Rems-Murr-Kreis

Querdenker-Szene: Journalist Matthias Meisner über die Radikalisierung der Mitte

Corona Demo Stuttgart Querdenker Querdenken
"Querdenker"-Demo in Stuttgart am 3. April 2021. © Gabriel Habermann

Der Journalist Matthias Meisner hat gemeinsam mit seiner Kollegin Heike Kleffner das Buch „Fehlender Mindestabstand“ herausgegeben – eine Bestandsaufname der Corona-Proteste und der drum herum entstandenen Querdenker-Szene. Mit dem Journalisten Dietrich Krauß, der einen Text beisteuerte, wird er am Donnerstag (21.10., 19.30 Uhr) in der Manufaktur Schorndorf darüber sprechen, wie Coronaleugner unsere Demokratie bedrohen.

Herr Meisner, Sie haben mit Heike Kleffner ein Buch zur Szene der Coronaleugner und Querdenker herausgegeben, das Sie am Donnerstag in der Manufaktur vorstellen möchten. Im Rems-Murr-Kreis verliert die Szene zunehmend an Einfluss, die Großdemonstrationen in Stuttgart scheinen der Vergangenheit anzugehören, führende Köpfe der Bewegung bekriegen sich untereinander oder setzen sich ins Ausland ab – ist „Querdenken“ am Ende?

Vielleicht ist die Organisation „Querdenken“ am Ende, aber der Protest gegen die Corona- Maßnahmen ist nach unserer Beobachtung nicht am Ende. Im Gegenteil: Er radikalisiert sich sogar. Zum einen auf der Straße, zum anderen im Netz. Der traurige Höhepunkt war der Mord an Alex W. in Idar-Oberstein, der an der Tankstelle einen Kunden auf die Maskenpflicht hinwies und anschließend von ihm mit der Pistole niedergestreckt wurde.

Sie und Ihre Mitherausgeberin haben bereits vor Monaten vor der Radikalisierung der Querdenker-Szene gewarnt. Dann kam Idar-Oberstein. Wo stehen wir heute?

Zunächst war das Hauptproblem, dass sich Menschen aus der bürgerlichen Mitte beteiligten und sich nichts daraus machten, dass Neonazis vornweg- oder mitliefen. Inzwischen merken wir mehr und mehr, dass sich Menschen aus der bürgerlichen Mitte radikalisieren, immer wütender werden, immer weniger ein Blatt vor den Mund nehmen, aggressiver werden.

Ein Beispiel aus den vergangenen Tagen: Da postete eine Professorin der Westsächsischen Hochschule in Zwickau ein Foto, das 1941 auf dem Marktplatz in Altenburg entstanden ist. Es zeigt eine an den Pranger gestellt Frau, der „Rassenschande“ bezichtigt, mit einem Schild: „Ich bin aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen!“. Der Kommentar der Professorin war: „Für alle, die 3G, 2G oder 1G gut finden“ – ein aberwitziger Nazi-Vergleich.

In dem Buch geht es, das verrät schon der Untertitel, um die „Netzwerke der Demokratiefeinde“. Wer sind Ihrer Erfahrung nach wichtige Verbündete der Querdenker- Szene, die deren Ideologie auch außerhalb der eigenen Blase Gehör verschaffen – und sie damit vielleicht auch ein Stück weit normalisieren?

Das reicht von einschlägig rechtsextremen Gruppen wie der neonazistischen Kleinstpartei Der III. Weg und der AfD, die die Rolle des parlamentarischen Arms der Coronaleugner-Bewegung eingenommen hat, über Impfskeptiker hin zu Esoterikern. Es ist ein sehr, sehr breites Spektrum. Das Misstrauen gegen den Staat, gegen eine vermeintliche „Corona-Diktatur“, ein angebliches „Merkel-Regime“, hat in den Corona- Protesten einen Katalysator gefunden.

Wir hatten kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass ein Mann, der für das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg tätig war, zum engeren Kreis der Initiative „Querdenken 711“ gehört. Weitere Fälle aus Sicherheitsbehörden oder Schulen im Land sind mittlerweile bekannt geworden. Wie gefährlich ist das? Und nehmen die zuständigen Stellen solche Fälle ernst genug?

