Rems-Murr-Kreis

Pflaster statt Not-OP: Pseudo-Notfälle bringen Notaufnahme im Rems-Murr-Kreis ans Limit

Notaufnahme Gebühr Nofall Notfallpraxis Rems-Murr-Kliniken_0
Tür zur Notaufnahme in den Rems-Murr-Kliniken. © ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)

Beschwerden über Rettungsdienste und Krankenhaus-Notaufnahme erreichen uns immer wieder mal – aber auch umgekehrt gibt es Klagen: Ärzte und Helfer berichten von steigender Aggressivität, von Anspruchsdenken, von Egoismus bei den Patienten. Und von Notfällen, die keine sind.

Egoismus: Chefarzt Dr. Torsten Ade wird deutlich

„Man hat so den Eindruck, nach zweieinhalb coronabedingten mutmaßlichen Verzichtsjahren herrscht in unserer Gesellschaft verstärkter Nachholbedarf in Sachen Egoismus und Anspruchsdenken. Das trifft gerade alle im Rettungsbereich hart. Auch die Aggressivität der Patienten steigt wieder.“ Das sagt Dr. Torsten Ade, Chefarzt der interdisziplinären Notaufnahme des Rems-Murr-Klinikums Winnenden. „Circa 30 Prozent der Patienten, die mit Rettungswagen oder selbst zu uns in die Notaufnahme in Winnenden kommen, hätten anderweitig versorgt werden können.“ (Prinzipiell sind Notaufnahmen oft Brennpunkte des Gesundheitswesens - siehe dazu auch diese Geschichte aus Mutlangen.) 

Dass so viele Pseudo-Notfälle auflaufen, könnte zum einen daran liegen, dass es im Alltag zu lange dauere, einen Facharzt-Termin zu bekommen, und dass auch ein allgemeiner Arztmangel herrsche, insbesondere bei den Kinderärzten, sagt Chefarzt Ade. „Manche denken wohl auch, einen Rettungswagen zu rufen sei bequemer und billiger, als mit dem Taxi in die Notfallpraxis zu kommen.“

Die Unterscheidung, ob Schmerzen im Brustbereich vom Rücken kommen oder vom Herzen, ist zugegebenermaßen für den Laien schwierig, sagt Ade. „Aber, ein Disponent in der Notruf-Leitstelle beim DRK in Waiblingen und auch der Notfallsanitäter, der anrückt, wird schon aus Haftungsgründen sowieso niemanden abweisen, der unbedingt darauf besteht, ins Krankenhaus kommen zu müssen.“ Zudem gebe es noch die Vergütungsfrage. „Wenn Sie als Rettungsdienst jemanden in die Hausarztpraxis brächten, dann würde das nicht bezahlt, nur die Einlieferung ins Krankenhaus.“

Integrierte Notruf-Leitstellen beim DRK in Waiblingen und Rettungssanitäter-Organisationen bestätigen die Zunahme der Bagatell-Lagen. „Die Mitarbeitenden haben den subjektiven Eindruck, dass ein Drittel bis die Hälfte der Patienten, die die 112 gewählt haben, eigentlich nicht vom Rettungsdienst versorgt werden müssten“, sagt der Winnender Florian Hambach, Rems-Murr-Kreis-Beauftragter der Malteser.

Ablehnen ist schwierig: Florian Hambach von den Maltesern erzählt

Haftungstechnisch agiere man „in der Notfallversorgung in einer Grauzone“, sagt Florian Hambach. „Man kann keinen zu Hause lassen, der hofft, in die Klinik zu kommen. Man erhebt die Vitalwerte, Puls, Blutdruck, hat dann Indizien, ist es was Lebensbedrohliches oder eher, was man nachher dem Hausarzt vorstellen könnte, bespricht es mit dem Patienten – aber wenn der darauf beharrt, in die Klinik zu kommen, wird es schwierig, das abzulehnen.“

2021 bearbeitete das Disponenten-Team der Integrierten Leitstelle in Waiblingen 163.000 Einsätze; im Schnitt nahm es jeden Tag etwa 800 Anrufe entgegen, aus denen täglich knapp 450 Einsatzbearbeitungen und Einzelmaßnahmen resultierten, unter anderem Rettungsdiensteinsätze:

  • 9433 Notarzt-Einsätze (davon 8275 für das DRK),
  • 32.234 Rettungswagen-Einsätze (davon 21.447 für den DRK-Rettungsdienst),
  • 50.101 Krankentransporte (davon 14.643 für das DRK).

Beim DRK-Landesverband Baden-Württemberg geht man von 400 bis 600 Euro Kosten pro Rettungseinsatz aus, je nach Region und Umständen.

