Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kreis: Ab 11.12. fahren Uralt-Züge – Ein Eisenbahnfan schwärmt

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Zug-Nerd und Eisenbahn-Filmer sowie Fotograf Gabriel Habermann jüngst am Bahnhof Merklingen bei leichtem Schneefall. © Gabriel Habermann
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190 Gunzenhausen 11.08.19
So oder so ähnlich wie dieser Zug (aufgenommen im Jahr 2019 auf einer Bahnstrecke bei Gunzenhausen) könnten die TRI-Ersatzzüge auf der Rems- und Murrbahn ab Sonntag (11.12.2022) aussehen.

Nicht wundern, ab Sonntag (11.12), punktgenau zum Fahrplanwechsel, verkehren auf der Regionalbahn-Strecke Stuttgart – Cannstatt Waiblingen – Schorndorf – Urbach – Plüderhausen und weiter nach Aalen anstatt Go-Ahead-Zügen Ersatzzug-Baujahre des letzten Jahrtausends. Kein Witz. Ebenso auf der Murrbahn-Strecke von Stuttgart über Waiblingen und Backnang bis Schwäbisch Hall. Sie sind modernisiert worden, aber ohne WLAN und eingeschränkt barrierefrei. Was ein Eisenbahnfan wie Gabriel Habermann aus Kleinheppach dazu sagt.

Ob Gabriel Habermann schon am Sonntag auf dem Bahnsteig steht, um die Asbach-Uralt-Züge zu fotografieren und in Nostalgie zu schwelgen, wie man das als eingefleischter Eisenbahn-Nerd, Zug-Filmer und -Fotograf wie er so macht?

"Kommt aufs Wetter an. Ich mag dunkle, kalte Witterung nicht so gern", sagt der 47-jährige Kleinheppacher und lacht. "Klar, in Eisenbahnforen wie drehscheibe-online.de bist du der König, wenn du was Seltenes fotografierst und präsentierst, und die Ersatzzüge von TRI werden ja nur zeitlich begrenzt bei uns im Rems-Murr-Kreis verkehren. Aber Fotos bei Sonnenschein und blauem Himmel sehen natürlich am allerbesten aus." Sprach er, kurz nachdem er am Freitagmorgen (9.12.) extra den ersten ICE auf der Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm abgelichtet hatte: "War leider ziemlich unspektakulär, auch aufgrund der Lichtverhältnisse und des Wetters."

Asbach-Uralt würde Habermann die Regionalbahn-Ersatzzüge aber gar nicht nennen. Im Grunde seien die Loks und Waggons, welche die TRI Train Rental GmbH im Auftrag von Go-Ahead und Landes-Verkehrsministerium ab Sonntag auf Rems- und Murrbahnstrecke zum Einsatz bringt, "unkaputtbar und noch mit hervorragenden Qualitätsansprüchen gebaut" worden und stammten größtenteils aus Altbeständen der Deutschen Bahn. "Alles sehr zuverlässiges Zugmaterial, generalüberholt und modernisiert. Zudem haben die den Vorteil, dass wenn irgendwo mal etwas kaputt ist, etwa an einer Achse, man einen Wagen auskuppeln kann und nicht den ganzen Zug wie bei modernen Fabrikaten in die Werkstatt bringen muss", sagt Habermann. Anders gesagt: "Das mit dem Auskuppeln von einzelnen Wagen hat den Vorteil, dass der Zug trotzdem noch fährt (halt mit einem Wagen weniger). Eine entsprechende Triebwagenfahrt würde komplett ausfallen."

Dass in so "alten" Zügen kein WLAN zur Verfügung stehen wird, findet Gabriel Habermann, der auch Fotoredakteur des Zeitungsverlags Waiblingen ist, gar nicht so tragisch: "In modernen ICE zum Beispiel ist durch Spezialscheiben die Mobilnetzverbindung behindert. In den TRI-Ersatzzügen mit älteren und vor allem aufmachbaren Fenstern funktioniert die Übertragung via mobile Daten aufs Handy wunderbar. Man braucht gar kein WLAN." Auf die zu öffnenden Fenster freut er sich besonders. "Aber klar nur im Frühling und Sommer. Endlich mal wieder bei der Regionalbahnfahrt Zugluft genießen", sagt Habermann.

Welche Zugverbindungen sind konkret betroffen?

Welche Zugverbindungen des Go-Ahead-Regionalbahn-Verkehrs durch Rems- und Murrtal betroffen sind, hat Go-Ahead am Freitagabend (9.12.) in einem Ersatzfahrplan-PDF auf seiner Homepage veröffentlicht, zudem einen Info-Flyer zu Hintergründen des Ersatzverkehrs.

„Der Anteil der Zugkilometer auf dem MEX 13 (Remsbahn), der ab 11. Dezember vorerst mit TRI-Ersatzzügen befahren wird, liegt bei 10,5 Prozent der Zugkilometer“, sagte Go-Ahead-BW-Pressesprecherin Daniela Birnbaum dieser Zeitung Ende November. „Auf der RE 90 sind es rund 29 Prozent der Zugkilometer mit TRI-Ersatzzügen. Dies liegt daran, dass auf der Murrbahn eine einzelne Zugverbindung (die Strecke von Stuttgart bis Nürnberg) wesentlich länger ist als auf der Remsbahn.“

Eingeschränkte Barrierefreiheit?

In dem Info-Flyer zu den hintergründen des Ersatzverkehrs wird auch näher darüber aufgeklärt, was Menschen mit Behinderungen angesichts der eingeschränkten Barrierefreiheit der Ersatzzüge beachten sollten.

„Eingeschränkt barrierefrei heißt, dass, wenn kein Hublift und nur eine Rampe vorhanden ist, Fahrer eines schweren, elektrischen Rollstuhls nicht einsteigen können. Alle anderen Rollstuhlfahrer aber schon“, sagt Go-Ahead-Pressesprecherin Diana Birnbaum. Alle Fahrgäste sollten sich deshalb vor Fahrtantritt informieren, ob ihre ab 11. Dezember gewählte Zugverbindung durch ein „eingeschränkt barrierefreies“ TRI-Ersatzfahrzeug bedient wird, und man dann halt den eine halbe Stunde früheren oder späteren Go-Ahead-Zug nimmt. Fahrgäste mit eingeschränkter Mobilität könnten weiterhin bei Go-Ahead ihre Reiseroute voranmelden sowie größere Gruppen ihre Gruppenreise: go-ahead-bw.de.

Welche Zugtypen kommen im Ersatzverkehr zum Einsatz?

Go-Ahead Baden-Württemberg (GABW) hatte mit dem Landes-Verkehrsministerium am 16. November bekanntgegeben, dass der neue „Digitale Knoten Stuttgart“ sukzessive mit der digitalen Sicherungstechnik European Train Control System (ETCS) ausgestattet werde. Die 66 elektrischen Triebzüge von GABW auf der Murrbahn (RE 90), Remsbahn (MEX 13) und der Frankenbahn (RE 18) müssten dazu schrittweise im laufenden Zugverkehr umgerüstet werden, und zwar ab 11. Dezmber. Den Zuschlag in der Ausschreibung für diesen Ersatzverkehr erhielt das Unternehmen TRI.

Laut TRI-Geschäftsführer Tobias Richter wird es sich bei den Ersatzfahrzeugen hauptsächlich um die 111er-E-Lok-Baureihe der Deutschen Bahn handeln. Vereinzelt würden auch 145er- und 146er-Loks und Dostos (Doppelstock-Züge) eingesetzt. „Je eine Garnitur bedient die Relation ab Stuttgart nach Nürnberg, Aalen, Ansbach (überwiegend n-Wagen, Steuerwagen mit Hublift oder Klapprampe, rollstuhlfreundliches WC) sowie Würzburg." – Der Vertrag soll drei Jahre laufen, so Richter.

„Allesamt außen in ihrer Hülle alt anmutend, aber zwischen 1997 und 2005 erneuert, und innen jedoch durchgehend modernisiert“, sagt Richter. Eingebaut seien neue generalüberholte Antriebssysteme, neue Sitzgarnituren, moderne barrierefreie WC-Anlagen, Lüftungssysteme und Heizung. Mit Fenstern, die man manuell öffnen und schließen kann, und, und, und. 

„Fahrrad-Mitnahme ist möglich, je nach Zug meistens 20, teilweise bis zu 40 Fahrräder“, sagt Richter.

Die vierachsige 111er-E-Lok wurde ursprünglich zwischen 1974 und 1984 mit einer Stückzahl von 227 im bis 1997 bestehenden Ausbesserungswerk Karlsruhe der Deutschen Bahn hergestellt. Hersteller-Konsortium: „Siemens, Krauss-Maffei, Henschel, BBC (Brown Boveri & Cie).

Bei der 145 handelt es sich um "die Baureihe E 44W der Deutschen Bundesbahn, eine Variante der Baureihe E 44 mit Widerstandsbremse" und "in Neubelegung seit 1997 eine Güterzug-E-Lok der Lokomotiven-Familie Bombardier Traxx".

Bei der 146 könnte es sich um elektrisch oder diesel-elektrisch betriebene Lokomotiven verschiedenster Baujahre handeln, um Vorläufer der Bombardier-TRAXX-Familie oder namensgleiche DB-Baureihen ab 2003 oder 2005.

Warum der Ersatzverkehr mit alten Zügen?

Dazu hat der Kleinheppacher Eisenbahn-Fan Gabriel Habermann folgende Erklärung parat: "Die Bahnverkehrsbranche ist seit der Privatisierung sehr fragmentiert. Früher hätte die Deutsche Bundesbahn in einem solchen Fall der Umrüstung noch Züge aus vielleicht Mecklenburg-Vorpommern nach Baden-Württemberg abziehen können oder auch mal eine Güterzug-Lok vor einen Personenzug gespannt. Die Bestückungsplanung mit modernen Zügen von Privatunternehmen wie Go-Ahead ist jedoch auf Spitz und Knopf genäht."

Deshalb schlage mittlerweile immer wieder die Stunde von privaten Eisenbahn-Leihunternehmen, von denen es bundesweit eine Handvoll mit der Größenordnung von TRI gebe, sagt Habermann. "Und deren Geschäftsmodell ist es eben, die alten, aber unkaputtbaren DB-Züge zu kaufen und zu modernisieren und bei Ersatzverkehr-Bedarf einzuspringen. Nur so scheint das heutzutage wirtschaftlich darstellbar zu sein. Die liefern dann auch gleich ausgebildetes Zug-Personal mit."

Nicht wundern, ab Sonntag (11.12), punktgenau zum Fahrplanwechsel, verkehren auf der Regionalbahn-Strecke Stuttgart – Cannstatt Waiblingen – Schorndorf – Urbach – Plüderhausen und weiter nach Aalen anstatt Go-Ahead-Zügen Ersatzzug-Baujahre des letzten Jahrtausends. Kein Witz. Ebenso auf der Murrbahn-Strecke von Stuttgart über Waiblingen und Backnang bis Schwäbisch Hall. Sie sind modernisiert worden, aber ohne WLAN und eingeschränkt barrierefrei. Was ein Eisenbahnfan wie Gabriel Habermann aus

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