Rems-Murr-Kreis

Querdenken am Ende? Warum Querdenker von der Corona-Krise zur Klimakrise umschwenken

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Ein Button der Stuttgarter Initiative "Querdenken 711". © Benjamin Büttner

„Querdenken“ steckt in der Krise. Der Verfassungsschutz beobachtet Teile der Bewegung seit kurzem bundesweit. Das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) Baden-Württemberg hat hiesige Ableger wie „Querdenken 718 Schorndorf“ seit Monaten in den Blick genommen. Die Behörde spricht von einer „grundsätzliche[n] Staatsfeindlichkeit bei führenden Personen“ der Bewegung.

Dazu kommt: Die Landtagswahl war eine Klatsche für „Querdenker“-Parteien wie „Die Basis“, und auch die Demos liefen schon besser. Die Polizei greift seit einigen Wochen härter gegen Auflagen-Verstöße durch, die Mobilisierung läuft schleppend, die Teilnehmerzahlen schwinden. Bilder, wie sie noch Anfang April in Stuttgart zu sehen waren, scheinen anderthalb Monate später unvorstellbar.

Ende in Sicht: Impfquote steigt, „Querdenker“ gehen ins Ausland

Was auf Dauer noch schwerwiegender sein dürfte: Die grundlegende politische Forderung aller „Querdenken“-Initiativen, die Rücknahme aller Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus, dürfte bald obsolet sein. Ein Ende der Corona-Krise ist in Sicht.

Die Fallzahlen sinken, im Rems-Murr-Kreis und anderswo wird gelockert. Die dritte Welle scheint gebrochen, und ob es eine vierte geben wird, ist unklar. Mehr als elf Prozent der Deutschen sind laut RKI (Stand 16.05.) vollständig gegen das Coronavirus geimpft, mehr als 37 Prozent haben zumindest die Erstimpfung hinter sich.

Ist die „Querdenken“-Bewegung am Ende? Es hat den Anschein. Ein Eindruck, der noch durch die Tatsache verstärkt wird, dass sich immer mehr führende Köpfe ins Ausland absetzen – oder darüber nachdenken.

  • Der Sinsheimer Arzt Bodo Schiffmann, der noch vor Monaten als Aktivist durch Deutschland tourte und vom Militärputsch träumte, weilt auf unbestimmte Zeit in Tansania.

  • Der ehemalige „Querdenken711“-Sprecher Stephan Bergmann, der zeitweise in Althütte wohnte, ist seit ein paar Tagen in Mexiko. Weil er nach eigener Aussage einen „Genozid“ an den Deutschen befürchtet und sich von den Nachfahren der Maya Hilfe erhofft.

  • Ralf Ludwig von „Querdenken711“, die rechte Hand von Initiator Michael Ballweg, riet im April dazu, das Vermögen ins Ausland zu schaffen und eine Abreise vorzubereiten.

Gauland: Nach „Corona-Diktatur“ folgt „Klima-Diktatur“

Nur: Was wird aus all den „Querdenkern“, wenn die Bewegung erst am Ende ist? Eine mögliche Antwort deutet sich bei genauer Beobachtung der Szene seit längerem an – und wird vor allem von rechten Influencern, Aktivisten und Politikern unterstützt.

Im Wahlkampf zur bevorstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sagte der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland vor wenigen Tagen: „Auf die zeitlich begrenzte Corona-Diktatur folgt die zeitlich unbegrenzte Klima-Diktatur.“

Vieles spricht dafür, dass Gauland damit die Zukunft einiger „Querdenker“ prägnant zusammengefasst hat. Zuallererst die Logik der Parallelen und Kontinuitäten.

  • Die Erzählung: Ob „Corona-Diktatur“ oder „Klima-Diktatur“, der Kern der Erzählung bleibt gleich. Es geht um die Einschränkung individueller Freiheiten, die man ablehnt.

  • Das Mobilisierungspotenzial: In beiden Fällen geht es um Krisen, die nahezu alle Menschen betreffen. Nur dass ein Ende der Klimakrise auf Jahrzehnte nicht absehbar ist.

  • Die Feindbilder: Die Politik, die reguliert, die Wissenschaft, die härtere Maßnahmen fordert, Medien, die all das transportieren, und Bürger, die das befürworten – im Grunde ändert sich auch hier nichts.

  • Das gemachte Bett: Die Erzählung von der „Klima-Diktatur“ ist in rechten Kreisen, die „Querdenken“ nahestehen, bereits etabliert. Von Kritik an den Maßnahmen zur Reduzierung von Emissionen bis hin zur offenen Leugnung des menschengemachten Klimawandels ist jede Position in den „alternativen Medien“, die „Querdenker“ häufig als Informationsquelle heranziehen, vertreten.

„Querdenker“ aus dem Rems-Murr-Kreis: Die Klima-Verschwörung

Auf „Querdenker“-Kanälen beim Messengerdienst Telegram lässt sich bereits beobachten, wie das Thema „Klima-Diktatur“ in die täglichen Unterhaltungen über Corona-Maßnahmen und Verschwörungserzählungen eingeflochten wird.

„Klima und Corona, zwei ungleiche Kinder von denselben Eltern“ heißt es in einer Gruppe von Maskenverweigerern und Coronaleugnern aus dem Rems-Murr-Kreis. „Beide werden zu einem Kult, zu einem Ersatzglauben erhoben“, heißt es in dem geteilten Beitrag weiter. Die CO2-Steuer wird darin mit dem Ablasshandel im Mittelalter verglichen.

In der Telegram-Gruppe von „Querdenken 718 Schorndorf“ wird von angeblich geplanten jährlichen Lockdowns im Zeitraum von Oktober bis Mai gewarnt – „auch für das Klima“. Die jetzigen Lockerungen in der Corona-Krise seien nur ein Trick: „Wenn die Bevölkerung glaubt, dass sie die Freiheit durch Demos ‚zurückgewonnen‘ hat, leistet sie nach ihrem ‚Sieg‘, der keiner ist, keinen Widerstand mehr.“ Verschwörungsglauben statt versöhnlicher Töne.

Noch machen derartige Beiträge einen Bruchteil der Unterhaltungen in diesen Gruppen aus. Auch wenn einige Köpfe der Szene sich immer wieder zur angeblichen „Klima-Diktatur“ äußern. Interessant wird, zu beobachten, ob sich das in den nächsten Monaten ändert.

Denn eines ist sicher: Die Klimakrise ist eines der zentralen Themen der kommenden Bundestagswahl. Und weit darüber hinaus.

„Querdenken“ steckt in der Krise. Der Verfassungsschutz beobachtet Teile der Bewegung seit kurzem bundesweit. Das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) Baden-Württemberg hat hiesige Ableger wie „Querdenken 718 Schorndorf“ seit Monaten in den Blick genommen. Die Behörde spricht von einer „grundsätzliche[n] Staatsfeindlichkeit bei führenden Personen“ der Bewegung.

Dazu kommt: Die Landtagswahl war eine Klatsche für „Querdenker“-Parteien wie „Die Basis“, und auch die Demos liefen schon

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