Rems-Murr-Kreis

Paukenschlag bei der AfD: Kreisräte Marc Maier und Michael Malcher treten aus

AfdWN
Marc Maier aus Waiblingen, unlängst noch Landtagskandidat für die AfD, hat die Partei nun verlassen. © Gaby Schneider

Aderlass bei der AfD-Kreistagsfraktion: Gleich zwei Leute erklären kurz vor der Bundestagswahl ihren Austritt – der Waiblinger Marc Maier und der Backnanger Michael Malcher. Die Pressemitteilung, mit der sie ihren Schritt begründen, hat es in sich und enthält eine kuriose Pointe ... Die Spitze der AfD Rems-Murr reagiert mit Gegenvorwürfen.

Besonders der Waiblinger Betriebswirt Maier ist kein No-Name in der Partei. Unlängst kandidierte er noch im Wahlkreis Waiblingen für den Landtag 2021 und holte 8,1 Prozent. Im Kreistag bleiben für die AfD damit übrig: Ulrich Bußler, Martin Huschka, Frank Kral, Daniel Lindenschmid, Max-Eric-Thiel und Christian Throm.

Die AfD hat sich „von unseren Grundwerten“ entfernt

In einer gemeinsamen Pressemitteilung schreiben die Scheidenden: „Im Laufe der letzten beiden Jahre haben sich die Ansichten und Werte der AfD von den Grundwerten“, für die Malcher und Maier einstünden, „nachhaltig“ entfernt. Auch „der AfD-Kreisverband“ habe sich „in vielen Ansichten abweichend zu den Wertevorstellungen“ von Malcher und Maier entwickelt. „Wir beide stehen für eine liberal- konservative Wirtschafts- und Wertepolitik ein, zu welchen auch politische Transparenz, Bodenständigkeit und vor allem gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen zählen.“ Deshalb sei der Austritt aus der AFD „für uns ein logischer Schritt“.

Nach dem Abschied von der Gesamt-AfD, erklären die beiden, verlassen sie „nun konsequenterweise“ auch die AfD-Kreistagsfraktion; im Kreistag bleiben sie aber und schließen sich dort "der Gruppe Wilhelm/Klinghoffer an“.

Die Gruppe Wilhelm/Klinghoffer: Ein buntes Häuflein

Die Wendung ist apart: In dieser parteiunabhängigen Kreistagsgruppe hat sich damit nun ein Quintett mit spektakulär ungewöhnlicher, irre bunter und durchaus streitbarer Vorgeschichte versammelt.

Die Backnangerin Charlotte Klinghoffer und die Kirchbergerin Gudrun Wilhelm gehörten zur FDP - bis sie sich im Frühjahr 2020 einem Parteiausschlussverfahren ausgesetzt sahen. Grund: Wilhelm war bei der Regionalwahl 2019 nicht auf Platz 1 der liberalen Liste gesetzt worden, fühlte sich „unfair ausgebootet“ und trat mit einer Gegenliste an.

Auch Charlotte Klinghoffer gehörte zu den Abweichlern – ihr Fall enthält einen weiteren vogelwilden Dreh: Ungeachtet des Zwists kandidierte Klinghoffer im August 2020 nämlich um den Posten der FDP-Bewerberin für die Landtagswahl 2021 im Wahlkreis Backnang. Möglich wurde ihr das, weil ihr Ausschlussverfahren noch in der Parteischiedsgerichts-Warteschleife hing und nicht amtlich entschieden war. So trat sie also gegen Björn Michel an – und gewann die Nominierung mit 13 zu 8 Stimmen! Die Marbacher Zeitung schrieb seinerzeit: Der Streit zwischen Wilhelm/Klinghoffer und der FDP trage „inzwischen schon fast kabarettreife Züge“.

Es wird aber noch schräger: Auch Wolfgang Kölz, bereits vor etwa einem Jahr aus der CDU-Kreistagsfraktion ausgetreten und einmal wegen einer Handgreiflichkeit aufgefallen, fand in der Gruppe Wilhelm/Klinghoffer eine neue Heimat – eben jener Kölz, der sich im Schwaikheimer Gemeinderat mittlerweile der Fraktion der Grünen angeschlossen hat ...

Die Reaktion der AfD Rems-Murr fällt recht deftig aus

Malcher und Maier schwärmen in der Pressemitteilung: „Wir können uns durch den Wechsel zu Gudrun Wilhelm, Charlotte Klinghoffer und Wolfgang Kölz, sehr erfahrene Kolleginnen und Kollegen, weiterhin in der Kommunalpolitik engagieren und für die Belange der Bürgerinnen und Bürger im gesamten Rems-Murr-Kreis tätig sein.“

Die Spitze der AfD Rems-Murr sieht das komplett anders: Sie will, dass Maier und Malcher den Kreistag sofort ganz verlassen.

