Rems-Murr-Kreis

Nicht jeder Besitzer hat seinen Hund im Griff: Warum vielerorts Leinenzwang gilt

Hundeleine
Spaziergänger und alle, die sich vor Hunden fürchten, werden es der Besitzerin danken, dass sie eine Leine nutzt. © pixabay / public domain

Immer wieder rennen unangeleinte Hunde auf Jogger und Radfahrer zu, und es kommt zu Zoff. So wie jüngst in Murrhardt. Der Fall hatte sich so weit zugespitzt, dass Hundebesitzer und Radfahrer körperlich aufeinander losgingen und sich auch verletzten. Wie sieht es beim Leinenthema eigentlich aus? In Deutschland existieren keine einheitlichen Regeln, was eine Leinenpflicht für Hunde angeht.

Murrhardt, Stadtgarten, Anfang August: Eine 28-Jährige lässt ihren Hund frei umherlaufen, dieser rennt bellend auf einen 70-jährigen Radfahrer zu. Hundebesitzerin und Senior zoffen sich so sehr, dass hinterher beide verletzt sind. Das Problem war laut Polizeimeldung, dass der Hund nicht angeleint war. Damit hat die Hundebesitzerin gegen geltendes Recht verstoßen. Denn im Innenstadtbereich und im Speziellen in Park- und Grünanlagen der Stadt gilt laut Bürgermeister Armin Mößner nach der städtischen Polizeiverordnung eine Anleinpflicht. Sie werde in den meisten Fällen auch eingehalten, allerdings gebe es „den einen oder anderen Hundebesitzer“, dem die Leinenpflicht schnuppe ist.

Längst nicht jeder hält sich an die Vorschriften

Speziell im bei Fußgängern und Hundespazierern beliebten Stadtgarten werden Mößner zufolge Hunde gerne von der Leine gelassen. Der Stadt stehe dann die Möglichkeit offen, ein Ordnungswidrigkeitsverfahren einzuleiten und im Extremfall einen Leinenzwang per Verfügung anzuordnen. Je nach Lage des Einzelfalls werde dies gemacht. Bei Mößner nachgefragt, stellt sich heraus: Dieser jüngste Vorfall könnte sehr wahrscheinlich in diese Kategorie fallen und eine Anordnung nach sich ziehen. Wenn ein Hundebesitzer regelwidrig seinen Hund im Stadtgarten frei herumlaufen lasse und das Tier jemand anderen anfällt, „das schreit nach einer Ordnungswidrigkeit“. Immer wieder komme es zu solchen Ausnahmen. Ein „spezieller Fall“ sei ihm bekannt, da widersetze sich ein Hundebesitzer der Anleinpflicht im Innenstadtbereich sogar „extrem“. Zusammen mit dem Veterinäramt und der Polizei sei man an diesem Fall dran. Weitere Angaben könnten derzeit aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht gemacht werden.


Laufen ohne Leine nur, wenn das Tier absolut gehorcht

Wäre die 28-Jährige in Schorndorf oder Waiblingen spazieren gegangen, hätte sie ebenfalls gegen die geltende Regelung verstoßen. Gemäß Paragraf 7 der polizeilichen Umweltschutzverordnung Schorndorf sind „Tiere so zu halten oder zu beaufsichtigen, dass niemand gefährdet oder mehr als nach den Umständen unvermeidbar gestört wird“. Und weiter: „Innerhalb bewohnter Gebiete sind auf öffentlichen Straßen und Gehwegen Hunde an der Leine zu führen. Ansonsten dürfen Hunde ohne Begleitung einer Person, die durch Zuruf auf das Tier einwirken kann, nicht frei herumlaufen.“ Darüber hinaus sei es in den öffentlichen Grün- und Erholungsanlagen untersagt, Hunde frei umherlaufen zu lassen oder sie auf Kinderspielplätzen oder Liegewiesen bei sich zu führen. Ähnlich in Waiblingen, wo laut Polizeiverordnung „auf öffentlichen Straßen und Gehwegen Hunde an der Leine zu führen“ sind. Ansonsten dürfen sie „ohne Begleitung einer aufsichtsfähigen Person, die durch Zuruf auf das Tier einwirken kann, nicht frei umherlaufen“. Die Talaue falle als „öffentliche Grün-, Freizeit- und Erholungsanlage“ in diese Kategorie.

Vollzugsdienst überwacht die Leinenpflicht

„Waiblingen unterscheidet sich in Bezug auf die Leinenpflicht nicht von anderen Kommunen“, so Oliver Conradt, Leiter der Abteilung Ordnungswesen. Der städtische Vollzugsdienst überwache die Leinenpflicht und weise, wenn erforderlich, Hundebesitzer auf die Einhaltung hin. Meist werde die Vorgabe eingehalten. Der Abteilung Ordnungswesen werden etwa zehn Fälle pro Jahr gemeldet.

