Rems-Murr-Kreis

Razzien nach Angriff auf Daimler-Betriebsrat: Was das "Zentrum Automobil" mit dem Rems-Murr-Kreis verbindet

Mercedes Stern
Symbolbild: © Daimler-Chrysler

Mitte Mai hatte eine Gruppe von mutmaßlich Linksautonomen einen Daimler-Betriebsrat und zwei weitere Mitglieder der rechtslastigen Arbeitnehmervertretung „Zentrum Automobil“ am Rande einer „Querdenken-711“-Demo gegen die Corona-Beschränkungen auf dem Cannstatter Wasen überfallen. Der Betriebsrat wurde schwerst verletzt. Er ist auf dem Weg der Besserung. Am Donnerstag (02.07.) haben Hunderte Polizisten die Wohnungen von neun Tatverdächtigen durchsucht, darunter in Fellbach und Waiblingen, sowie eine Person verhaftet. Die Vorwürfe lauten Landfriedensbruch und versuchter Totschlag.

Nicht nur wegen der Durchsuchungen von Wohnungen in Fellbach und Waiblingen gibt es in dem Fall einige Verbindungen in den Rems-Murr-Kreis. Die Fäden des „Zentrum Automobil“ werden in Althütte gezogen. Dort ist Olivier Hilburger zu Hause. Kopf des Zentrums Automobil, das sich selbst als „Opposition zu den gekauften Einheitsgewerkschaften“ versteht. Hilburger ist seit 2010 freigestellter Betriebsrat bei dem Automobilkonzern und war einstmals Bassist der Nazi-Band „Noie Werte“ mit engen Verbindungen zum NSU. Grund genug, dass selbst die AfD Hilburger nicht als Mitglied in ihren Reihen dulden wollte und seinen Aufnahmeantrag 2015 ablehnte. Was seine Kontakte zu den Vertreter des „Flügels“, der inzwischen vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingeschätzt wird, freilich keinen Abbruch tat. So trat er 2017 neben Größen von Pegida und der Identitären Bewegung bei einer Kundgebung in Zwickau auf und war Hauptredner bei einer Konferenz des Magazins „Compact“ unter dem Motto „Opposition heißt Widerstand!“ in Leipzig.

Tief erschüttert“ und „fassungslos“

Oliver Hilburger war es auch, der wenige Tage nach Überfall am 16. Mai in einen durchaus professionell erstellten Video zum Angriff überging. „Tief erschüttert“ und „fassungslos“ beklagte er zunächst den Überfall auf den Kollegen und sprach von Mordversuch. Dann setzte er zum Rundumschlag an. Nicht nur „linksextremistische Terrorgruppen“ seien verantwortlich für die Attacke. Den Boden für den Überfall durch die „Antifa-Schlägertruppen“ habe die Hetze gegen das Zentrum bereitet.

Als Mittäter machte er die IG Metall ebenso aus wie linke Journalisten, das Daimler-Management, das Stuttgarter Rathaus und selbst die Polizei. Das Video suggeriert durchaus gekonnt, dass die Polizei die Überfallenen absichtlich nicht geschützt habe und sie deshalb in einen Hinterhalt gerieten. Die Stadt Stuttgart haben ihren Teil dazu beigetragen, weil sie grundlos die Parkplätze auf dem Wasen gesperrt habe, so dass die Teilnehmer von den ausgewiesenen Parkplätzen an der Mercedes-Benz-Straße zu Fuß auf den Wasen laufen mussten, wo die Demo stattfand.

Von der Rechtsrock-Band "Noie Werte" zum Betriebsrat bei Daimler

Der Kopf des Zentrums Automobil ist ein durchaus schillernder. Hilburger hatte fast 20 Jahre lang in der Rechtsrock-Band Noie Werte gespielt, bei Konzerten waren im Publikum massenweise Hände zum Hitlergruß hochgeschnellt. Das Terrormord-Trio NSU verwendete Musik der Gruppe als Soundtrack eines Bekennervideos. Hilburger wurde deshalb 2017 als Zeuge in den baden-württembergischen NSU-Untersuchungsausschuss geladen. Dort erklärte er, von rechten Umtrieben bei Noie-Werte-Konzerte habe er nichts mitgekriegt. Und all die Arme, die sich im Publikum zum Hitlergruß reckten? Habe er nie gesehen; die Bühnenscheinwerfer blendeten so. Als bei Daimler im Jahr 2019 zwei Beschäftigte entlassen wurden, weil sie einen türkischen Kollegen mit rassistischen Whatsapps traktiert hatten, bezeichnete Hilburger die Kündigungen als „Skandal“ und „Willkür“.

Hilburger ist nicht der einzige Zentrums-Kopf mit einschlägiger Vita. Ein anderer, aus Schorndorf, war früher Bundesschatzmeister der Wiking-Jugend – die Organisation wurde 1994 verboten, wegen rassistischer, auf einen „Führerstaat nationalsozialistischer Prägung“ zielender Tendenz.

Das Zentrum Automobil hatte bei den Betriebsratswahlen 2018 sechs von 47 Sitzen im Werk Untertürkheim geholt. In der Belegschaft punkten Hilburger & Co. nicht zuletzt mit ihrer Kampagne gegen die „irrsinnigen Fahrverbote für Dieselautos“. O-Ton Zentrum: „Unsere Sorge um Arbeitsplätze, der Kahlschlag ganzer Produktionszweige durch die drohende Elektromobilität und der Wirtschaftskrieg gegen unsere ganze Lebensweise waren mehr als berechtigt... Es geht um das Gesamtproblem einer abgehobenen Elite, uns gleichzeitig aller Möglichkeiten beraubt und wie ein Parasit von unserer Arbeit lebt.“

Bei den Durchsuchungen wurden laut Polizei Beweismittel beschlagnahmt

Laut einem Polizeisprecher wohnten in den am Donnerstagmorgen durchsuchten Objekten überwiegend bekannte Anhänger der linken Szene. Es seien Beweismittel beschlagnahmt worden. Ein politischer Hintergrund der Attacke war bereits nach dem Angriff auf die Demonstranten nicht ausgeschlossen worden. Die Polizei war von einem gezielten Angriff ausgegangen und hatte die unbekannten Täter im linksextremen Spektrum vermutet. Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) bezeichnete die Durchsuchungen als „bedeutenden Schritt zur Aufklärung“. Er verurteile brutale Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzung.

Bei dem Protest Mitte Mai hatten mehrere Tausend Menschen gegen die Corona-Beschränkungen demonstriert. Für Aufsehen hatte damals auch der Brand von mehreren Lastwagen einer Firma für Veranstaltungstechnik gesorgt. In den Fahrzeugen sollte nach Polizeiangaben die Technik für die Demonstration auf dem Cannstatter Wasen transportiert werden.

Mitte Mai hatte eine Gruppe von mutmaßlich Linksautonomen einen Daimler-Betriebsrat und zwei weitere Mitglieder der rechtslastigen Arbeitnehmervertretung „Zentrum Automobil“ am Rande einer „Querdenken-711“-Demo gegen die Corona-Beschränkungen auf dem Cannstatter Wasen überfallen. Der Betriebsrat wurde schwerst verletzt. Er ist auf dem Weg der Besserung. Am Donnerstag (02.07.) haben Hunderte Polizisten die Wohnungen von neun Tatverdächtigen durchsucht, darunter in Fellbach und Waiblingen,

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