Rems-Murr-Kreis

Niedriger Ferkelpreis, steigende Kosten: Es gibt immer weniger Schweinehalter

Schweinebauer Müller
Andreas und Rainer Müller wollen weiterhin Schweine halten, denken aber auch über Alternativen nach. © ALEXANDRA PALMIZI

Die Lage der Schweinehalter ist und bleibt schwierig. Laut Statistischem Landesamt gibt es (Stand Mai 2022) nur noch 1700 schweinehaltende Betriebe, darunter 700 Ferkelzüchter in Baden-Württemberg. In den vergangenen Jahren hat die Sparte einen regelrechten Strukturbruch erlebt, die Anzahl der Betriebe mit Ferkelzucht hat innerhalb eines Jahres (2021-2022) um 9,6 Prozent abgenommen. Auch der Schweinebestand geht deutlich zurück. Gegenüber Mai 2021 wurden rund 154.500 Schweine weniger gezählt, ein Rückgang von 10,2 Prozent. Die Corona-Pandemie hat die Betriebe schwer getroffen, nun stürzen die Auswirkungen des Ukrainekrieges die Sparte erneut in eine tiefe Preis-Krise.

„Die dauerhafte Belastung unserer Schweinehalter ist nicht mehr tragbar“, erklärte der Vizepräsident des Landesbauernverbandes (LBV) und Präsident des Schweinezuchtverbandes Hans-Benno Wichert am 31. August bei der Übergabe eines Brandbriefes an Martin Hahn (Grüne), Vorsitzender des Ausschusses für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, und CDU-Agrarsprecher Klaus Burger. „Jeden Tag schließen Berufskollegen die Stalltür, weil sich die Tierhaltung finanziell nicht mehr rechnet.“

Andreas Müller vom Stiftsgrundhof bei Nellmersbach beobachtet die Entwicklung seit vielen Jahren und zieht daraus seine Schlüsse: „2002 gab es noch etwa 20.000 schweinehaltende Betriebe in Baden-Württemberg, nun sind es 1700. Theoretisch gibt es also in zwei Jahren keine Schweinehalter mehr, wenn wir so weitermachen.“ Auch praktisch sei das ein relativ realistisches Szenario, ein Tierarzt habe ihm berichtet, dass rund 30 Prozent der schweinehaltenden Landwirte, die er betreue, zum Jahresende aufhören wollten.

Schweinefleisch-Verbrauch sinkt während der Corona-Pandemie

Andreas Müller überrascht das nicht. Wie auch beim Stiftsgrundhof handele es sich durchweg um Familienbetriebe, deren Angehörige Tag und Nacht arbeiteten, was sich aber hinten und vorne nicht mehr rechne. Vor allem Ferkelzüchter leiden unter Preisdruck: Beim Ferkelpreis bräuchten die Betriebe 80 bis 110 Euro je Ferkel anstatt den momentanen 55,60 Euro je Ferkel. Und auch der Schlachtschweinepreis mache weder Spaß noch Freude. Er liegt momentan bei 2,05 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht. Dieser Preis sei zwar zumindest kostendeckend, allerdings lägen mit noch niedrigeren Schweinefleischpreisen ruinöse Zeiten hinter den Schweinhaltern.

Die Corona-Pandemie habe dabei eine entscheidende Rolle gespielt. „Schweinefleisch ist Feschtlesfleisch“, sagt Müller, man denke nur an die Stadionwurst und die Haxe auf dem Volksfest. Entsprechend sei der Verbrauch mit Beginn der Pandemie drastisch eingebrochen und der Preis in den Keller gesackt, zwischenzeitlich habe er bei 1,20 Euro gelegen. Hinzu komme eine gewisse Ernährungsumstellung. Das Vor-Corona-Niveau beim Schweinefleischverzehr werde wohl nicht mehr erreicht, vermutet Müller. Dennoch warnt er davor, dass sich die Entwicklung der vergangenen Jahre fortsetzt: Die Eigenversorgung mit Schweinefleisch liege in Baden-Württemberg bei gerade noch 45 Prozent, im Rems-Murr-Kreis sogar bei nur rund fünf Prozent. Sich abhängig von Importen zu machen, hält Müller für gefährlich, aktuell sehe man in anderen Bereichen, zu welchen Schwierigkeiten das führen könne.

Kosten für Futter, Energie und Dünger steigen

Nicht nur die niedrigen Erlöse belasten die Bauern. Hinzu kommen gestiegene Kosten für Futter, Energie, Dünger und Pflanzenschutzmittel. Die Preise für Mineralfutter etwa hätten sich verdoppelt, nennt Müller ein Beispiel. Aber auch die Umsetzung von kostenintensiven Auflagen für Schweinehalter führten zu massiven Problemen für die Familienbetriebe. „Niemand hat ein Problem damit, Auflagen umzusetzen, die dem Tierwohl dienen“ sagt Müller. Allerdings dürften die Bauern mit den damit verbundenen Kosten nicht im Regen stehengelassen werden.

So hätten viele Betriebe bares Geld für mehr Tierwohl investiert in der Annahme, dass sich diese Investitionen durch höhere Erlöse amortisierten und langfristig bezahlt machten. Nun bekämen aber viele Schweinehalter diese Verträge von großen Schlachtbetrieben gekündigt, weil der Verbraucher in erster Linie auf den Preis achte und somit Schweine aus konventioneller Haltung wieder gefragt seien. „Das Problem ist, dass viele Menschen zwar sagen, dass ihnen das Tierwohl wichtig ist, dann aber nicht bereits sind, für solches Fleisch entsprechend zu bezahlen.“

Zuletzt habe er den Eindruck, dass viele Verbraucher sich höhere Preise aufgrund steigender Lebenshaltungskosten in vielen Bereichen aber auch nicht mehr leisten könnten. „Von Metzgern bekommen wir die Rückmeldung, dass die Kunden wegbleiben.“ Eine der kleinere Metzgereien, die Familie Müller beliefert, nehme bereits weniger Schweine ab.

Regionale Metzger sichern das Überleben des Stiftsgrundhofs

Der Familienbetrieb sei bisher dennoch glimpflicher als andere Schweinehalter durch die schwierigen vergangenen Jahre gekommen. Die Familie Müller bezeichnet sich selbst als „indirekten Direktvermarkter“. Konkret bedeutet das, dass der Betrieb Metzgereien aus der Region beliefert. „Diese Metzgereien haben uns auch während der Pandemie immer einen Mindestpreis bezahlt. Ohne dieses Abkommen gäbe es unseren Betrieb nicht mehr“, sagt Müller. Noch wollten er und seine Familie weitermachen.

Allerdings spielten auch die Müllers gedanklich Alternativen durch. Sollte er im nächsten Jahr noch einmal nicht genug verdienen, um etwas Getreidefutter zuzukaufen, ohne zur Bank zu müssen, oder sollte die Politik weitere mit Kosten verbundene Auflagen beschließen, müsse er sich überlegen, wie es mit der Schweinehaltung bei Nellmersbach weitergehe. Der Standort Stiftsgrundhof etwa lasse auch alternative Nutzungen zu, sei unweit der S-Bahn verkehrsgünstig am Ortsrand gelegen. Nichtsdestotrotz blickt Andreas Müller allen Schwierigkeiten zum Trotz auch optimistisch in die Zukunft, weil der Stiftsgrundhof mit seinem regionalen Angebot über ein Alleinstellungsmerkmal verfüge.

Verbraucher entscheiden über das Angebot

Letztendlich habe es der Verbraucher in der Hand, sagt Andreas Müller, dieser entscheide mit seinem Einkauf darüber, was erzeugt werde. „Für mich ist dabei die Haltungskennzeichnung 5D entscheidend, und sie muss für alle Produkte eingeführt werden, inklusive der verarbeiteten.“ 5D steht für Tiere, die in Deutschland geboren, aufgezogen, gemästet, geschlachtet und verarbeitet werden. Dann könne niemand mehr sagen, er könne nicht erkennen, woher Fleisch und Wurst stammten.

Die Bauernverbände fordern in ihrem Brandbrief neben dieser Herkunftskennzeichnung unter anderem längere Übergangsfristen hinsichtlich höherer Gesetzesauflagen, einen erleichterten Zugang zu Fördermitteln für Betriebe, die bereit sind, sich weiterzuentwickeln, sowie dass das Land sich dafür einsetzt, dass zumindest in den Landeskantinen ein höherer Anteil der Zutaten aus regional erzeugten Lebensmitteln stammt.

Die Lage der Schweinehalter ist und bleibt schwierig. Laut Statistischem Landesamt gibt es (Stand Mai 2022) nur noch 1700 schweinehaltende Betriebe, darunter 700 Ferkelzüchter in Baden-Württemberg. In den vergangenen Jahren hat die Sparte einen regelrechten Strukturbruch erlebt, die Anzahl der Betriebe mit Ferkelzucht hat innerhalb eines Jahres (2021-2022) um 9,6 Prozent abgenommen. Auch der Schweinebestand geht deutlich zurück. Gegenüber Mai 2021 wurden rund 154.500 Schweine weniger

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