„Die Rückenschmerzen, die nachts um 2 Uhr akut werden, die aber, wenn man näher nachfragt, eigentlich schon fünf Tage da waren“ – nur habe man es „versäumt, zum Arzt zu gehen“: Derlei führt öfters zu Rettungsdiensteinsätzen, sagt Florian Hambach. „Aber auch kleinere Geschichten wie Platzwunden, Schürf- und Schnittwunden, wo man eigentlich außerhalb der Hausarztpraxiszeiten selbst in die Notaufnahme beziehungsweise Notfallpraxis fahren könnte, um die behandeln zu lassen.“

Den Rettungsdienst rufen: Manches Drama ist nicht ganz so dramatisch

Die Notrufdisponenten hätten zwar ein Abfrageschema. „Wenn die merken, es ist eigentlich nichts für den Rettungsdienst, es ist nichts Lebensbedrohliches, dann schicken die keinen Rettungswagen vom DRK, den Maltesern oder des ASB und so weiter hin, sondern geben Tipps: Gehen Sie zur Notfallpraxis! Oder sie schicken den ärztlichen Bereitschaftsdienst, wenn’s abends, nachts oder am Wochenende ist“, sagt Hambach. „Die Disponenten haben schon Möglichkeiten. Aber ich vermute, dass Patienten es dramatischer darstellen, als es wirklich ist; und darauf bestehen, mit Rettungswagen geholt zu werden. Wenn man dann vor Ort ist, stellt sich die Lage dann eben mitunter viel weniger dramatisch dar.“

Das bestätigt Christian Siekmann, Pressesprecher des DRK-Kreisverbands. „Das Wählen eines Notrufs hat viele Ursachen. In der Regel sind dies legitime Hilfeersuchen, die das Entsenden eines Rettungsmittels notwendig machen. Das zu späte Absetzen eines Notrufs auf der einen und die aus überspitzten Darstellungen resultierenden Bagatelleinsätze auf der anderen Seite sind oft das Ergebnis der Hilflosigkeit der Anrufer, einer zunehmenden Unselbstständigkeit der Menschen und einer steigenden Vollkasko-Mentalität.“

Manchmal reicht ein Pflaster: Christian Siekmann vom DRK erzählt

Wie dringlich eine Verletzung von einem Menschen wahrgenommen werde, sei freilich sehr unterschiedlich.

„Ein Anrufer etwa“, erzählt Christian Siekmann vom DRK, „schildert, er habe einen tiefen Schnitt im Finger und benötige sofort Hilfe vom Rettungsdienst, da die Wunde sehr tief sei. Vor Ort wird festgestellt, dass ein Pflaster ausreichend ist. Oder: Bei einer Person hat sich in den vergangenen Tagen an einer Stelle des Körpers ein kleines Ekzem gebildet. Auf einen Arztbesuch wird an vielen Tagen verzichtet – und eines Nachts wird der Rettungsdienst alarmiert.“

Es gebe aber auch Vorfälle, bei denen zu lange gezögert werde, den Rettungsdienst zu holen, etwa bei stärksten Schmerzen oder Herzbeschwerden über mehrere Tage. „Insofern gibt es auf der einen Seite die vermeintlichen Bagatell-Einsätze und auf der anderen Seite jene Menschen, die trotz akuter Symptome mit dem Absetzen eines Notrufs zögern.“

Auch Malteser-Kreisbeauftragter Florian Hambach sagt, er wolle die Bevölkerung nicht verteufeln und behaupten, alle hätten nur ein Anspruchsdenken. „Es herrscht auch Hilflosigkeit in manchen Bereichen. Und: Es gibt auch strukturelle Probleme in unserem Gesundheitssystem. Wir haben ja nicht nur Kinderarzt- und Facharztmangel, sondern auch Hausarztmangel.“

Es gibt keinen Facharzt-Termin? Manche wählen dann die 112

Wenn ein Patient drei, vier Tage oder gar länger keine Hilfe bekomme, die Schmerzen verschlimmern sich und der Betroffene wisse nicht so richtig, wo er sich hinwenden kann – dann, sagt Florian Hambach, „ist es irgendwann verständlich, wenn die Schmerzen groß geworden sind, dass man die 112 wählt“. Gerade bei Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen, bei älteren Bürgern oder bei pflegenden Angehörigen. Hambach sieht auch einen Zusammenhang mit dem Pflegenotstand. „Klar haben wir das Gefühl, zumindest, wenn wir mehr Pflegeheime, mehr Pflegeplätze hätten, dass dann die Notfall-Einsätze auch zurückgehen würden.“

Natürlich müsse man den Einzelfall betrachten: Liegt es daran, dass sich die Pflegenden nicht trennen können oder wollen von ihren Angehörigen? Oder dass sie tatsächlich keinen Pflegeheimplatz finden?

