Rems-Murr-Kreis

"Querdenken711" und "Q": Wie Michael Ballweg auf der Corona-Demo in Berlin Werbung für eine brandgefährliche Verschwörungsideologie machte

Querdenker Demo auf dem Wasen - Michael Ballweg kündigt an keine Demonstrationen mehr zu Organisieren - Ballweg gibt Statement
Michael Ballweg. © 7aktuell.de | Marc Gruber

Was haben Donald Trump, ein rechtsextremer Reichsbürger aus dem Rems-Murr-Kreis und das „Querdenken711“-Oberhaupt Michael Ballweg gemeinsam? Sie alle verbindet eine Verschwörungsideologie, die reale Gefahren birgt. Und sich immer weiter ausbreitet.

Der Stuttgarter Michael Ballweg, Initiator von „Querdenken711“, hat am 1. August in Berlin eine bemerkenswerte Rede gehalten. Während einer Großdemonstration unter dem Motto „Tag der Freiheit: Das Ende der Pandemie“ äußerte er sich vor 20 000 Teilnehmern positiv über „Q“.

Was verbirgt sich hinter dem Buchstaben? Und was will uns der Mann, der laut eigener Aussage für den Posten des Stuttgarter Oberbürgermeisters kandidieren möchte, mit seiner Rede eigentlich sagen?

Was bedeutet „Q“? Was sind „QAnons“ – und worum geht es?

Die QAnon-Bewegung stammt aus den USA. An ihrem Anfang stand ein Beitrag in dem Internetforum 4chan. Ein Nutzer namens „Q“ gab auf dem Imageboard an, über klassifizierte Informationen aus dem Umfeld des US-Präsidenten Donald Trump zu verfügen. Demnach führe Trump einen geheimen Krieg gegen eine verborgene Elite, dem sogenannten „deep state“ (dt. in etwa: „Staat im Staat“, wird häufig wörtlich mit „tiefer Staat“ übersetzt).

„Für mich steht das ‚Q‘ für das englische Wort ‚question‘“, sagte Michael Ballweg in Berlin zu den Demonstrierenden, von denen ein paar unseren Recherchen zufolge auch aus dem Rems-Murr-Kreis angereist waren.

Wahrscheinlicher ist, dass sich der Buchstabe auf „Q Clearance“ bezieht, die höchste Freigabestufe für Geheiminformationen des US-Energieministeriums, die „Q“ angeblich besitzt. Seine Anhänger bezeichnen sich selbst als „QAnons“. Das "Anon" steht dabei für "anonymous" (dt.: anonym), und bezeichnet die anonymen Nutzer auf Imageboards.

Brotkrumen für die Anhängerschaft

Die Kommunikation zwischen „Q“ und seinen Anhängern läuft in der Regel folgendermaßen ab: „Q“ schreibt einen kryptischen Beitrag, der für Außenstehende kaum zu verstehen ist. Diese Beiträge nennt man „Q Drops“. Die QAnons greifen diese angeblichen Hinweise auf und versuchen zu erraten, was gemeint sein könnte.

Wohl auch deswegen bezeichnete Michael Ballweg „Q“ in seiner Rede als „eine Gruppe von Fragestellern, die uns zum Nachdenken und Recherchieren anregen.“

Nur: Was sind das für Hinweise? Was für Schlüsse werden daraus gezogen?

Pizzagate und Adrenochrom

Zentrale Erzählungen der QAnons lauten:

  • Donald Trump sei ein Held, der vom US-amerikanischen Militär auserwählt wurde, einen von einem geheimen Zirkel geführten internationalen Pädophilenring zu zerschlagen. Dieser würde von einer Pizzeria in Washington D.C. aus geführt.
  • In unterirdischen Lagern würden – auch in Deutschland – Kinder gefoltert und ermordet, um ihnen Adrenochrom abzuzapfen. Angeblich, weil es sich bei der chemischen Verbindung, die es frei zu kaufen gibt, um eine Verjüngungsdroge handelt.
  • Der Lockdown im Zuge der Coronavirus-Pandemie diene nicht dem Gesundheitsschutz, sondern ermögliche eine geheime Operation zur Befreiung dieser Kinder aus ihren unterirdischen Gefängnissen.

Dazu kommen: Popkulturelle Anleihen. Antisemitische Erzählmuster. Pathetische Durchhalteparolen für die Anhängerschaft. Die ständige Ankündigung eines angeblichen „Sturms“, der alles verändern und ans Licht bringen werde. Und ab und an Prophezeiungen, die sich je auf ein exaktes Datum beziehen, aber bisher nie eingetroffen sind.

Von QAnons geht eine reale Gefahr aus

Was absurd klingt, birgt reale Gefahren. In den USA haben QAnon-Anhänger bereits mehrfach schwere Straftaten begangen.

Und das sind nur ein paar Beispiele.

QAnon-Anhänger vermehrt auch in Deutschland

„Derartige Verschwörungstheorien können sich zu einer Gefahr entwickeln, wenn antisemitische oder gegen politische Funktionsträger gerichtete Gewalttaten mit der Behauptung einer Bedrohung durch den ‚tiefen Staat‘ legitimiert werden“, warnt das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Obwohl es für keine der Verschwörungserzählungen der QAnons irgendwelche Belege gibt, und obwohl „Q“ bisher jedes einzige Mal falsch lag, wenn es konkreter wurde, wächst seine Anhängerschaft – auch in Deutschland.

