Rems-Murr-Kreis

Radikalisierung der Querdenker-Szene – was auf uns zukommt (Kommentar)

Querdenker Demo Waiblingen Querdenken Corona
Polizeibeamte beobachten eine Querdenker-Demo in Waiblingen (Symbolfoto). © ZVW/Benjamin Büttner

Ich beobachte für den Zeitungsverlag Waiblingen seit eineinhalb Jahren Querdenker-Telegram-Kanäle. Aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, aber mit Schwerpunkt auf dem Rems-Murr-Kreis und die Region Stuttgart.

Mit der vierten Welle und der Zuspitzung der Corona-Lage hat sich der Tonfall in diesen Kanälen merklich verändert: Noch nie standen die Zeichen so deutlich auf Gewalt wie jetzt.

Worauf wir uns meiner Meinung nach jetzt gefasst machen müssen – eine Analyse.

Ausgangssituation: Der radikale Kern und die Angst vor der Impfung

Die Szene hat sich seit längerem radikalisiert. Zurück blieb der harte Kern. Die Querdenker, die sich jetzt noch in Telegram-Kanälen bewegen, haben in der Regel ein geschlossenes verschwörungsideologisches Weltbild. Informationen von außerhalb der Blase dringen nicht mehr durch. Wer zweifelt, wird häufig ausgeschlossen.

Relevant ist hier vor allem die Einstellung zur Covid-Impfung: Ein erheblicher Anteil der Querdenker auf Telegram geht offenbar davon aus, dass diese den Tod zur Folge hat. Direkt oder indirekt.

Lieber tot als geimpft: "Wenn mit mir was ist, dann einfach liegen lassen"

Ein Beispiel: Ich habe vor wenigen Tagen die Sprachnachricht eines hustenden, jungen Mannes gehört, der nach eigener Aussage nicht mehr zu Ärzten geht. Das wohl traurigste Zitat daraus: "Wenn ich sterbe, dann soll Gott mich holen. Und keine Impfung. Und niemand anderes. Deswegen, ich bin schon an so einem Punkt angekommen, wo ich sage: Wenn mit mir was ist, dann einfach liegen lassen."

Ähnliches begegnet mir zurzeit häufiger. Man kann sich jetzt vorstellen, was die Diskussion um eine Impfpflicht in Querdenker-Kanälen auslöst. Wer hinter der Impfung eine "Giftspritze" oder "Todesspritze" vermutet, wird sich natürlich nicht impfen lassen wollen. Und mit aller Gewalt Widerstand leisten.

Frustration macht sich breit: Wo bleiben die Tribunale?

Hinzu kommt allgemeine Frustration: Seit eineinhalb Jahren ist man im "Widerstand" aktiv, auf der Straße, unterschreibt Petitionen, spendet, verbreitet Verschwörungserzählungen, um Menschen die "Augen zu öffnen", bricht mit Freunden und Familie.

Und doch sind die Menschen, die man hinter der angeblich geplanten Pandemie vermutet, nicht im Gefängnis, es gibt keine "Tribunale", keine Neuauflage der Nürnberger Prozesse. Nichts, was die Köpfe der Querdenker-Szene versprochen haben, ist eingetreten.

Die Durchhalteparolen, das „Kartenhaus“ würde bald in sich „zusammenfallen“, verlieren zunehmend an Wirkung. Der Tenor auf allen Kanälen: Es muss etwas passieren. Jetzt.

Die Macht der Bilder: Eine radikale Minderheit überschätzt ihre Größe

Der Glaube, jetzt sei ein entscheidender Zeitpunkt für die Protestszene gekommen, wird auch durch Bilder befeuert.

Bilder aus Sachsen, wo teilweise Tausende Querdenker und Rechtsextremisten durch die Straßen ziehen und demonstrieren. Bei schwindelerregenden Inzidenzen. Manchmal, wie zuletzt in Freiberg, sogar komplett ohne Polizeibegleitung.

Bilder aus europäischen Nachbarländern, wo es teilweise zu gewaltsamen Ausschreitungen kam.

Bilder von protestierenden Menschen im Tausende Kilometer entfernten Australien.

All das wird in den Kanälen geteilt. Die Botschaft dahinter: Schaut her, wir sind viele. Schaut her, die Menschen sind auf unserer Seite. Schaut her, überall wird der Aufstand geprobt. Worauf warten wir noch?

Gewalt und Tötungsfantasien: Schluss mit Friedensbewegung

Soweit die Ausgangslage. Schon länger wird in den Telegram-Kanälen darüber diskutiert, wie sinnvoll friedliche Demonstrationen sind. Tenor: Wenn sich doch nichts geändert hat in all der Zeit, ist diese Protestform dann nicht ungeeignet?