„Aber ja, die Einsätze nehmen zu, dass beispielsweise die zu Pflegenden einen Fremdkörper einatmen, weil sie zu Hause nicht die adäquate Nahrung bekommen. Oder es war ein Sturz aus dem Bett, weil noch kein höhen- und neigungsverstellbares Pflegebett vorhanden ist, weil man etwa in diesem Bereich überfordert ist.“

Triage in der Notaufnahme: Wer nicht schlimm leidet, muss lang warten

Wer allerdings denkt, er könnte Zeit und Kosten sparen, wer keine Lust auf lange Wartezeiten auf einen Arzttermin hat, wer stattdessen also die 112 wählt und sich vom Rettungswagen in die Notaufnahme bringen lässt oder sich bei Bagatellen selbst dort hinbegibt – der sitzt einer fundamentalen Fehleinschätzung auf.

„In Winnenden greift nämlich die Manchester-Triage“, sagt Florian Hambach. „Es guckt ein Arzt drüber und entscheidet: dringlich oder nicht dringlich. Und dann kann es sogar sein, dass man bedeutend länger wartet als in einer Hausarzt- oder Facharztpraxis.“

Chefarzt Dr. Torsten Ade bestätigt: Durch die Triage und den gemeinsamen Ein-Tresen-Empfang von Notfallpraxis und Interdisziplinärer Notaufnahme (allgemeine, chirurgische und Kinder) im Rems-Murr-Klinikum lassen sich die „Notfallpatienten-Ströme“ gut filtern. Die Notfallpraxis, die täglich bis 24 Uhr geöffnet habe, könne da viel abfangen.

Allerdings: „Mit der Triage, also der Einteilung der Lebensbedrohlichkeit von Beschwerden und Symptomen der Patienten in Gruppen der Behandlungsdringlichkeit, gehen viele Patienten sehr schlecht um, weil sie ihr gesundheitliches Problem als stets am allerwichtigsten ansehen“, sagt Ade. Wartezeiten akzeptiere heutzutage eh kaum noch jemand.

„Aber wir können nicht Tag und Nacht notfallmedizinische CT und MRT in Winnenden machen. Da müssen wir manchen mutmaßlichen Notfallpatienten auch mal sagen: Da müssen Sie zum Facharzt, Ihr Fall ist nicht dringlich genug. Oder: Dann müssen Sie halt ein paar Stunden warten.“

Wer bezahlt? Warum es so nicht weitergehen kann

Der Eindruck der ständigen Verfügbarkeit von Notfallpraxis und Notaufnahme in Winnenden, vermutet Ade, veranlasse so manchen, es in Ordnung zu finden, dort abends noch mal „vorbeizuschauen“, weil tagsüber die Arbeit wichtiger war oder kein Termin beim Hausarzt verfügbar.

Langfristig müssten deshalb gesetzliche Änderungen her, dass Notfallmediziner auch mal sagen könnten: „Nein, Sie kriegen diese Leistung nicht, wir nehmen Sie nicht auf, das ist kein Notfall. Die Behandlung kann warten. Gehen Sie zum Hausarzt oder Facharzt.“

24/7-Personal bereitzustellen, sei zunehmend schwierig (Stichwort: Fachkräftemangel), und verdienen tue kein Krankenhaus an seiner Notfallmedizin. „Letztlich zahlen wir alle das über Steuern und Krankenkassenbeiträge.“

Malteser-Kreisbeauftragter Florian Hambach sieht das ähnlich: „Wir arbeiten alle daran, die strukturellen Probleme zu lösen und unser Gesundheitssystem zu verbessern – die Politik denkt ja auch schon wieder über eine Absenkung der Hilfsfrist von 15 auf zwölf Minuten nach. Aber das hieße natürlich auch: Wir bräuchten mehr Rettungsmittel. Wer soll das alles bezahlen!? Müssen wir nicht stattdessen an die Bagatelleinsätze gehen und schauen, dass wir diese reduzieren?“

Oder auch dies wäre eine Option: Einsatzkosten bei Bagatell-Lagen den Betroffenen in Rechnung stellen.

Beschwerden über Rettungsdienste und Krankenhaus-Notaufnahme erreichen uns immer wieder mal – aber auch umgekehrt gibt es Klagen: Ärzte und Helfer berichten von steigender Aggressivität, von Anspruchsdenken, von Egoismus bei den Patienten. Und von Notfällen, die keine sind.

Egoismus: Chefarzt Dr. Torsten Ade wird deutlich

„Man hat so den Eindruck, nach zweieinhalb coronabedingten mutmaßlichen Verzichtsjahren herrscht in unserer Gesellschaft verstärkter Nachholbedarf in Sachen

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper