Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kliniken machen 18 Millionen Euro Verlust

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Symbolfoto. © Alexandra Palmizi
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Der Wendepunkt ist erreicht: Landrat Richard Sigel und Geschäftsführer Marc Nickel präsentierten bei einem Pressegespräch eine Zwischenbilanz ihrer Bemühungen, die Rems-Murr-Kliniken aus den roten Zahlen zu führen.
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Schön – und ganz schön teuer ist das Rems-Murr-Klinikum in Winnenden im Rückblick geworden. Zu teuer aus Sicht der Geschäftsführer.

Winnenden/Schorndorf. „Wir machen einen Haken an die Vergangenheit“, sagt Dr. Marc Nickel, Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken. „Wir schauen nach vorn.“ Der Haken, den Nickel und Landrat Dr. Richard Siegel an die Vergangenheit machten, hat jedoch gewaltige Ausmaße. Es handelte sich schlicht um eine Generalabrechnung mit all den Fehlern, die bei Planung, Bau und Betrieb des Klinikums Winnenden gemacht wurden.

„Wichtiger Meilenstein für die Rems-Murr-Kliniken erreicht“ war die Einladung für das Pressegespräch am Montagvormittag überschrieben. Der Tagesordnungspunkt bei der Kreistagssitzung am Nachmittag in Auenwald lautete nüchtern „Nachförderung Rems-Murr-Klinik Winnenden und Sachstandsbericht zur Medizinkonzeption“. Den Zeitpunkt für ihre Generalabrechnung haben Richard Sigel als Aufsichtsratsvorsitzender und Marc Nickel als Geschäftsführer klug gewählt. Sie legten bei der letzten Sitzung des Kreistags vor den Neuwahlen am 26. Mai ihre Erfolgsbilanz vor, nachdem sie beide 2015, wenige Monate nach der Eröffnung des Klinikums, ihre Ämter angetreten und damit eine gewaltige Baustelle übernommen hatten. Einen Schlamassel, der sich 2015 in Zahlen mit einem jährlichen Defizit der Kliniken von fast 28 Millionen Euro ausdrückte – und den im Übrigen der amtierende Kreistag ebenfalls nicht zu verantworten hat.

Woran machen sich die Erfolge der Medizinkonzeption fest?

Der Deutschland-Test der Zeitschrift „Focus“ kam Ende April gerade zum richtigen Zeitpunkt. Bei der Reputation von Krankenhäusern landeten die Rems-Murr-Kliniken auf einem herausragenden neunten Platz und ließen alle Krankenhäuser in der Region hinter sich. Für Marc Nickel ein „Ritterschlag“ und ein deutliches Zeichen, „es hat sich etwas getan“. Nickel und Sigel können aber nicht nur mit dieser durchaus hinterfragbaren Reputation punkten, die solchen Bewertungen zugrunde liegen. Sondern auch mit Zahlen (siehe unten: „Daten und Fakten“).

Was ist beim Neubau des Winnender Klinikums alles schief gelaufen?

Landrat Richard Sigel und Marc Nickel listeten en détail auf, in welchem Zustand sie die Kliniken übernommen haben. Das Wörtchen Misswirtschaft fiel zwar nicht, schwang aber im Raum mit. Vielleicht nicht das drängendste Problem, aber vermutlich eines der Ärgernisse, das die Patienten in Winnenden nach der Eröffnung Tag für Tag spürten, war das Essen. Es wurde am Krankenbett oft kalt serviert. Es stellte sich heraus, dass die gefroren gelieferten Speisen nicht zur angeschafften Aufwärmmethode passten. Das Essen also gar nicht richtig warm werden konnte. Die Kliniken investierten eine Million Euro in eine neue Speisenversorgung – und führten diese auch im Schorndorfer Krankenhaus ein.

Woher rühren die hohen Verluste der Rems-Murr-Kliniken?

Beim Neubau in Winnenden war Schorndorf nie mitbedacht worden. Es gab keine Standortgarantie für Schorndorf und auch kein zukunftsfähiges Konzept, das mit dem Land abgestimmt war, sagte Richard Sigel. Wie verfahren die Situation war, zeigte der Streit zwischen den Chefärzten über eine standortübergreifende Medizinkonzeption für beide Krankenhäuser. Er gipfelte darin, dass die Winnender Chefärzte die Existenz von Schorndorf gänzlich infrage stellten.

Rund 300 Millionen Euro hat das Rems-Murr-Klinikum gekostet. 100 Millionen Euro zu viel, bezifferte Marc Nickel den Luxusanteil des schönen, aber aus seiner Sicht viel zu aufwendigen Neubaus. Entsprechend niedrig fiel die Förderquote von rund 35 Prozent aus, mit dem das Land das Rems-Murr-Klinikum bezuschusste – üblich ist die Hälfte.

Damit nicht genug. Gebaut wurden einst 620 Betten – genehmigt waren nur 550. Doch die Hoffnung trog, dass das Sozialministerium die für 27 Millionen Euro gebauten 70 Extrabetten schon nachträglich genehmigen und bezuschussen werde. Die Folge war deshalb bis März 2018, dass die Betten zwar belegt wurden, aber die Kliniken die Behandlungen mit den Krankenkassen nur zum Teil abrechnen konnten.

Nachdem das Land die 70 Planbetten schließlich genehmigt hatte, gewährt es nun endlich auch die erhoffte Nachförderung, den „wichtigen Meilenstein für die Rems-Murr-Kliniken“: 9,85 Millionen Euro. Aber erst, so Sigel, nachdem die Kliniken und der Träger auch eine überzeugende Medizinkonzeption vorgelegt haben. Die sieht unter anderem vor, das Klinikum um weitere 47 Betten zu erweitern.

Warum hat niemand daran gedacht, dass das Klinikum in Winnenden eines Tages sogar erweitert werden muss?

Womit Sigel auf einen weiteren Planungsfehler beim Neubau zu sprechen kam. Niemand habe offenbar daran gedacht, dass die Parkplätze nicht ausreichen könnten. Und keiner sei auf die Idee gekommen, dass das Klinikum eines gar nicht so fernen Tages zu klein geraten sein könnte. Die vorhandenen Gebäude können nicht aufgestockt werden, so dass zwischen dem Ostflügel des Klinikums und dem Verwaltungsgebäude ein Neubau her muss, um das Klinikum um 47 Betten zu erweitern. Die Kosten bezifferte Sigel mit „20 Millionen Euro plus X“. Die Entscheidung wird dem neu gewählten Kreistag überlassen und auch erst, wenn das Sozialministerium sein Okay gegeben hat. Nach „finanziellen Abenteuern“ wie in der Vergangenheit steht weder Sigel noch Nickel der Sinn.



Winnenden.
Bis 2024 will Landrat Richard Sigel den Zielkorridor erreicht haben: nur noch jährlich zehn Millionen Euro Defizit der Rems-Murr-Kliniken. Eine „echte schwarze Null“ rücke damit im Jahr 2026 in den Bereich des Möglichen. Sigel sieht als Aufsichtsratsvorsitzender der Rems-Murr-Kliniken die beiden Krankenhäuser auf gutem Weg, schließlich hat sich der Verlust 2018 auf rund 18 Millionen Euro verringert.

Hauptgrund für das Defizit sind hohe Abschreibungen und die Finanzierung des überteuerten Neubaus in Winnenden, die jährlich mit rund 20 Millionen Euro zu Buche schlagen. Beim operativen Ergebnis, so Geschäftsführer Marc Nickel, haben sich die Kliniken 2018 schon der „schwarzen Null“ genähert und kippen im laufenden Jahr ins Plus. Doch von einer „echten schwarzen Null“ will Sigel erst sprechen, wenn die Krankenhäuser sich gänzlich selbst finanzieren und nicht mehr am Tropf des Kreises und damit der Steuerzahler hängen.

Die 2017 beschlossene Medizinkonzeption diene als Grundlage für die Weiterentwicklung der Kliniken, sagte Marc Nickel beim Pressegespräch. Mit Blick auf vier Jahre als Geschäftsführer beschrieb er den Zustand der Rems-Murr-Kliniken so: Die Operation sei gelungen, der Patient habe den OP-Saal verlassen und sei auf dem Weg der Gesundung. Mit Sparen allein sei es nicht getan gewesen, vielmehr sei viel Geld in Ärzte, Pflege und Organisation investiert worden.

Enge Zusammenarbeit bei Kardiologie und Gynäkologie

„Das Herzstück unserer Medizinkonzeption ist unsere medizinische Spitzenleistung“, so Nickel über die neuen Leistungsschwerpunkte wie die Endoprothetik, die in der medizinischen Champions League spiele, das Wirbelsäulenzentrum oder die Onkologie. Inzwischen arbeiten Schorndorf und Winnenden bei der Kardiologie und Gynäkologie eng zusammen. Die Notaufnahme in Winnenden, das Sorgenkind in den Anfangsjahren des Klinikums, habe sich zu einem Vorzeigekind entwickelt. Die Zusammenlegung von Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte und der Notaufnahme des Krankenhauses gelte heute als wegweisend für Baden-Württemberg.

Investiert haben die Kliniken auch ins Personal. Heute sind mit 2500 Mitarbeitern rund 300 mehr beschäftigt als 2014. „Wir kämpfen um Fachkräfte“, sagte Nickel. Mit der Krankenpflege- und Hebammenschule kümmern sich die Kliniken um die Ausbildung des eigenen Nachwuchses.

Den Hebel angesetzt hat Nickel eigenen Angaben zufolge auch bei der Organisation. Das Team, das er 2015 übernommen habe, funktionierte nicht. Es seien neue Strukturen geschaffen worden, unter anderem durch Klinikleiter, auch seien Prozesse überprüft und optimiert worden.

Weitere Investitionen notwendig 

Und der Kreis muss auch in den kommenden Jahren viel Geld in die Hand nehmen, um die beiden Kliniken fit für die Zukunft zu machen. Außer dem Neubau in Winnenden für die Station mit 47 Betten („20 Millionen Euro plus X“) sind zwei Parkhäuser für acht Millionen Euro geplant. Viel Geld wird auch die Sanierung des Krankenhauses in Schorndorf kosten. Nach dem Winnender Modell soll dort ebenfalls die interdisziplinäre Notaufnahme umgestaltet und die Schlaganfall-Versorgung verbessert werden.

Daten und Fakten

Die Rems-Murr-Kliniken sind auf einem guten Weg, so Landrat Richard Sigel und Geschäftsführer Marc Nickel beim Pressegespräch in Waiblingen. Wendepunkt war aus ihrer Sicht die standortübergreifende Standortkonzeption für die Kliniken in Winnenden und Schorndorf, die nach einem erbittert geführten Streit zwischen den Chefärzten beider Häuser im April 2017 beschlossen worden ist. Damit wurde ein Grundfehler beim Neubau des Klinikums in Winnenden bereinigt.

Von 2014, dem Jahr des Bezugs des Winnender Klinikums, bis 2018 haben sich die Zahlen der Rems-Murr-Kliniken deutlich verbessert.

Von 2014 bis 2018 ist die Zahl der Patienten von 40 300 auf 49 750 gestiegen. Die Betten in Schorndorf und Winnenden sind nicht nur zu Grippezeiten voll belegt.

Die beiden Krankenhäuser behandeln nicht nur deutlich mehr, sondern auch mehr schwerere Fälle als früher.

Die Rems-Murr-Bürger nehmen ihre Kliniken verstärkt an. Der Marktanteil stieg um 15 Prozentpunkte auf 56 Prozent.

Die Erträge erhöhten sich von 162 auf 219 Millionen Euro und das Defizit sank von 27,4 Millionen Euro im Jahr 2014 auf 18,7 Millionen im vergangenen Jahr. Seit 2015 hat der Landkreis die Verluste der Krankenhäuser mit insgesamt 92 Millionen Euro ausgeglichen.

Nachdem das Land im März 2018 dem Klinikum weitere 117 Planbetten in Winnenden genehmigt hatte, gewährte das Land jetzt auch die erhoffte Nachförderung der 70, einst auf eigenes Risiko geschaffenen Betten. Zusammen mit der Schlussabrechnung des Neubaus macht dies elf Millionen Euro aus. Diese Millionen schlagen sich in Zukunft bei der Abschreibung und der Finanzierung positiv nieder.