Rems-Murr-Kreis

Partnerschaft zwischen Rems-Murr-Kreis und Dmitrow: Lebt sie je wieder auf?

Dmitrow Kreisel
Das Wetter passt zur Stimmung: Vorerst bleibt der Dmitrow-Kreisel bei Rudersberg nach dem Partnerrayon in Russland benannt, doch die Partnerschaft selbst liegt auf Eis. © Gabriel Habermann

Den Dmitrow-Kreisel zwischen Allmersbach und Rudersberg zu durchfahren, fühlt sich dieser Tage sehr befremdlich an. Mit dem russischen Rayon Dmitrow pflegte der Rems-Murr-Kreis eine mehr als 30 Jahre währende Partnerschaft – die aus nachvollziehbaren Gründen aktuell auf Eis liegt. Es gibt sicher wichtigere Fragen, doch diese drängt sich angesichts des nach Dmitrow benannten Kreisels dann doch auf: Wird man den Knotenpunkt umbenennen? Wird man das müssen angesichts eines Briefes aus Dmitrow, der jüngst das Landratsamt erreichte und dessen Inhalt nicht nur Landrat Richard Sigel die Haare zu Berge stehen ließ?

Wer pflegt überhaupt noch Kontakte mit Dmitrow?

Nein, informiert Landratsamtssprecherin Martina Keck, derzeit sei nicht geplant, den Dmitrow-Kreisel mit einem neuen Namen zu versehen.

Unterdessen läuft die Suche nach Personen, die vielleicht noch Kontakte zu Menschen in Dmitrow pflegen, ins Leere: Sowohl in Dmitrow als auch im Rems-Murr-Kreis hat sich unter jenen, die für die Pflege der Partnerschaft zuständig waren, ein Generationenwechsel vollzogen. Wegen Corona lagen die Kontakte eh schon zwei Jahre lang auf Eis, wodurch sich die Beziehungen schon vor dem Einmarsch der Russen in die Ukraine abgekühlt haben dürften.

Russische Propaganda in Reinstform

Auf diesen Umstand nimmt auch Ilya Ponochevnyy, der Leiter des Bezirks Dmitrow, in seinem Brief an die Rems-Murr-Verwaltung Bezug – allerdings auf eine Art und Weise, die mehr als nur befremdlich wirkt: Das „Fehlen einer direkten Kommunikation“ während der Pandemie habe „ein Informationsvakuum“ hervorgerufen, glaubt Ilya Ponochevnyy, der sich als treuer Unterstützer Putins beschreibt. Es folgt russische Propaganda in Reinstform: Von einer „Nazi-Regierung“ in der Ukraine ist die Rede. Die Menschen in Donezk und Luhansk im Donbass würden von Ukrainern seit acht Jahren „in Angst gehalten, ausgeraubt und getötet“ – und so weiter und so weiter.

„Unerträglich zu lesen“ – so empfand Landrat Richard Sigel das Schreiben aus Dmitrow. Er hatte bereits seinen Augen nicht getraut, als die Partner aus Dmitrow ausgerechnet am 24. Februar, dem Tag des Überfalls auf die Ukraine, ankündigten, sie würden wie vereinbart im Sommer mit einer Delegation den Rems-Murr-Kreis besuchen. Sicher nicht, schrieb Sigel seinerzeit zurück, nur diplomatischer formuliert: „So wichtig mir die partnerschaftliche Beziehung zu Russland und Dmitrow ist, ob das Treffen im Sommer stattfindet, wird auch von der weiteren Entwicklung in der Ukraine abhängig sein.“

Vor Corona: Reger Schüleraustausch mit Partnerschule in Dmitrow

Das Treffen findet ganz sicher nicht statt, die Partnerschaft liegt wie gesagt auf Eis.

Über mehr als diese Informationen verfügt Suse Freudenreich auch nicht. Die stellvertretende Leiterin der Grafenbergschule in Schorndorf unterhält selbst keinerlei Kontakte nach Dmitrow; ihr letzter Besuch dort liegt auch schon viele Jahre zurück. Die Grafenbergschule zählt zu jenen Einrichtungen, die mit Dmitrow einen ganz besonders intensiven Austausch pflegten. Regelmäßig besuchten Schorndorfer Schüler/-innen ihre Partnerschule in Dmitrow und umgekehrt.

Duale Ausbildung stets stolz präsentiert

Erinnerungen an all die Berichte von diesen Begegnungen tauchen auf, während man den Dmitrow-Kreisel durchfährt. „Kässpätzla, Klassik, Kapelle und Kabel“ – mit diesen Worten war ein Artikel in dieser Zeitung überschrieben, in welchem vor rund drei Jahren über einen Besuch russischer Schüler/-innen in Schorndorf zu lesen war. Stolz präsentierte man stets den russischen Gästen, wie duale Ausbildung in Deutschland funktioniert, was Lehrwerkstätten sind – und wie man Kässpätzla macht.

Mit Blick auf die Bilder aus der Ukraine kann man sich kaum vorstellen, dass die Partnerschaft mit Dmitrow je wieder aufleben könnte. Ilya Ponochevnyy sieht das anders, zumindest ist das in seinem jüngsten, verstörenden Schreiben zu lesen: „Ich glaube aufrichtig daran“ schreibt Ponochevnyy, „dass auf das gegenseitige Vertrauen und auf die Geschichte unserer Zusammenarbeit stützend, gelingt es uns, die Freundschaftsbande zu erhalten und diesen schwierigen Zeitraum zusammen zu überleben.“

Den Dmitrow-Kreisel zwischen Allmersbach und Rudersberg zu durchfahren, fühlt sich dieser Tage sehr befremdlich an. Mit dem russischen Rayon Dmitrow pflegte der Rems-Murr-Kreis eine mehr als 30 Jahre währende Partnerschaft – die aus nachvollziehbaren Gründen aktuell auf Eis liegt. Es gibt sicher wichtigere Fragen, doch diese drängt sich angesichts des nach Dmitrow benannten Kreisels dann doch auf: Wird man den Knotenpunkt umbenennen? Wird man das müssen angesichts eines Briefes aus Dmitrow,

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