In einer Stellungnahme schreiben der Kreisvorsitzende Jürgen Braun und sein Vize Lars Haise: "Wir haben vom Austritt der Kreisräte Michael Malcher und Marc Maier aus der AfD-Fraktion durch die Presse erfahren. [Anmerkung der Redaktion: konkret durch die ZVW-Online-Veröffentlichung am Freitagvormittag.] Wir bedauern den Austritt der beiden Kreisräte und fordern sie auf, ihre durch die Politik der AfD Rems-Murr erreichten Mandate umgehend niederzulegen und nicht für egoistische parteipolitische Spiele zu missbrauchen. Für ihre freie Entscheidung, die Fraktion zu verlassen, tragen die beiden Herren die alleinige Verantwortung. Ebenso stellen wir nach dem Verhalten der beiden Herren in den letzten Monaten unmissverständlich fest: Wer der Meinung ist, die AfD sei ihm nicht rechts genug, kann unsere Partei gerne verlassen.“ 

Damit legen Braun und Haise nahe, dass in Wahrheit die AfD-Mehrheit moderat sei und es sich bei den „beiden Herren“ um Ausscherer nach rechtsaußen handle. Stimmt das?

Zumindest das öffentliche Auftreten Marc Maiers spricht dagegen. Um den Landtagskandidaten hatte es im Februar während des Wahlkampfs einige Aufregung wegen einer Podiumsdiskussion in Winnenden gegeben: Der Bewerber der Linken nahm aus Protest nicht teil, weil auch der AfD-Vertreter eingeladen war. Die Debatte selbst sei dann aber, schrieb ein ZVW-Reporter seinerzeit, „sehr ruhig“ verlaufen, „Kandidat Maier bot keinerlei Anlass, sich an bekannten AfD-Positionen zu reiben. Der Waiblinger Unternehmer hätte gut als CDU-, FDP- oder eventuell als SPD-Mitglied durchgehen können.“ Auch im Kreistag und im Waiblinger Gemeinderat ist Maier bislang nicht durch unsachliches Gepolter aufgefallen. Wer ihn dort mal erlebt hat, konnte eher ins Grübeln kommen: Passt dieser ruhig und umgänglich wirkende Mensch wirklich in eine oft auf Krawall gebürstete Partei, in der Leute wie Björn Höcke große und faschistoide Töne spucken?

AfD-Abgänger: Eine episch lange Liste

Maier und Malcher sind nicht die ersten AfD-Funktionäre aus dem Rems-Murr-Kreis, die der Partei den Rücken kehren.

Der ehemalige Landesvorsitzende Ralf Özkara, Berglen, gab 2019 Fersengeld mit der Begründung, diese Partei werde „von Idioten“ geführt.

2020 ging der Landtagsabgeordnete Heiner Merz – „ernüchtert“ und „im Unguten“. Kandidiert hatte Merz 2016 zwar im Wahlkreis Heidenheim, aber geboren wurde er in Waiblingen, und in Fellbach gehörte er eine Zeit lang dem Gemeinderat an.

Im Mai 2021 schließlich verabschiedete sich der Europa-Parlamentarier Lars Patrick Berg, der sein Büro in Korb hatte – die Partei drifte ab, erklärte er, sei nur noch eine „Protestbewegung“ und fordere „törichte“ Dinge wie Deutschlands EU-Austritt.

Nachgerade aberwitzig wird es, wenn man sich die AfD-Fraktion 2016 bis 2021 im Landtag Baden-Württemberg anschaut: Dauernd gingen welche, Nachrücker kamen – und gingen teilweise auch bald wieder. Wolfgang Gedeon: aus der Partei ausgeschlossen. Claudia Martin: aus der Partei ausgetreten. Heinrich Kuhn: aus der Fraktion ausgetreten. Heinrich Fiechtner: aus Fraktion und Partei ausgetreten. Markus Widenmeyer: aus der Fraktion ausgetreten. Stefan Herre: aus Fraktion und Partei ausgetreten. Harald Pfeiffer: aus Fraktion und Partei ausgetreten. Stefan Räpple: aus der Partei ausgeschlossen. Doris Senger: aus Fraktion und Partei ausgetreten.

Aderlass bei der AfD-Kreistagsfraktion: Gleich zwei Leute erklären kurz vor der Bundestagswahl ihren Austritt – der Waiblinger Marc Maier und der Backnanger Michael Malcher. Die Pressemitteilung, mit der sie ihren Schritt begründen, hat es in sich und enthält eine kuriose Pointe ... Die Spitze der AfD Rems-Murr reagiert mit Gegenvorwürfen.

Besonders der Waiblinger Betriebswirt Maier ist kein No-Name in der Partei. Unlängst kandidierte er noch im Wahlkreis Waiblingen für den Landtag

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