Rems-Murr-Kreis

Querdenker-Partei Die Basis: Wahlkampf mit Antisemitismus und Verschwörungserzählungen (Kommentar)

Anti-Corona Demonstration, Duesseldorf, Nordrhein-Westfalen, Deutschland
Mikrobiologe Sucharit Bhakdi wird in der "Querdenker"-Szene regelrecht verehrt. Die Aufnahme stammt von einer "Corona-Demo" in Düsseldorf am 20. September 2020.
© DPA/Rupert Oberhäuser

Bei CDU und Grünen geht es im Bundestagswahlkampf gerade um Themen wie Korruption, Krisenmanagement oder korrektes Zitieren. Währendessen erfüllt Die Basis, die auch im Rems-Murr-Kreis sehr aktiv ist, alle Befürchtungen, die man einer "Querdenker"-Partei gegenüber haben könnte.

Nehmen wir den Bundestagskandidaten und Mikrobiologen Sucharit Bhakdi, der in der Corona-Krise mehrfach mit irreführenden und falschen Behauptungen zum neuartiven Virus aufgefallen ist. Ein Interview-Schnipsel, der auf Twitter die Runde machte, sorgt aktuell wegen antisemitischer Inhalte für Aufsehen.

In dem kursierenden Ausschnitt spricht Bhakdi über die Corona-Impfung, den Staat Israel, Jüdinnen und Juden. „Die Israelen [sic!] können nicht mehr flüchten, das Land ist zu“, behauptet der Basis-Mann, der die Impfung für lebensgefährlich hält.

Sucharit Bhakdi: Offen antisemitische Aussagen

„Ich wurde mal gefragt von einem Amerikaner, was ich zu Israel zu sagen habe“, leitet Bhakdi dann das Folgende ein. Er sei ein „Juden-Bewunderer“ gewesen, habe jüdische Musiker verehrt. Und heute? Nun, heute verharmlost er den Holocaust, den Nationalsozialismus und spricht offen antisemitisch.

Im Originalton klingt das so: „Das Volk, das geflüchtet ist aus diesem Land – aus diesem Land! –, wo das Erzböse war, und haben ihr Land gefunden, haben ihr eigenes Land verwandelt, was noch schlimmer ist als Deutschland war. Das ist doch unfassbar!"

Und so: "Und dann hab' ich dem Amerikaner gesagt: Das ist das Schlimme an den Juden. Sie lernen gut. Es gibt kein Volk, das besser lernt als sie. Aber sie haben das Böse jetzt gelernt. Und umgesetzt. Und deswegen ist Israel jetzt living hell. Die lebende Hölle.“

Worauf das alles abzielte: Mobilisierung. Die Deutschen müssten Widerstand leisten, um nicht auch bald in der "Hölle" aufzuwachen, meint Bhakdi.

Reaktionen auf Bhakdis Interview: Klare Kante und lahme Ausflüchte

Die Reaktionen auf das Video folgten prompt.

Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg, wies auf Twitter mehrfach darauf hin, dass es nicht das erste Mal gewesen sei, dass Sucharit Bhakdi sich antisemitisch geäußert habe.

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der jüdischen Gemeinde zu Berlin, stellte Strafanzeige wegen Volksverhetzung.

Der Goldegg-Verlag, in dem Bhakdi zuvor noch seine abseitigen Corona-Thesen in Buchform hatte veröffentlichen dürfen, trennte sich von seinem Autor.

Und seine Partei Die Basis? Die wies den Antisemitismus-Vorwurf erst mal zurück und meinte, der Ausschnitt sei aus dem Zusammenhang gerissen.

Opferrolle rückwärts: Wie Die Basis auf die Vorwürfe reagiert

Nur: In welchem Zusammenhang sollen diese Sätze nicht antisemitisch sein? Die anderthalbstündige Langfassung des Videos liefert diesbezüglich keine Erkenntnisse.

Die Partei veröffentlichte am Dienstag (20.07.) auf die Nachfrage unserer und anderer Redaktionen hin ein ausführliches Pressestatement. Der Grundtenor bleibt derselbe: Der "renommierte Virologe" – Bhakdi ist kein Virologe – sei kein Antisemit, der Kontext fehle.

Perfide ist, wie Die Basis das ausführt. Die Aussagen Bhakdis werden mit "der Sorge um die Menschen in Israel" erklärt. Er sei kein Muttersprachler und habe hier vor allem die Regierung in Israel für ihren politischen Kurs kritisieren wollen.

