Rems-Murr-Kreis

Obstbau-Streit im Remstal: Warum wurde "die beste Leiter, die es gibt", gekippt?

Obstbaumleiter
Helmut Ritter aus Strümpfelbach auf der „besten Leiter, die es gibt“. Nur ist sie leider vom Aussterben bedroht. © ALEXANDRA PALMIZI

Ein insbesondere auch von Remstäler Obstbauern hochgeschätztes Arbeitsgerät ist rar geworden: Eine Anordnung der Berufsgenossenschaft verhindert Neuanfertigungen. Rekonstruktion eines schlechten Treppen-, Pardon, Leiterwitzes.

„Die beste Leiter, die es gibt“, so Obstbauer Helmut Ritter aus Strümpfelbach, sei schon lange komplett vom Markt verschwunden. Seit wann genau, kann offenbar niemand mehr so genau sagen.

„Weit über zehn Jahre“, schätzt Ingrid Ertel aus Dettingen im Ermstal. In siebter Generation baut sie zusammen mit ihrer Schwester Leitern und gehört damit zu den ganz wenigen Betrieben in Deutschland, die sich noch auf dieses Handwerk verstehen. Ständig, so Ertel, werde sie auf Messen nach der guten, alten Obstleiter gefragt – aus Holz, mit zwei Stützen in frei beweglichen Gelenken. Sie lehnt den Kundenwunsch heute ab. Nicht etwa, weil sie diese Leitern für schlecht hält – vielmehr will sich Ertel einfach nicht strafbar machen. Die Antworten ihrer dünn gesäten Konkurrenz fallen ebenfalls eindeutig aus: Die Berufsgenossenschaft habe die Leiter verboten, deshalb stelle man sie nicht mehr her.

Warum Helmut Palmer auf Holzleitern schwor

Helmut Palmer, als „Remstal-Rebell“ bekannt gewordener Bürgerrechtler, Obsthändler und gelernter Pomologe aus Geradstetten, hatte genau diese Leiter favorisiert und sie bei seinen Schnitt-Kursen landauf, landab empfohlen. Zu Palmers Prinzipien gehörte es, die Obstbäume ausschließlich in ihrer Ruhephase zu schneiden; wenn alle ihre Blätter gefallen sind und noch keine neuen ausgetrieben haben. Grob gesagt, von Anfang November bis Ende März. Leitern aus Aluminium lehnte Palmer deshalb vehement ab. Die werden bei entsprechender Witterung eiskalt. Für Palmer konnte eine gute Leiter für die winterliche Baumpflege nur aus Holz sein. (Klare Standpunkte hat auch Helmut Palmers Sohn - mehr dazu hier ...)

Da kaum eine Streuobstwiese topfeben ist, müssen die Leitern laut Palmer zudem zwingend so beschaffen sein, dass man sie auch in hügeligem Gelände sicher aufstellen kann. Palmer schwor deshalb auf Leitern mit zwei quasi frei beweglichen Stützen. Das Geheimnis ihrer Flexibilität ist eine ausgetüftelte Gelenkvorrichtung.

Anton Schmuck und Helmut Palmer: eine denkwürdige Begegnung

Ein wahrer Meister im Bau solcher geländegängiger Obstleitern war der gelernte Wagner Anton Schmuck aus Ringingen auf dem Hochsträß, einer fruchtbaren Hochebene der Alb nahe Ulm. Eines Tages, so erinnerte sich Schmuck, sei Helmut Palmer zum Zwetschgen-Aufkaufen gekommen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass Palmers Obstleiter kaputt war. Schmuck bot sich spontan an, sie in seiner Werkstatt zu reparieren, da sei schon noch etwas zu machen.

Vom Ergebnis war Palmer begeistert – schon lange war er auf der Suche nach jemand gewesen, der sich noch so gekonnt auf Obstleitern verstand.

Anton Schmuck hatte bereits vor der Begegnung mit Palmer Leitern hergestellt, es gehörte zu den Anforderungen seines Berufs. Eigene Wege sei er dabei nicht gegangen. Er habe sich an bewährtem „alten Holzhandwerk“ orientiert. Schmuck verwendete für die Holme grundsätzlich Fichtenholz und für die Sprossen Esche.

Das Geheimnis der „Schmuck-Leiter“

Die Gelenkvorrichtung an Palmers Leiter aber studierte er genau, nahm sie sich zum Vorbild und entwickelte sie weiter. Das Geniale an der „Schmuck-Leiter“, wie Helmut Palmer sie fortan nannte, ist, dass die Stützen nach allen Seiten frei beweglich sind. So kann man beliebig abstützen, dadurch kann die Leiter auch in schrägem Gelände sicher aufgestellt werden. Die unteren Enden der Stützen werden zudem mit Metallfußspitzen verstärkt, damit sie festen Halt haben.