Ging es dabei anfangs noch um die Frage, ob man Musik und Tanz vielleicht von den Bühnen verbannen sollte, werden jetzt handfeste Alternativen diskutiert. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich stoße bei der Recherche zur Querdenker-Szene zurzeit häufig auf Gewalt- und Tötungsfantasien. Teilweise mit konkret benannten Zielen. In öffentlichen Telegram-Kanälen.

Verbaler Ausnahmezustand: "Die Säcke über den Haufen schießen"

Ein paar Beispiele:

„Diese ganzen korrupten Politiker, die müssen alle am Galgen baumeln!“

„Einfach mal fünfe gerade sein lassen und die Säcke über den Haufen schießen!“

„Im Ausnahmezustand […] ist es per Gesetz möglich, Hochverräter standrechtlich zu erschießen.“  

Träume vom Bürgerkrieg: Molotowcocktails und Verabredung zum Mord

Das sind noch die allgemein gehaltenen Beiträge. Im Kanal eines „Vereins ungeimpfter Menschen“ haben sich zuletzt Nutzer dazu verabredet, Markus Söder zu „impfen, bis er […] verreckt“. Eine Nutzerin „könnte sie alle da oben einzeln umbringen […], vor allem diese […] Merkel.“ Man träumt von Bürgerkrieg, brennenden Städten und Molotowcocktails, die auf Jens Spahns Villa fliegen.

Da fragt man sich: Wie sicher müssen sich diese Menschen auf Telegram fühlen, um solche Beiträge abzusetzen?

Mord in Idar-Oberstein: Die Gewalt ist längst real

Die angespannte Ausgangssituation macht die Umsetzung solcher Fantasien meiner Einschätzung nach wahrscheinlicher: Wer glaubt, eine Impfpflicht käme einem Todesurteil gleich, hat nichts zu verlieren. Aus der Opferrolle wird eine Märtyrerrolle.

Parallel dazu gibt es bereits reale Gewalttaten: den Mord in Idar-Oberstein. Angriffe auf Impfteams, Journalisten, Polizisten, Morddrohungen gegen Ärzte, Politiker und Wissenschaftler, Anschläge auf Impfzentren. Diese Taten haben Signalwirkung.

Ein Ausblick: Warum die Gewalt wohl zunehmen wird

Wo steuern wir hin?

Die Gewalt wird meiner Einschätzung nach weiter zunehmen. Auch wenn viele Querdenker auf Telegram weiterhin Gewalt ablehnen und jetzt offenbar nach Wegen suchen, das Land zu verlassen – oder auf anderem Weg aus der Gesellschaft auszusteigen.

Denn: Wir haben es hier mit einer radikalen, gewaltbereiten Minderheit mit geschlossenem verschwörungsideologischen Weltbild zu tun, die das Gefühl hat, mit dem Rücken zur Wand zu stehen.

Corona-Notlage: Maßnahmen erhöhen den Handlungsdruck

Die aktuelle Corona-Notlage wird noch über Wochen verschärfte Maßnahmen erfordern. Maßnahmen, die in der Querdenker-Szene mit Ängsten verbunden sind. Das erhöht den Handlungsdruck.

Und auch wenn es Berufsgruppen und Einrichtungen gibt, die durch Querdenker besonders gefährdet sind: Dieser Druck kann sich jederzeit entladen, die mögliche Gewalt sich gegen nahezu jeden richten.

Idar-Oberstein hat gezeigt: Es kann jeden treffen

Das hat auch Idar-Oberstein gezeigt. Wenige Stunden, nachdem ein Maskenverweigerer dort einen 20-Jährigen erschossen hatte, sprach er laut der Süddeutschen Zeitung lange mit der Polizei. Dabei soll er gesagt haben: „An Frau Merkel komme ich nicht ran.“

Ich fürchte, wir steuern nicht nur im Hinblick auf die Corona-Lage einem düsteren Winter entgegen.

Ich beobachte für den Zeitungsverlag Waiblingen seit eineinhalb Jahren Querdenker-Telegram-Kanäle. Aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, aber mit Schwerpunkt auf dem Rems-Murr-Kreis und die Region Stuttgart.

Mit der vierten Welle und der Zuspitzung der Corona-Lage hat sich der Tonfall in diesen Kanälen merklich verändert: Noch nie standen die Zeichen so deutlich auf Gewalt wie jetzt.

Worauf wir uns meiner Meinung nach jetzt gefasst machen müssen – eine

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