Rems-Murr-Kreis

Pro Familia Waiblingen: "Sexualisierte Gewalt nimmt zu" – Beratungsbedarf steigt

rmk
Unter anderem arbeitet das Beratungsangebot "Flügel" mit den Rems-Murr-Kliniken zusammen. © Benjamin Büttner

Sexuelle Übergriffe in der Kindheit oder Jugend, vom Partner erzwungener Geschlechtsverkehr, Misshandlungen. „Sexualisierte Gewalt nimmt zu“, sagt Agnes Perjesi, Leiterin der Beratungsstelle Pro Familia Waiblingen. Das belegen einerseits die Zahlen des aktuellen Polizeiberichts: 347 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung registrierte das Polizeipräsidium Aalen im Rems-Murr-Kreis 2021. Das ist ein starker Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren (2020: 277, 2019: 240). Andererseits steigt auch die Nachfrage des Beratungsangebots „Flügel“. 199 Beratungen wurden beispielsweise im Jahr 2015 durchgeführt, 2020 waren es 522 und 2021 420. „Flügel“ ist ein Beratungsangebot für Frauen und Männer im Rems-Murr-Kreis, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind oder waren.

Seit 2010 gibt es das Beratungsangebot, das zunächst über Stiftungsgelder finanziert wurde. Seit 2014 unterstützt der Kreis „Flügel“ finanziell, seit 2019 mit der Finanzierung einer halben Stelle. Die Unterstützung war stets befristet, musste nach drei Jahren wieder neu beantragt werden. „Nun wollen wir noch vor der Sommerpause einen Neuantrag einreichen“, sagt Perjesi. Sie hofft auf eine Entfristung. Das wäre nicht nur wichtig für die Klientinnen und Klienten, die die Beratungen brauchen, sondern auch ein politisches Signal: „Die unbefristete Förderung dieser halben Stelle würde die öffentliche Anerkennung signalisieren, dass auch Erwachsene ein niedrigschwelliges Hilfsangebot brauchen, und dabei Planungssicherheit für Träger und Beraterinnen und Berater ermöglichen.“

Zusammenarbeit mit anderen Stellen

Das Angebot von Pro Familia richtet sich an Frauen und Männer über 21 Jahren. Jüngere Opfer sexualisierter Gewalt können sich an die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt des Rems-Murr-Kreises wenden, mit der Pro Familia ebenso zusammenarbeitet wie unter anderem mit dem Projekt „Soforthilfe nach Vergewaltigungen“ der Rems-Murr-Kliniken Winnenden, den Polizeidienststellen, Ärzten, Krankenhäusern oder Fachberatungsstellen der umliegenden Landkreise.

„Unsere Klientinnen und Klienten haben oft in der Kindheit oder Jugend Übergriffe erlebt“, schildert Perjesi. „Kriminaltechnisch sind diese meist verjährt, doch von den Betroffenen nicht vergessen, sondern nur verdrängt. Diese Menschen funktionieren im Alltag so lange, bis ein auslösendes Ereignis die Erinnerungen in Flashbacks wiederkehren lässt.“ Ein solches auslösendes Ereignis kann zum Beispiel sein, dass das eigene Kind in dasselbe Alter kommt, in dem die oder der Betroffene sexuell missbraucht wurde.

Das Besondere an „Flügel“ ist die Anonymität, der geschützte Raum: „Die Gespräche zwischen Beratern und Klienten werden nicht von den Krankenkassen erfasst. Das ist vielen Betroffenen wichtig, weil sie nicht als psychisch krank registriert werden wollen“, erklärt Perjesi. Ob den Betroffenen durch die Beratung geholfen werden kann, hängt von der Schwere der traumatischen Störung ab. „Wöchentliche Sitzungen über zwei Jahre sind bei uns nicht möglich, durchschnittlich haben wir 2021 jeden Klienten siebenmal beraten.“ Bei schweren Fällen empfehlen die Beraterinnen und Berater den Betroffenen andere Stellen, an die sie sich wenden können.

Corona-Pandemie verstärkt Nachfrage

Die Corona-Pandemie hat sich auch auf den Beratungsbedarf ausgewirkt: „Vor allem während des ersten, strengen Lockdowns stieg der Beratungsbedarf pro Klientin oder Klient. Wir vermuten, dass es durch die Einsamkeit und die fehlenden Ablenkungen mehr Zeit und auch mehr Not gab, sich mit sich selbst und seinen Problemen auseinanderzusetzen.“

Nicht zuletzt hätten in der Pandemie psychische Erkrankungen und Depressionen zugenommen. Hinzu komme, dass die Pandemie Gefühle der Machtlosigkeit und Unsicherheit gefördert habe, was gewisse Parallelen zum Gefühl der absoluten Machtlosigkeit über den eigenen Körper bei einem Übergriff aulöse.

Sexuelle Übergriffe in der Kindheit oder Jugend, vom Partner erzwungener Geschlechtsverkehr, Misshandlungen. „Sexualisierte Gewalt nimmt zu“, sagt Agnes Perjesi, Leiterin der Beratungsstelle Pro Familia Waiblingen. Das belegen einerseits die Zahlen des aktuellen Polizeiberichts: 347 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung registrierte das Polizeipräsidium Aalen im Rems-Murr-Kreis 2021. Das ist ein starker Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren (2020: 277, 2019: 240). Andererseits

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