Rems-Murr-Kreis

Not, Streit, Gewalt: So leiden Familien unter dem Coronavirus

Pro Familia
Kathrin Wehrle (links) und Martina Ferro von der Beratungsstelle Pro Familia in Waiblingen. © ALEXANDRA PALMIZI

Türen krachen zu mit lautem Knall, „Dinge fliegen durch die Gegend“: In Beratungsgesprächen, erzählt Martina Ferro von Pro Familia Waiblingen, berichten selbst liebevolle Paare neuerdings „von ganz anderen Eskalationen als vorher“: von „Schubsen, Schlagen, Sicheinschließen, Wegrennen“. Die Kontaktbeschränkungen in Coronazeiten haben „ja ihren Sinn“ – mittlerweile aber offenbaren sich immer deutlicher die Nebenwirkungen: Reizbarkeit, Zukunftsangst, Streit, Gewalt, Vereinsamung.

Die Menschen „erschrecken zutiefst darüber, was da plötzlich in ihnen ausbricht an Aggressionen“, sagt Ferro. Sie kennen sich selber nicht mehr: „Ich reagiere, wie ich das vorher nie von mir gedacht hätte.“ Dabei ist all das nicht verwunderlich, findet Ferro. „Auch gute Mütter, gute Väter haben auf Dauer keine Nerven aus Drahtseil.“

„Das ist kein Einzelschicksal“, was ihr gerade durchleidet, erklärt Ferro ihnen – es liegt nicht daran, „dass eure Beziehung so Panne ist“, das geht vielen so derzeit. „Wir erleben ganz große Erleichterung in den Beratungen“, wenn die Betroffenen merken, dass ihre Verhaltensweisen nicht einfach als individuelles Versagen abgetan, sondern in einen größeren Zusammenhang gestellt werden: „Es ist eine Orientierungslosigkeit, in der derzeit alle stecken“ – allerdings manche im Eigenheim mit Garten und andere in beengter Wohnung ohne Balkon.

Corona - das Ausmaß der Not: Eine repräsentative Studie

Es gibt mittlerweile eine erste umfangreiche Studie zu dem Thema. Die TU München hat 3800 repräsentativ ausgewählte Frauen zwischen 18 und 65 Jahren online nach ihren Erfahrungen in der Corona-Lockdown-Zeit zwischen dem 22. April und dem 8. Mai befragt. Die Ergebnisse sind aufwühlend.

  • 3 Prozent der Frauen wurden zu Hause Opfer körperlicher Gewalt.
  • 3,6 Prozent der Frauen wurden von ihrem Partner vergewaltigt.
  • 2,2 Prozent der Frauen durften das Haus nicht mehr ohne Erlaubnis verlassen.
  • In 6,5 Prozent aller Haushalte wurden Kinder gewalttätig bestraft.

In Familien, die unter akuten finanziellen Nöten litten; die von Kurzarbeit oder Jobverlust betroffen waren; die schon vorher mit psychischen Problemen gerungen hatten; überall, kurzum, wo zur Kontaktbeschränkung weitere Belastungen traten, kam es doppelt bis dreimal so oft zu Gewalteskalationen.

Martina Ferro beobachtet, dass „traditionelle Frauenbilder wieder aufploppen“, es drohe eine „Rolle rückwärts“ in den Geschlechterbeziehungen. Zur „Dreifachbelastung Beruf, Familie, Haushalt“ geselle sich nun auch noch die Herausforderung Homeschooling: Viele Mütter fühlen sich zerrissen und haben das Gefühl, in der Fülle der Aufgaben nichts und niemandem gerecht werden zu können.

Kinder und Corona: Zwischen Verlustangst, Nähebedürfnis und Stress

Bei vielen Kindern, berichtet Kathrin Wehrle, führen die „Verlustängste“, die das Virus auslöst, zu „übersteigertem Nähebedürfnis“, manche kommen „wieder nachts ins Schlafzimmer der Eltern“, obwohl diese Phase längst überwunden schien. Geschwister streiten, Einzelkinder vereinsamen, und mühsam erkämpfte Erziehungserfolge, was Ess- und Medienverhalten betrifft, zerbröseln: Wenn die Mutter während der Videokonferenz im Homeoffice dreimal unterbrochen wird, weil das Kind Hunger und Langeweile hat, kommt fast unausweichlich irgendwann der Stoßseufzer: Na gut, mach halt – setz dich mit Süßigkeiten vor den Fernseher.

Bei Menschen, die in ihrem Leben sexuelle Gewalt erlitten haben, ist das „Vertrauen in andere Menschen zutiefst erschüttert durch ein traumatisches Ereignis“, sagt Ferro. Ihnen wieder den Glauben an die Welt zurückzugeben, ist eine komplexe therapeutische Aufgabe – in Coronazeiten aber wird Misstrauen plötzlich quasi zur Bürgerpflicht, überall soll man „Gefahr wittern“, permanent wachsam sein – „das destabilisiert“. Die Anlaufstelle des Rems-Murr-Kreises gegen sexualisierte Gewalt weist in einer Pressemitteilung noch auf eine andere fatale Falle hin: „Bei innerfamiliärem Missbrauch ist es noch schwieriger, sich zu öffnen, wenn der Beschuldigte jetzt jeden Tag mit den Kindern zu Hause ist und nicht mehr zur Arbeit geht.“

Schwangerschaft und Geburt in der Corona-Zeit

Eine Kernaufgabe von Pro Familia ist es, Schwangere zu beraten. Soll ich das Kind austragen? Wie komme ich mit dem Geld hin? Werde ich es schaffen, Familie und Beruf zu vereinen? All diese Fragen stellen sich derzeit noch radikaler als sonst.

Martina Ferro berichtet auch: „Bei uns sind die Anfragen für Beratung wegen postnataler Depression gestiegen“ – Frauen, die in Lockdown-Zeiten Kinder zur Welt bringen, fühlen sich oft allein gelassen; vor der Geburt darf der werdende Vater erst, wenn die Presswehen bereits einsetzen, in den Kreißsaal, danach auf der Wochenbettstation darf er nicht zu Besuch kommen.

Mehr Frauen als sonst brauchen Hilfe; zur Beratung aber kommen weniger als sonst – obwohl Pro Familia durchgehend neben Telefon- und Videoterminen auch das persönliche Gespräch unter Wahrung der Abstandsregel angeboten hat. Manche haben vielleicht Angst vor Ansteckung, andere finden womöglich einfach keine Zeit. Diejenigen, die sich doch dazu durchringen, Hilfe zu suchen, sind oft „schon mehr oder weniger am Anschlag“, beobachtet Kathrin Wehrle. Deshalb: „Aufruf an alle, die sich Sorgen machen, die belastet sind – meldet euch! Rechtzeitig! Bevor es eskaliert.“

Pro Familia Waiblingen: 0 71 51/9 82 24 89 40, waiblingen@profamilia.de. Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt (Hilfen für Mädchen, Jungen und junge Erwachsene) 0 71 51/5 01 14 96, anlaufstellegs@rems-murr-kreis.de.

Türen krachen zu mit lautem Knall, „Dinge fliegen durch die Gegend“: In Beratungsgesprächen, erzählt Martina Ferro von Pro Familia Waiblingen, berichten selbst liebevolle Paare neuerdings „von ganz anderen Eskalationen als vorher“: von „Schubsen, Schlagen, Sicheinschließen, Wegrennen“. Die Kontaktbeschränkungen in Coronazeiten haben „ja ihren Sinn“ – mittlerweile aber offenbaren sich immer deutlicher die Nebenwirkungen: Reizbarkeit, Zukunftsangst, Streit, Gewalt, Vereinsamung.

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