Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kliniken in Corona-Not: "Im Dezember gehen wir in die Knie"

Klinikum Rems-Murr-Klinikum Winnenden
Klinikchef Dr. Marc Nickel sagt: Das Personal ist "ausgelaugt", die Lage drohe seine Leute „zu zerreißen". © Alexandra Palmizi

Dies ist ein Alarm-, fast schon ein Verzweiflungsschrei: Wenn die Politik nicht „schnell mutige Entscheidungen“ zur Bekämpfung der vierten Welle fällt, drohen die Rems-Murr-Kliniken „im Dezember in die Knie zu gehen“, warnen Klinikchef Dr. Marc Nickel und Landrat Dr. Richard Sigel. Die „Überlastung des Gesundheitswesens droht“. Die beiden fordern deshalb jetzt unter anderem Impfpflicht fürs Krankenhauspersonal und Maskenpflicht im Unterricht.

Eine krisenerprobte Einrichtung schlägt Alarm

„Wir können Krise“: Dieser Satz von Kliniken-Geschäftsführer Marc Nickel ist seit Beginn der Pandemie zum geflügelten Wort geworden. Doch nun wird auch für die Rems-Murr-Kliniken, die bislang tatsächlich recht gut durch die Krise gekommen sind und Großes geleistet haben, die Luft dünn: „Wir sehen, dass die Patientenzahlen seit Wochen steigen. Man muss kein Hellseher sein, um zu prognostizieren, dass wir – ohne Gegenmaßnahmen – im Dezember in die Knie gehen werden“, sagt Nickel.

Er regt an, „die Messparameter und Bewertungssysteme zu hinterfragen“. Denn derzeit gebe es zwei Probleme:

Zum einen werde die Inzidenz als sensibler Indikator, der drohende Szenarien frühzeitig anzeigt, „nicht genutzt“. Zum besseren Verständnis siehe dazu auch hier.

Zum anderen „signalisiert die Klinikampel zu spät“, wenn sich etwas zusammenbraut. Das hat sich zuletzt deutlich gezeigt: Erst am 3. November wurde in Baden-Württemberg die Warnstufe ausgelöst, weil mehr als 250 Intensivbetten belegt waren – nur wenige Tage später schoss der Wert aber bereits auf etwa 350. Jetzt ist die Krankheitswelle, die der Infektionswelle unabweislich folgen wird, bereits nicht mehr aufzuhalten.

Das Personal, sagt Nickel, sei nach mehreren Wellen mit monatelangen Phasen im Ausnahmezustand und an der Belastungsgrenze „ausgelaugt“. Die Lage drohe seine Leute „zu zerreißen. Schließlich ist es dramatisch, wenn wichtige Operationen oder Behandlungen, zum Beispiel von Krebspatienten, wegen der Belastung durch Covid-Patienten verschoben werden müssen.“

Impfpflicht für Klinikpersonal?

Nickel geht aber noch weiter: „Wir brauchen dringend eine Impfpflicht für Klinikmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Und wir brauchen ein bundesweites Impfkonzept, welches das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt, nicht das Individuum. Länder wie Spanien und Portugal sind uns da voraus: Impfquoten von über 80 Prozent – und entsprechend niedrige Inzidenz.“

Auch der Chefarzt der Interdisziplinären Notaufnahme Winnenden, Dr. Torsten Ade, sieht in einer massiven Ausweitung der Impfkampagne mit Boosterimpfungen die einzige Möglichkeit, die Pandemie langfristig einzubremsen. Weil das „allerdings eine Weile dauern“ werde, mahnt Ade: „Kurzfristig müssen sich alle strikt an die Hygienemaßnahmen halten und wieder mehr Abstand zueinander nehmen.“

Um die Impfkampagne neu zu beleben, plant das Landratsamt nun zahlreiche mobile Impfaktionen. „Es war keine Fehlentscheidung, die Impfzentren zu schließen“, findet Landrat Richard Sigel – aber es sei „eine Fehleinschätzung“, zu glauben, „dass die notwendigen Impfungen ohne weiteres durch die ambulanten Strukturen leistbar sind“.

Impfungen für Kinder unter 12?

Angedacht seien auch Impfaktionen für Kinder unter 12 Jahren, sobald diese zugelassen seien, sagt Sigel. „Kindern und Jugendlichen schnell ein Impfangebot zu machen, war uns schon bei der Zulassung des Impfstoffs für 12- bis 17-Jährige wichtig.“ Prof. Dr. Ralf Rauch, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin am Rems-Murr-Klinikum Winnenden, ergänzt: „Sobald die Zulassung da ist und die Eltern das wollen, werden wir Impfaktionen in der Kinderklinik für Kinder unter 12 machen.“

Dr. Jens Steinat, Pandemiebeauftragter der Kreisärzteschaften, lag mit seinen Prognosen schon oft richtig – die dritte Welle im Frühjahr 2021 zum Beispiel prophezeite er schon Monate vorher; nun warnt er: „Ich sehe das ambulante und stationäre System vor allem in Hochinzidenzgebieten schon jetzt am Rande der Überlastung.“ Derzeit zeige sich „leider, dass die Politik auf Landes- und Bundesebene die Belastungen des ambulanten medizinischen Sektors nicht ausreichend wahrnimmt und in ihre Überlegungen bezüglich weiterer Maßnahmen nicht mit einbezieht. Je höher die Infektionsraten, desto weniger Zeit haben wir für die so wichtigen Corona-Schutzimpfungen und die Regelversorgung. Wenn man schon seit Monaten im maximalen Leistungsbereich arbeitet, dann kann man irgendwann nicht noch mehr leisten.“

Maskenpflicht im Unterricht?

So kann es nicht weitergehen, findet der Landrat – und fordert von der Politik deshalb auch, die Maskenpflicht im Unterricht wieder einzuführen: „Die Corona-Fallzahlen sind so hoch wie noch nie, und die Belastung in den Kliniken steigt spürbar an. Trotzdem gilt etwa in den Schulen trotz geringer Impfquote keine Maskenpflicht – das ist schwer miteinander vereinbar.“

Dies ist ein Alarm-, fast schon ein Verzweiflungsschrei: Wenn die Politik nicht „schnell mutige Entscheidungen“ zur Bekämpfung der vierten Welle fällt, drohen die Rems-Murr-Kliniken „im Dezember in die Knie zu gehen“, warnen Klinikchef Dr. Marc Nickel und Landrat Dr. Richard Sigel. Die „Überlastung des Gesundheitswesens droht“. Die beiden fordern deshalb jetzt unter anderem Impfpflicht fürs Krankenhauspersonal und Maskenpflicht im Unterricht.

Eine krisenerprobte Einrichtung schlägt

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