal Konservensachen zu essen, niemandem.“

Das gehört in den Notfallrucksack für ein paar Tage Wegmüssen (Stufe zwei)

Beate Wichtler rät jedem Haushalt, pro Haushaltsmitglied stets einen Notfallrucksack vorzupacken. „Wenn einmal ein Notfall kommt, wie eine Evakuierung oder Flucht, zum Beispiel wegen einer Naturkatastrophe oder eines Brandes, dann braucht man bestimmte Sachen sofort griffbereit.“ Nun komme es freilich darauf an, wie man vernetzt ist mit der Nachbarschaft, mit Freunden, der Familie, und ob man bei denen unterkommen kann. „Normalerweise muss jedenfalls die Zeit der Flucht, der Evakuierung, überbrückt werden.“

Was gehört in einen solchen Notfallrucksack hinein, um notfalls zwei, drei Tage außer Haus zu überleben? „Das ist natürlich auch wieder sehr individuell, manche Dinge sind aber universell ratsam“, sagt Beate Wichtler:

  • Wasser in Flaschen.
  • Eine Packung Knäckebrot: „Das quillt im Magen auf und macht satt.“
  • Wasserdichte Dokumente-Tasche: „Rein gehört ein USB-Stick mit den Scans Ihrer wichtigsten Dokumente. Das ist am platzsparendsten. Wenn Sie Papier reintun, dann bitte Kopien, keine Originale.“ Wichtige Dokumente-Kopien seien: Stammbuch-Auszüge, Personalausweis, Eigentumsverhältnisse (Grundbuch-Auszug etc.), Versicherungsunterlagen inklusive die zur Rente („nicht die ganzen Policen, nur das Deckblatt“); Vorsorgevollmachten, Testament, Krankenkarte, Allergiehinweise; und in Notfallrucksäcken für Kinder: ein Foto der Familie mit allen Namen und Geburtsdaten auf der Rückseite. „Von den wichtigsten Dokumenten sollte man sowieso auch noch anderswo Kopien hinterlegen, etwa bei guten Freunden oder Verwandten. Ich rate davon ab, sich nur auf ein Bankschließfach zu verlassen, denn bei weitreichenden Notlagen sind Bankschließfächer auch nicht zugänglich.“
  • Taschenmesser, Multifunktionswerkzeugtool, Essbesteck.
  • Metallschüssel: „Zum draus Essen und zum Erhitzen überm Feuer.“
  • Faltbare Solarplatten-Powerbank mit Ladeanschlüssen, vor allem fürs Handy: „Kann man mit Karabiner hinten an den Rucksack dranhängen.“
  • Erste-Hilfe-Pack.
  • Faltbare Isomatte: „Am besten eine feuchtigkeitsabweisende. Zusammengefaltet zum Sitzen, auseinandergefaltet zum Liegen. Eine robuste und keine aufblasbare, auch keine sich selbst aufblasende.“
  • Mini-Regenschirm und großes Regen-Cape („Kann auch über den Rucksack gezogen werden bei Regen oder als Behelfszeltdach dienen.“).
  • Schlafsack, den man ganz eng zusammenrollen kann.
  • Mehrere Rettungsdecken: „Um sich zu wärmen, als Behelfsumhang oder zusätzlich als Decke im Schlafsack.“
  • Schnell trocknendes Handtuch: „Kann auch als Kopfkissen gefaltet werden.“
  • Kleiderrolle: „Wollpulli, robuste Hose, T-Shirt, Socken-Paar, Unterhose und Strumpfhose („auch für Männer wärmend und als Schlafhose verwendbar.)“
  • Einen geschlossenen Schal (Loop): „Taugt als Mütze oder Halstuch.“
  • Kurbelgerät (Radio und Taschenlampe).
  • Arbeitshandschuhe und Schutzhelm („Wenn vorhanden, geht auch ein Fahrradhelm. Kann man am Rucksack festmachen. Denken Sie an einen Sturm und herumfliegende Gegenstände.“).
  • USB-aufladbares Lichtbogen-Feuerzeug.
  • Ein mit Einweghandschuhen gestopftes Überraschungsei (das innere Plastikei).
  • Taschentücher.
  • Schutzmaske („Hilft auch gegen Rauch- und Rußpartikel in der Luft.“)
  • Müllbeutel: „Für nasse Kleidung und Stuhlgang.“

Kaum zu glauben, aber all dies wiegt in Beate Wichtlers Notfallrucksack nur 7,5 Kilogramm. „Daneben sollte man auch gutes Schuhwerk stets parat haben und eine regendichte Jacke.“

Diese Grundausstattung empfiehlt Beate Wichtler jeder und jedem. „Wir hoffen alle, dass wir nicht in eine Notlage kommen, aber es ist besser, darauf vorbereitet zu sein.“

Den Vorratsraum oder Keller mit Speiseöl, Mehl, Nudeln und Klopapier füllen, wer weiß, was noch kommt? Corona und Ukraine-Krieg und die dadurch ausgelösten Hamsterkäufe und Konsumgüter-Engpässe haben gezeigt, wie krisenanfällig die menschliche Psyche und das globalisierte Warenwirtschaftssystem sind. „Dabei gibt es tatsächlich sinnvolle Vorratshaltungen und Vorbereitungsstrategien auf Notlagen aller Art“, sagt Beate Wichtler. In einem Kurs gibt sie Tipps, die allerdings keinem Hamsterkäufer

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