Heike Kleffner und ich haben schon 2019 ein Buch über Rechtsextreme in Sicherheitsbehörden herausgegeben (Titel: „Extreme Sicherheit“). Das ist ein staatlicherseits lange vernachlässigtes Problem. In den Verfassungsschutzberichten stand über Jahre keine Zeile dazu. Und natürlich ist es alarmierend, wenn Polizisten sich plötzlich an der Seite von Corona-Demonstranten wiederfinden, und Bürger nicht mehr das Gefühl haben, ausreichend geschützt zu sein.

Aber es gibt beides: Neben den Polizisten, die Corona-Demonstrationen organisiert oder daran mitgewirkt haben, gibt es auch Polizisten, die solche Demos aufgelöst haben, weil die Auflagen nicht eingehalten wurden, und die dann attackiert wurden. Ein Beispiel: Ein Berliner Polizist und seine Familie wurden nach einer Querdenker-Großdemonstration bedroht. Auf einem Blog wurde gefordert: „Nagelt den Wixer an ein Kirchentor“.

Einer der zentralen Aktivsten der „Querdenker“-Szene aus unserer Region hat gerade bekanntgegeben, er wolle nach Sachsen ziehen. Dort seien die Menschen „widerstandsfähiger“. Welche Unterscheide gibt es – auf die Szene bezogen – zwischen Baden-Württemberg und dem Freistaat?

Unser Buch beginnt mit dem Text von Dietrich Krauß: „Warum ‚Querdenken‘ eine Stuttgarter Vorwahl hat“. Es gab im Südwesten zahlenmäßig sehr starke Mobilisierungen. Nicht nur in Stuttgart, sondern auch in vielen kleineren Städten. Allerdings ist es Rechtsextremen in Ostdeutschland, vor allem in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, gelungen, die Szene stark zu dominieren. Das ist in dieser verschärften Form nach unserem Eindruck in den westdeutschen Bundesländern nicht der Fall. Da spielt wohl auch eine Rolle, dass es im Osten starke Anknüpfungspunkte an die Pegida-Demonstrationen gibt.

Im Buch warnen Heike Kleffner und Sie, die Proteste im Rahmen der Pandemie könnten die „Koordinaten politischen Handelns und gesellschaftlichen Zusammenlebens verschieben“. Ist das gelungen? Was hat sich durch "Querdenken" & Co. verändert?

Das Misstrauen gegenüber dem Staat, aber auch das Misstrauen gegenüber Medien ist in anderthalb Jahren Corona-Pandemie extrem gewachsen. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass sich das gegen so viele zahlenmäßig große Gruppen entlädt: Kommunalpolitiker, medizinisches Personal, Mitarbeiter in Teststationen und viele mehr. Dass in bestimmten Bundesländern Polizisten teilweise Schulen absichern müssen, damit dort Corona-Tests stattfinden können – gesellschaftliche Verwerfungen solcher Art sind noch schlimmer, als wir uns das bei Erscheinen des Buches im April haben vorstellen können.

Die Pandemie wird irgendwann – hoffentlich – unseren Alltag nicht mehr so stark bestimmen, wie sie es gerade immer noch tut. Wie geht es dann mit der Querdenker-Szene weiter?

Die Szene wird sich neue Themen suchen. Eines ist schon in Sicht: die Zweifel am menschengemachten Klimawandel. Da gibt es jetzt schon Überschneidungen. Karsten Hilse, AfD-Abgeordneter aus Bautzen, der im „Querdenken“-Shirt am Rednerpult des Bundestages auftrat, ist beispielsweise auch eine wichtige Figur in der Klimawandelleugner-Szene. Die Wut wird nicht weg sein, bloß weil die Pandemie irgendwann vorbei ist.

Der Journalist Matthias Meisner hat gemeinsam mit seiner Kollegin Heike Kleffner das Buch „Fehlender Mindestabstand“ herausgegeben – eine Bestandsaufname der Corona-Proteste und der drum herum entstandenen Querdenker-Szene. Mit dem Journalisten Dietrich Krauß, der einen Text beisteuerte, wird er am Donnerstag (21.10., 19.30 Uhr) in der Manufaktur Schorndorf darüber sprechen, wie Coronaleugner unsere Demokratie bedrohen.

Herr Meisner, Sie haben mit Heike Kleffner

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