Die Lage bei der Leinenpflicht in Murrhardt, Schorndorf und Waiblingen lässt sich nicht auf sämtliche Städte und Gemeinden übertragen, denn Kommunen können jeweils eigene Regeln erlassen. Eine Besonderheit gilt in Fellbach: Um den Rebhuhnbestand auf dem Schmidener Feld zu schützen, hat die Stadt bereits 2018 Wildschutzzonen eingerichtet. Zu diesen Zonen zählen Gebiete westlich und östlich der bebauten Bereiche von Schmiden und Oeffingen. Spaziergänger dürfen dort die Feldwege nicht verlassen, und für Hundebesitzer gelten strenge Regeln: Es gilt Leinenzwang, und die Leine darf dem Hund nur einen maximalen Aktionsradius von drei Metern gewähren. Nur für ganz speziell ausgebildete Hunde gilt das nicht, etwa für Rettungs- und Hütehunde. Die Sonderregeln gelten immer vom 1. April bis 31. August eines Jahres. „Größtenteils“ halten sich die Bürger daran, so Frank Knopp, Sprecher der Stadt Fellbach, auf Nachfrage: „Nur gelegentlich treffen unsere Feldhüter auf Hundehalter, die sich nicht an die Regeln halten. Diese zeigen sich dann aber bei Sensibilisierungsgesprächen einsichtig, und es bleibt bei mündlichen Verwarnungen. Bußgelder mussten bislang nicht verhängt werden.“ Hundebesitzer sind nicht nur in der Nähe bebauter Gebiete und im Stadtgebiet selbst unterwegs. Im Außenbereich, hier ganz speziell im Wald, gelten wieder eigene Regeln. Auch hier kommt es immer wieder zu Konflikten. Landwirte beklagen, dass in ihren Feldern die Hinterlassenschaften der Hunde zurückbleiben. Jäger finden hin und wieder Wildtiere, die allem Anschein nach von Hunden gehetzt und angegriffen worden waren.

Folgt der Hund Befehlen selbst dann, wenn er jagen will?

Was viele Hundebesitzer nicht wissen: Es ist eine Ordnungswidrigkeit, Hunde frei herumlaufen zu lassen „außerhalb einer befugten Jagdausübung in einem nicht befriedeten Gebiet“, also im Wald oder im Feld, sowie „außerhalb der Einwirkungsmöglichkeiten“ von „Herrchen“ oder „Frauchen“, teilt die Pressestelle des Landesjagdverbandes mit. Einwirkungsmöglichkeiten seien dann gegeben, wenn ein Hund gehorcht, also Befehlen ohne Leine folgt, und das auch dann noch, wenn er einen Hasen oder ein Reh verfolgen will. „Leider ist dies bei vielen Hundebesitzern so nicht gegeben, und die Hunde befolgen entsprechende Befehle nicht.“ Die Folgen: Hunde versetzen die Wildtiere in unnötigen Stress, oft werden Wildtiere auch von Hunden schwer verletzt oder getötet. Wildernde Hunde, die in der Dämmerung oder nachts unterwegs sind, stören überdies auch die Jagdausübung. Besonders im Winter bei starkem Frost oder Schnee gehörten Hunde angeleint, weil jede zusätzliche Flucht Wildtiere unnötige Energie kostet.

Die Dachorganisation der baden-württembergischen Jägerschaft rät Hundebesitzern grundsätzlich, ihre Vierbeiner im Wald an die Leine zu nehmen. „Dort ist das Gelände meist unübersichtlich, und es ist nicht sicher, ob nicht in einer Dickung ein Hase, ein Reh oder eine Wildsau sitzt“, so Hauptgeschäftsführer Dr. Erhard Jauch. Wer seinen Hund anleint, schütze zudem im Gras verborgene Junge von Wildtieren.

Wie handhaben es Tierschutzvereine mit dem Anleinen? Was sagt eine Hundetrainerin zum Thema?

„Gassigeher dürfen Hunde grundsätzlich nicht von der Leine lassen“, sagt Sabine Hermann, Vorsitzende des Tierschutzvereins Schorndorf. Das habe zum einen haftungsrechtliche Gründe, zum anderen müsse ein Hund abrufbar sein, um ihm Freilauf geben zu können. „Dafür ist eine gute Bindung zwischen Hund und Mensch notwendig, und das ist ja bei Gassigehern in der Regel so nicht der Fall.“ Ihrer Beobachtung nach kommt es immer wieder zu Ärger, weil die Hundehalter ihre Hunde nicht zu sich rufen, wenn ihnen Leute entgegenkommen. „Die typischen Ausreden ‚Der macht nichts’ helfen da halt nicht weiter. Man muss einfach akzeptieren, dass es Menschen gibt, die Angst vor Hunden haben, und darauf hat man Rücksicht zu nehmen.“

Ihr eigener Hund habe das „nötige Einmaleins“ in der Hundeschule gelernt, die sie jedem Hundebesitzer ans Herz legt. Brigitte Hermann, die in Berglen eine Hundeschule leitet, macht sich stark für einen Hundeführerschein. „Ich bin voll und ganz der Meinung, dass jeder Hundebesitzer, egal wie groß oder klein sein Hund ist, in der Pflicht steht, Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen und allen anderen Tieren, egal ob Haus-, Nutz- oder Wildtier, zu tragen“, sagt sie.

Die meisten Probleme verursachten demnach „verantwortungslose, uneinsichtige Hundebesitzer, die ihren Hund nicht konsequent oder gar nicht erzogen haben und deshalb nicht auf ihn einwirken können“. Ein jagender Hund, der Lust am Hetzen von Wild erfahren hat, werde es immer wieder tun, wenn er nicht rechtzeitig abrufbar ist. „Weder Menschen noch andere Tiere sollen und dürfen belästigt oder gefährdet werden.“

Immer wieder rennen unangeleinte Hunde auf Jogger und Radfahrer zu, und es kommt zu Zoff. So wie jüngst in Murrhardt. Der Fall hatte sich so weit zugespitzt, dass Hundebesitzer und Radfahrer körperlich aufeinander losgingen und sich auch verletzten. Wie sieht es beim Leinenthema eigentlich aus? In Deutschland existieren keine einheitlichen Regeln, was eine Leinenpflicht für Hunde angeht.

Murrhardt, Stadtgarten, Anfang August: Eine 28-Jährige lässt ihren Hund frei umherlaufen, dieser

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