Schmuck-Leitern waren für Palmer das Nonplusultra. Meistens hatte er sein eigenes Exemplar neben seiner Marktware im Lastwagen liegen, um sie immer parat zu haben für die unzähligen „Musterbäume“ am Straßenrand, die er en passant bei seinen täglichen Fahrten durchs Land – und bisweilen durchaus auch ohne Wissen oder Erlaubnis der Besitzer – kurzerhand in Façon brachte.

Um große und ausladende Bäume erziehen und pflegen zu können, da sind sich alle Palmer-Schüler einig, gibt es einfach nichts Besseres als die zweistützige Holzleiter. Auch für Obstbauer Helmut Ritter – einst von Helmut Palmer per Widmung in einem Buch als sein „bester Schüler“ ausgezeichnet – kommt keine andere infrage. Wo immer er Palmer-Schnittkurse abhält, die Leiter kommt aufs Autodach. Sie sei fürs Schneiden der Obstbäume nicht nur die angenehmste, „sondern mit Abstand auch die sicherste“. Bereits sein Strümpfelbacher Großvater habe mit einer ähnlichen gearbeitet.

Wie kann es also sein, dass ausgerechnet dieser Rolls-Royce unter den Obstleitern plötzlich den Anforderungen der Berufsgenossenschaft nicht mehr gerecht wurde?

DIN 4567-1-2020-11 scheint das Problem zu sein

Bei der zuständigen Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) in Kassel, in der die Berufsgenossenschaften 2013 aufgegangen sind, antwortet Sprecher Marc Wiens, dass man den Leiter-Herstellern „keine Vorschriften bezüglich des Inverkehrbringens“ machen könne – entspreche eine Leiter nicht den Vorschriften für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, könne man aber die „Verwendung im Betrieb untersagen“.

Dass Obstbauern und Leiter-Hersteller übereinstimmend der Meinung sind, die Obstleiter mit zwei frei beweglichen Stützen sei seit deutlich mehr als einem Jahrzehnt verboten, erklärt sich Wiens mit vagen Worten. Man könne „nur vermuten“, dass die damals noch eigenständige Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft Baden-Württemberg vielleicht zum fraglichen Zeitpunkt „eine Anordnung oder Untersagung“ ausgesprochen habe – ein Herstellungs- oder Nutzungsverbot sei aber nicht bekannt.

Für Obstbaumleitern gibt es die DIN 4567-1-2020-11. Marc Wiens zitiert daraus: Die Stützen müssen „fest an der Leiter angebracht oder formschlüssig mit ihr verbunden sein“. Damit widerspricht diese Norm genau der geländegängigen Eigenschaft einer Schmuck-Leiter mit den beweglichen Stützen.

Wer war's? Das bleibt undurchsichtig

Für weitere Fragen verweist Wiens hausintern an Jörg Schwarz, den zuständigen Sachbearbeiter bei der SVLFG. Trotz beharrlicher Nachfragen kann oder will Schwarz sich aber nicht dazu äußern, was konkret nun er und sein Haus gegen die Obstleiter mit den zwei frei beweglichen Stützen hatte und weiterhin hat. Wiederholt verweist er stattdessen auf die geltenden Normen, die ja nicht bei der SVLFG gemacht würden; und diese Normen „haben wir umzusetzen und nicht zu kommentieren“.

Ganz anders hört es sich beim Deutschen Institut für Normung in Berlin an, wo die DIN-Normen entwickelt werden. Für den Bereich zuständig ist Holzwirt Bernd Trepkau, der sich ob der versuchten Weiterreichung des Schwarzen Peters überrascht zeigt. Die SVLFG, sagt er, sei doch bei der Entwicklung der Norm für die Obstleitern beteiligt gewesen.

Din-Sprecherin Mona Thieme teilt darüber hinaus mit: sogar die Öffentlichkeit könne Norm-Entwürfe kommentieren und Bedenken und weiteres Fachwissen einbringen.

Da die Berufsgenossenschaft nach eigenen Angaben mit staatlichem Auftrag arbeitet, wäre die Zuständigkeit wohl in erster Linie bei den für die Landwirtschaft verantwortlichen Politikern.

Ein insbesondere auch von Remstäler Obstbauern hochgeschätztes Arbeitsgerät ist rar geworden: Eine Anordnung der Berufsgenossenschaft verhindert Neuanfertigungen. Rekonstruktion eines schlechten Treppen-, Pardon, Leiterwitzes.

„Die beste Leiter, die es gibt“, so Obstbauer Helmut Ritter aus Strümpfelbach, sei schon lange komplett vom Markt verschwunden. Seit wann genau, kann offenbar niemand mehr so genau sagen.

„Weit über zehn Jahre“, schätzt Ingrid Ertel aus Dettingen im

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