Antisemitische Sätze aus Nächstenliebe? Die Regierung Israels statt "die Juden" als Adressat? Das passt selbst mit zwei zugedrückten Augen nicht zu dem, was er im Video sagt – ob Lang- oder Kurzfassung.

Die Partei stellt sich und Bhakdi darüber hinaus als Opfer einer medialen Kampagne durch die öffentlich-rechtlichen Medien dar (tagesschau.de hatte berichtet), die viele Menschen "verwirrt" habe. Man werde deshalb weiter über "mediale Manipulation [...] aufklären".

Nach einem Verweis auf die Satzung der Partei, die totalitäre Positionen ausschließe, bekräftigt man, an Bhakdi als Bundestagskandidaten festhalten zu wollen.

Sucharit Bhakdi selbst meldete sich auf unsere Anfrage hin nicht zu Wort.

Fuellmichs Hochwasser-Verschwörug: Der Anwalt und seine Piloten-Freunde

Der emeritierte Professor, von dem sich seine ehemalige Universität distanzierte, ist nicht der einzige Basis-Kandidat, der dieser Tage unangenehm auffiel.

"Querdenker"-Anwalt Reiner Fuellmich behauptete in einem Video zum katastrophalen Hochwasser in Nordrhein-Westfalen, er habe "ganz neue Informationen bekommen", dass es "künstlich herbeigeführt" worden sein "könnte", um die dadurch entstandenen Bilder für Wahlkampfzwecke zu nutzen.

Das "Könnte" betont er mehrfach – was nichts daran ändert, dass sich seine Aussagen klar im Bereich der Verschwörungserzählung bewegen. Belege liefert er keine, gibt aber an, von irgendwelchen Piloten prüfen zu lassen, ob "Geo-Engineering" im Spiel sei.

Die bittere Ironie: Fuellmich, der Politikern vorwirft, eine bewusst herbeigeführte Katastrophe für ihre Agenda zu instrumentalisieren, instrumentalisiert hier eine Katastrophe für seine Agenda.

Überhaupt versucht die "Querdenker"-Szene gerade mit allen Mitteln, das Leid in den Krisengebieten für sich zu nutzen. Entgegen allen Warnungen von Behörden und Einsatzkräften reisen sie dorthin, behindern die Arbeit der Helferinnen und Helfer und verbreiten Verschwörungserzählungen.

Auch Reiner Fuellmich lässt eine Mail-Nachfrage unserer Redaktion unbeantwortet. Die Partei, für die er gerne in den Bundestag einziehen würde, schreibt: "Zu den individuellen Beweggründen einzelner Personen können wir, für gewöhnlich, keine Stellung nehmen." Man habe die Anfrage weitergeleitet.

"Schwarmintelligenz": Die Basis ohne Basis

Dass Die Basis tatsächlich demnächst im Parlament in Berlin vertreten sein wird, ist auch unabhängig von den jüngsten Entgleisungen unwahrscheinlich.

Bei der Landtagswahl in der Basis-Hochburg Baden-Württemberg, wo unter anderem die "Querdenken 718 Schorndorf"-Mitorganisatorin Brigitte Aldinger antrat, erreichte die Partei gerade einmal ein Prozent der Stimmen.

Bei der Bürgermeisterwahl in Berglen erhielt Basis-Kandidat Joachim Reymann kürzlich 1,54 % der Stimmen. In Aalen hatte sich parallel der Alfdorfer Gastwirt Stefan Schmidt für Die Basis um das Amt des Oberberbürgermeisters beworben. Und lag am Ende bei einem Prozent.

Eine der vier Säulen, auf die Die Basis setzt, ist die "Schwarmintelligenz". Die Partei definiert diese als "die Weisheit der vielen". Angesichts solcher Wahlergebnisse sollten die Verantwortlichen eigentlich ins Grübeln kommen. Aber vielleicht ist das auch einfach zu sehr geradeaus gedacht.

Bei CDU und Grünen geht es im Bundestagswahlkampf gerade um Themen wie Korruption, Krisenmanagement oder korrektes Zitieren. Währendessen erfüllt Die Basis, die auch im Rems-Murr-Kreis sehr aktiv ist, alle Befürchtungen, die man einer "Querdenker"-Partei gegenüber haben könnte.

Nehmen wir den Bundestagskandidaten und Mikrobiologen Sucharit Bhakdi, der in der Corona-Krise mehrfach mit irreführenden und falschen Behauptungen zum neuartiven Virus aufgefallen ist. Ein Interview-Schnipsel,

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