„Die [Verschwörungserzählung] findet auch im deutschsprachigen Raum Verbreitung, vor allem durch eine Vielzahl von Homepages, Blogs und YouTube-Kanäle, deren Reichweite aber weder zu quantifizieren noch zu qualifizieren ist“, heißt es in einer Zusammenfassung des Bundesamtes für Verfassungsschutz. „Es liegen Hinweise darauf vor, dass sowohl einzelne Rechtsextremisten als auch eine Reihe von Reichsbürgern der QAnon-Theorie anhängen.“

Xavier Naidoo, Oliver Janich und ein Reichsbürger aus dem Kreis

Auch dem Journalisten Oliver Janich wurde am 1. August in Berlin eine Plattform geboten. Er durfte sich in einem kurzen Video-Einspieler an die Demo-Teilnehmer wenden. Janich ist, neben dem Sänger Xavier Naidoo, einer der prominentesten deutschen QAnon-Anhänger. Und einer der größten Multiplikatoren dieser Verschwörungsideologie.

Auf seinem Telegram-Kanal, wo Janich „Q“ regelmäßig zum Thema macht, folgen ihm über 135 000 Menschen. Auf Youtube hat er über 150 000 Abonnenten, die sich Videos mit Titeln wie „Sie wollen eure Kinder töten und euer Genmaterial stehlen“ anschauen.

Ein weiterer, weniger bekannter Anhänger von „Q“ stammt aus dem Rems-Murr-Kreis.  Der Vorsitzende des Schorndorfer Vereins „Primus inter Pares“, den das Landesamt für Verfassungsschutz sowohl der rechtsextremen als auch der Reichsbürger-Szene zuordnet, verbreitet in seinen Vorträgen regelmäßig Verschwörungserzählungen aus dem QAnon-Umfeld.

Ein Gründungsmitglied von „Primus inter Pares“ engagiert sich heute als Sprecher bei „Querdenken711“: Stephan Bergmann aus Althütte. Bergmann gab auf eine Nachfrage unserer Redaktion vor ein paar Wochen an, von dem Verein lange nichts mehr gehört zu haben.

Fragen über Fragen – und keine Antworten

Ob Michael Ballweg das bekannt ist? Was er davon hält? Das sind nur zwei von vielen Fragen, die nach der Demonstration in Berlin offen bleiben.

  • Warum machte Michael Ballweg „Q“ auf der größten Bühne, die ihm bislang zur Verfügung stand, zum Thema?
  • War ihm dabei bewusst, dass Experten seit längerem vor der Gefahr warnen, die von der QAnon-Bewegung ausgeht? Dass Morde und Mordversuche auf das Konto von QAnons gehen?
  • Welche von „Q“s Hinweisen fand Ballweg persönlich wertvoll?
  • Und wie passen die antisemitischen Narrative, die von „Q“ und seinen Anhängern verbreitet werden, zum Selbstverständnis von „Querdenken 711“?

Die Antworten auf diese und weitere Fragen blieb Michael Ballweg bis Redaktionsschluss schuldig. Auf unsere Mail-Anfragen reagierte „Querdenken711“ über eine Woche lang, trotz Erinnerung, nicht. Telefonisch war unter der auf der Webseite der Initiative angegeben Nummer niemand zu erreichen, es lief lediglich eine Bandansage.

Vereint im Verschwörungsglauben?

„Q“ beendet seine kryptischen Beiträge häufig mit der Formel WWG1WGA – „where we go one, we go all“ (dt.: wo einer von uns hingeht, gehen wir alle hin). Auch Ballweg griff diese Formel in seiner Rede auf. Für ihn bedeute die Formel: „Wenn wir uns vereinen, dann entsteht eine Kraft, die unaufhaltsam ist.“

Der Treue seiner Anhänger kann der Mann, der Oberbürgermeister von Stuttgart werden will, sich offenbar sicher sein. Trotz seiner „Q“-Rede. Das lässt der Applaus vermuten, der darauf folgte. Auch etliche Beiträge in den einschlägigen Chatgruppen deuten in diese Richtung.

Fraglich bleibt dagegen, wie sich die „Querdenker“ nach dieser Rede noch glaubwürdig gegen den Vorwurf wehren wollen, sie wären Anhänger von Verschwörungserzählungen.

Was haben Donald Trump, ein rechtsextremer Reichsbürger aus dem Rems-Murr-Kreis und das „Querdenken711“-Oberhaupt Michael Ballweg gemeinsam? Sie alle verbindet eine Verschwörungsideologie, die reale Gefahren birgt. Und sich immer weiter ausbreitet.

Der Stuttgarter Michael Ballweg, Initiator von „Querdenken711“, hat am 1. August in Berlin eine bemerkenswerte Rede gehalten. Während einer Großdemonstration unter dem Motto „Tag der Freiheit: Das Ende der Pandemie“ äußerte er sich vor 20

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