Rems-Murr-Kreis

Prozess: Spielervater attackiert Schiedsrichter

Schiedsrichter Schiri Fussball Symbol Symbolbild_0
Symbolbild. © Alexander Roth

Rems-Murr.
Er soll einen 14-Jährigen im Gesicht gepackt haben, an Wange und Kinn? Soll schmerzhaft zugedrückt und später gar zum Schlag ausgeholt haben? Nichts da, sagt der 51-Jährige, es war ganz anders! „Keine Angriffe. Gar nichts.“ Es klingt, als sei ihm himmelschreiendes Unrecht widerfahren: Die Staatsanwaltschaft hat ihm neulich einen Strafbefehl über 1200 Euro zugesandt, 40 Tagessätze zu je 30 Euro wegen Körperverletzung. Er hat dagegen Widerspruch eingelegt. Und jetzt muss das Waiblinger Amtsgericht klären, was wirklich geschehen ist an jenem 27. Januar 2019 in der Sporthalle des TSV Schmiden.

Bei einem Fußball-Jugendturnier pfiff dort der 14-Jährige als Schiedsrichter: gab den ganzen Sonntag dran; von morgens um acht bis abends; für 5,50 Euro die Stunde. Jungs wie er sind Alltagshelden: Denn Schiedsrichter werden händeringend gesucht, ohne sie lässt sich kein Spielbetrieb aufrechterhalten – aber wer hat schon Lust, Wochenende für Wochenende statt „Dankeschön“ und „Toll, dass du das machst!“ Beleidigungen zu ernten, „einen Scheiß hast du gepfiffen“ im guten Fall, „Ich fick deine Mutter“ im schlechten?

Wenn Eltern eskalieren: Kinderfußball als Exzess

Es war, man muss sich das vor Augen halten, ein Turnier der E-Junioren: Zehnjährige jagten da dem Ball hinterher! Es ging nicht um Auf- oder Abstieg, es ging nicht um Millionen. Es ging um ein paar Medaillen, die es für zwei Euro das Stück im Internet gibt, und im Grunde ging es nicht mal darum; sondern schlicht um die Freude am Rennen, Passen, Schießen.

Gegen 18 Uhr, der Turniertag neigte sich dem Ende zu, lief das Spiel um Platz drei. Es gab eine strittige Situation – Ball im Aus oder nicht? Es folgten rüde Ausfälligkeiten vom Spielfeldrand, wo Spieler-Eltern standen. Aber irgendwann war das Match vorbei, und alles hätte gut sein können: Man regt sich auf, kommt zur Besinnung, regt sich wieder ab, Händeschütteln, Schwamm drüber. So hätte es laufen können. Müssen.

Und so sei es auch gelaufen, legt der 51-Jährige nahe, deutscher Staatsbürger jugoslawischer Herkunft. Sein Sohn kickte an jenem Tag in einer der Mannschaften. „Nichts Besonderes“ sei passiert danach. Er sei am Getränkestand zu dem Schiedsrichter gegangen, habe ihn nur ganz leicht berührt – der Mann macht eine Geste, als lege er jemandem väterlich die Hand auf die Schulter – und habe gesagt: „Junge, das war nicht in Ordnung.“ Und dann „dreht der sich um und schreit: Was willst du! Verpiss dich! Fass mich nicht an!“

Ein dünner, schüchterner Teenager soll einen gestandenen Mann von wuchtiger Statur angeherrscht haben wegen nichts und wieder nichts? Man wundert sich.

Ein anderer Schiri griff rettend ein

Der Junge hat es anders erlebt: Nach dem Spiel habe der Mann ihn erst „am Arm gepackt“ und angeschrien, dann ins Gesicht gefasst und die Hand „zusammengedrückt. Ich habe gerufen, damit es alle hören, dass er weggehen soll.“ Worauf der Mann zum Schlag ausgeholt habe – ein anderer Schiedsrichter sei dazwischengegangen, um Schlimmeres zu verhindern.

Danach „habe ich überlegt, aufzuhören mit dem Pfeifen“. Denn die Folgen der schockhaften Erfahrung waren gravierend: Schmerzen, Angsterscheinungen, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme in der Schule, alles ärztlich beglaubigt.

Bemerkenswert ist, wie der Mann das aufnimmt: Wirkt er zerknirscht? Nachdenklich wenigstens? Nichts dergleichen. Mimisch kommentiert er quasi jeden Satz des 14-Jährigen: mit theatralischem Stirnrunzeln, heftigem Kopfschütteln, höhnischem Nicken, verächtlichem Lächeln.

Neun Zeugen sind geladen, um den Fall aufzuklären. Aber muss man die alle hören? Richterin Figen Basoglu-Waselzada sagt: Momentan erscheine der Junge ihr glaubwürdig. „Wenn’s tatsächlich so stimmt, finde ich das mehr als gravierend“ – dann wären „40 Tagessätze viel zu milde“. Es bleibt aber dabei, wenn der Mann seinen Einspruch gegen den Strafbefehl zurückzieht. So lautet nun mal die juristische Regel.

Pause. Danach erklärt der Anwalt: War es, wie der Junge sagt? „Ich glaube das nicht so.“. Aber „mein Mandant sieht die Gefahr, dass es mehr werden könnte“. Also: „Wir nehmen den Einspruch zurück. Aus der Vernunft heraus: Man frisst es.“ Allerdings nicht wortlos – der Spielervater gönnt sich ein letztes Aufbegehren: „Auf jeden Fall, das war nicht so!“

Wie war es wirklich? Nach allem, was man hinter den Kulissen hört, ist der Fall wasserdicht: Die Polizei hat mehrere Aussagen, unter anderem die des Schiedsrichters, der damals in letzter Sekunde rettend eingriff.

Die Ermittlungen gestalteten sich allerdings zäh: Es war nicht leicht, überhaupt die Identität des Angreifers herauszufinden. Der Polizei, heißt es, seien keine Steine in den Weg gelegt worden, sondern „Steinbrüche“: Der Verein des 51-Jährigen habe zunächst nicht auf Anfragen reagiert und selbst dann noch gemauert, als die Staatsanwaltschaft nachhakte. Erst als der Württembergische Fußballverband der Polizei die archivierten Spielerlisten jenes Tages gab, gelang es, den Vater zu finden.

Nicht aufzugeben, ist der größte Sieg

Fast ein Jahr ist dieser 27. Januar jetzt her – eine Entschuldigung, sagt die Mutter des Jungen, habe es bis heute nicht gegeben. Nicht vom Verein. Nicht von dem Mann.

Immerhin, der Junge hat jetzt die Möglichkeit, zivilrechtlich Schmerzensgeldansprüche geltend zu machen - und den größten Sieg hat er schon selbst erkämpft: Er lässt sich die Freude am Sport nicht zerstören, als Schiedsrichter ist er weiterhin tätig.

Rems-Murr.
Er soll einen 14-Jährigen im Gesicht gepackt haben, an Wange und Kinn? Soll schmerzhaft zugedrückt und später gar zum Schlag ausgeholt haben? Nichts da, sagt der 51-Jährige, es war ganz anders! „Keine Angriffe. Gar nichts.“ Es klingt, als sei ihm himmelschreiendes Unrecht widerfahren: Die Staatsanwaltschaft hat ihm neulich einen Strafbefehl über 1200 Euro zugesandt, 40 Tagessätze zu je 30 Euro wegen Körperverletzung. Er hat dagegen

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper